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Werder Bremen : Eine schrecklich nette Familie

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Wohin führt sein Weg? Klaus Aloffs leitet seit 1999 die sportlichen Geschicke von Werder Bremen Bild: dapd

Es war immer alles so schön harmonisch bei Werder Bremen. Doch bei den Vertragsverhandlungen zwischen Klaus Allofs und Willi Lemke geht es nicht nur um Inhalte. Ein Ende ist nicht absehbar.

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          Es gäbe so viel Schönes zu berichten: Von Naldos Freistoß-Tor gegen den VfB Stuttgart am Sonntag schwärmen die Bremer immer noch, und am liebsten würden sie die ganze Woche bis zum Spiel bei den Bayern erzählen, wie gut es der Werder-Defensive bekommt, einen Naldo zu haben, den viele hier schon besser finden als vor seiner langen Verletzung. Der SV Werder steht in der Spitzengruppe und kann - mit dem fröhlichen Führungsspieler Naldo - am Samstag in München zeigen, dass er da auch hingehört.

          Eigentlich eine angenehme Ausgangslage am Ende dieser Hinrunde, bedenkt man, dass die Bremer in der vergangenen Saison im Abstiegskampf zittern mussten. Doch es überwiegen die Misstöne im schönen sportlichen Aufschwung von der Weser. Da wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt, und selbst einen wohlmeinenden Schlichter wie den 70 Jahre alten Geschäftsführer Klaus-Dieter Fischer trifft der Zorn der Beteiligten.

          „Herr Fischer war bei den Verhandlungen nicht dabei“, sagte Klub-Chef Klaus Allofs am Sonntag mit ungewöhnlicher Schärfe, „ich wundere mich, dass nun Wasserstandsmeldungen abgegeben werden. Es ist seine Einschätzung, ohne dass er ganz nah dran ist.“ Was war passiert? Fischer, ein Mann des Ausgleichs, einer, der gern von der Werder-Familie spricht, hatte in der Halbzeit der Partie gegen den VfB gesagt, dass der Vertrag mit Allofs bald verlängert werde. Er gehe davon aus, dass in den nächsten Tagen Vollzug gemeldet werde.

          Vielleicht wünscht sich Harmoniemensch Fischer das. Die Fakten sind (noch) andere: Zwar trafen sich Allofs, der Bremer Geschäftsführer Profifußball, und die Aufsichtsräte Willi Lemke und Hubertus Hess-Grunewald am vergangenen Freitag zum dritten Mal, um darüber zu sprechen, ob es mit Allofs weitergeht bei Werder - die Zeit drängt ja, sein Vertrag läuft nämlich am 30. Juni 2012 aus. Und dem Vernehmen nach soll man sich auch angenähert haben. Doch in der Sache war Fischer zu forsch. Geeinigt haben sich die Parteien keineswegs.

          Aufsichtsratschef Willi Lemke (Foto vorne) gilt als Kritiker seines Nachfolgers Klaus Allofs
          Aufsichtsratschef Willi Lemke (Foto vorne) gilt als Kritiker seines Nachfolgers Klaus Allofs : Bild: dapd

          Es geht in Bremen nämlich nicht nur um Inhalte, sondern um Macht. Lemke, der wie Allofs keine „Wasserstandsmeldungen“ abgeben will, gilt als Allofs-Kritiker. Ein allzu enger Allofs-Freund war er auch in den Zeiten großer Erfolge nicht. Nun nimmt er das schlechte Abschneiden der vergangenen Saison und einige krasse Fehleinkäufe Allofs’ zum Anlass, ihn besser kontrollieren zu wollen: Die Rede ist zum einen von einem Vertragsangebot über drei Jahre mit leistungsbezogenen Bezügen.

          In Allofs’ Augen ein Affront. Es ist davon auszugehen, dass er nur ohne einen solchen Passus bei Werder unterschreibt. Zum anderen hätte Lemke gern einen Mann mit sportlichem Know-how im Aufsichtsrat, quasi als Gegengewicht zu Allofs, der in der Tat mit großer Machtfülle arbeitet. Seit der Mitgliederversammlung Anfang November ist er gefunden - der ehemalige Nationalspieler Marco Bode wurde als Nachrücker ins höchste Gremium gewählt; sollte jemand unvorhergesehen ausfallen, könnte Bode aufrücken.

          Eigentlich unzertrennlich: Trainer Thomas Schaaf (Foto links) und Klaus Allofs
          Eigentlich unzertrennlich: Trainer Thomas Schaaf (Foto links) und Klaus Allofs : Bild: dpa

          Lemke schätzt Werders Ehrenspielführer sehr. Zäh hält sich zudem das Gerücht, Lemke habe für den Fall einer Allofs-Absage den derzeit arbeitslosen früheren Bremer Profi Dietmar Beiersdorfer als Sportchef in der Hinterhand. Lemkes Sticheleien begannen im Sommer. Damals hatte Allofs unter Hinweis auf die vielen Verletzten einen neuen Verteidiger gefordert und ihn in Sokratis gefunden - der Grieche war für 600.000 Euro Leihgebühr auf dem Markt.

          Lemke forderte damals mit Blick auf den angespannten Werder-Haushalt, bevor eingekauft werden könne, müsse verkauft werden. Allofs setzte sich durch und bekam den Spieler - auch, weil Trainer Thomas Schaaf ihn unterstützte. Dass die Auseinandersetzung Lemke vs. Allofs öffentlich ausgetragen wurde, war für Bremer Verhältnisse ungewöhnlich. Radio Bremen spottete, der Klub sei „von der netten Werder-Familie so weit entfernt wie Griechenland von einem ausgeglichenen Staatshaushalt“.

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          Ein halbes Jahr und viele Siege später wird die Zeit knapp. 13 Verträge laufen aus, darunter die von Torwart Tim Wiese, Torjäger Claudio Pizarro und Kapitän Clemens Fritz. Viel Arbeit also für Allofs, der ja auch noch einen anderen, nicht ganz unwichtigen Kontrakt aushandeln muss: den neuen von Trainer Schaaf. Auch dessen Arbeitsvertrag in Bremen endet im nächsten Sommer. Geredet haben die beiden schon. Eine Einigung steht noch aus. Ob Schaaf seinen Verbleib an der Weser an Allofs Zukunft knüpft? So weit würde er wohl nicht gehen. Lemke ist ja auch ein großer Befürworter der Arbeit des Trainers, und Schaaf will sich in die Fehde der beiden nicht hineinziehen lassen.

          Von ihm gibt es öffentlich kein Wort dazu. Was er nach innen macht, ob er bei Lemke für Allofs wirbt, das bleibt nur Spekulation. Klar ist, dass Werder einen Teil seiner Stärke immer aus der gut abgestimmten Zusammenarbeit Schaaf/Allofs gezogen hat: die beiden lassen sich von niemandem auseinanderdividieren. Und schaut man in die Liga, wäre da ja auch kein attraktiver Posten frei, der Allofs reizen könnte. Ein wie auch immer geartetes Ergebnis in der Sache Lemke contra Allofs soll es bis Jahresende geben.

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