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Werder Bremen : Finanzielle Schieflage

  • -Aktualisiert am

Ausgebremste Doppelspitze: Trainer Thomas Schaaf (r) und Sportdirektor Klaus Allofs Bild: dpa

Ohne Europacup-Teilnahme fehlen Einnahmen bei Werder Bremen. Manager Allofs will sich deshalb schon mal „außerhalb des Budgets bewegen“, Aufsichtsrat Lemke hält dagegen und verbietet weitere Transfers.

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          Freunde fürs Leben werden Klaus Allofs und Willi Lemke nicht mehr. Schon ihre Positionen bei Werder Bremen lassen das kaum zu: Der Aufsichtsratsvorsitzende Lemke soll die Arbeit des Vereinschefs Allofs ja durchleuchten und beaufsichtigen. Außerdem war Lemke als Manager Allofs' Vorgänger und erinnert gern mal an die guten, alten Zeiten. In der komplizierten Gegenwart strickt Allofs am neuen Bremer Kader, und dass das keine leichte Aufgabe ist, liegt auch an Lemke - der Chef der Kontrolleure hat gerade einen Transfer-Stopp verhängt. Bevor Allofs einkaufen darf, muss er verkaufen. Als Kandidaten für einen Verkauf gelten die Nationalspieler Tim Wiese, Per Mertesacker und Marko Marin. Allerdings soll es für keinen von ihnen ein konkretes Angebot geben.

          Allofs würde liebend gern sofort Geld in die Hand nehmen, um einen oder mehrere Abwehrspieler zu kaufen; in der Defensive sind die Bremer nämlich von einem ungewöhnlich heftigen Verletzungspech gebeutelt: in Naldo, Mertesacker und Prödl sind gleich drei Innenverteidiger verletzt, ernsthaft verletzt. Bei Mertesacker und Prödl ist unklar, wann sie ins Training zurückkehren. Da Petri Pasanen und Dominik Schmidt Werder verließen und auch die Außenverteidiger Boenisch und Silvestre auf unbestimmte Zeit ausfallen, spielt derzeit eine Defensive der Namenlosen für Bremen - beim 2:1-Testspielsieg am Dienstagabend bei Rotweiß Erfurt hießen die Innenverteidiger Balogun und Schoppenhauer, immerhin assistiert vom erfahrenen Andreas Wolf. Den ehemaligen Nürnberger hat Allofs in der größten Not ablösefrei geholt. Schon jetzt gilt Wolf als unentbehrlich.

          Nicht mal Sokratis Papastathopoulos darf ausgeliehen werden

          Allofs und Trainer Thomas Schaaf ist klar, dass man derart schwach besetzt nicht in die neue Saison gehen kann. „Aus sportlicher Sicht sollten wir unbedingt die Abwehr verstärken“, sagt Allofs, „der Aufsichtsrat weiß das.“ Doch die prekäre Finanzsituation verhindert selbst eine Ausleihe des griechischen Verteidigers Sokratis Papastathopoulos vom FC Genua. Aus Lemkes Sicht hat Allofs für die Zugänge Mehmet Ekici aus München und Lukas Schmitz vom FC Schalke schon genug Geld ausgegeben und das Budget ausgeschöpft - zusammen sechs Millionen Euro. Lemke sagt: „Wir befinden uns in einer schwierigen Situation, weil erheblich weniger Geld vorhanden ist als früher.“ Es fehlen die Einnahmen aus dem europäischen Wettbewerb, den Werder nach der vergangenen schwachen Saison mit dem 13. Rang ja mehr als deutlich verpasste.

          Nun fragt man sich in Bremen aber, was denn aus den Millioneneinnahmen der Jahre 2004 bis 2010 geblieben ist. Sechsmal in sieben Jahren erreichte Werder die Champions League. Hinzu kamen die Verkäufe der Stars Klose, Diego und zuletzt Özil. Werder gab allerdings auch kräftig Geld aus und investierte in Spieler, die den Klub nicht weiterbrachten - Carlos Alberto, Wesley und Marko Arnautovic. Zudem wurden die Gehälter der Stars angehoben. Und das, was bislang noch als Gerücht durch Bremen waberte, musste Allofs inzwischen auch zugeben: „Natürlich ist an der einen oder anderen Stelle auch Geld in den Umbau des Stadions geflossen.“ An der Weser sind die Kosten von den veranschlagten 60 auf 76 Millionen Euro hochgeschnellt. Das ist nicht ungewöhnlich bei Großbauten, doch soll Werder als Miteigentümer und Hauptnutzer für einen Großteil der Differenz aufgekommen sein.

          Die einnahmenorientierte Ausgabenpolitik bleibt erste Pflicht

          Für die kommende Spielzeit ergibt sich eine finanzielle Schieflage, die auf manchen Werderaner so ungewohnt wie bedrohlich wirkt. Wie reagiert man darauf? Allofs würde gern ins Risiko gehen, um den angepeilten Tabellenplatz in der Nähe der ersten fünf tatsächlich erreichen zu können. Er sagt: „Es ist doch keine außergewöhnliche Geschichte, wenn man sich mal außerhalb des Budgets bewegt.“ Lemke sieht das anders. Die einnahmenorientierte Ausgabenpolitik bleibt erste Bremer Vereins-Pflicht, sprich: Nicht mehr ausgeben, als man einnimmt. Doch wen soll Allofs anderen Klubs anbieten: Wiese, den Stammtorwart? Mertesacker, die Galionsfigur? Oder Marin, der zum Ende der vergangenen Serie endlich zeigte, was er kann?

          Schaaf beobachtet den Stillstand mit Sorge. Sein Verhältnis zu Willi Lemke ist besser als das von Allofs. Doch auch er bekam eine Abfuhr von Lemke, als er zuletzt Verstärkungen forderte. Daraufhin sagte der 50 Jahre alte Coach: „Wenn wir personell so in die Saison gehen, müssen wir etwas an den Zielen verändern.“ Übersetzt heißt das, dass Werder Bremen mit seinem mittelmäßig besetzten Kader auch nicht mehr als Rang acht bis zwölf erreichen kann. Das sieht Lemke ganz anders, er sagt: „Unser Ziel muss bleiben, an den internationalen Rängen dranzubleiben.“ Doch quasi ohne Abwehr muss das fast schon misslingen.

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