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1:0 gegen Frankfurt : Ausnahmezustand in Bremen

Völlig losgelöst: Tor-Vorarbeiter Anthony Ujah (rechts) ist nach dem Bremer Siegtreffer kaum noch einzufangen. Bild: pixathlon / Osnapix

Was für ein Drama! Frankfurt will mit einem 0:0 davonkommen und wird bestraft. Das späte Tor rettet Bremen und löst einen Orkan des Jubels aus. Die Eintracht muss nun in die Bundesliga-Verlängerung.

          3 Min.

          Einunddreißig Stundenkilometer zeigte der „Karacho-Tacho“ auf der Anzeigetafel. Anthony Ujah hatte den Ball mehr Richtung Tor gestreichelt als geschossen. Als Papy Djilobodji ihm dann den letzten Kick gab, war das der Moment, in dem ein Orkan des Jubels durchs Weserstadion brandete. 88 Minuten waren die Bremer vergebens gegen das Frankfurter Bollwerk angerannt. Am Ende, als Kräfte und Struktur sichtlich geschwunden waren, deutete eigentlich alles schon auf ein 0:0 hin – und damit auf eine unveränderte Konstellation am Tabellenende.

          Doch durch Djilobodjis Treffer nach einem Freistoß und einer konfusen Situation im Frankfurter Strafraum kletterte Werder doch noch auf Rang 13 und schaffte den Klassenverbleib. Die Eintracht hingegen, die lange Zeit cool, wenngleich etwas passiv, dagegengehalten hatte, muss nun in die Relegation gegen den 1. FC Nürnberg, deren erster Teil am Donnerstag mit Heimrecht für den Bundesligaklub beginnt. Ultimativer Showdown ist dann am Montag in Nürnberg.

          Verdient war der Erfolg für Werder, das an diesem Samstag alles in die Waagschale warf, während die Eintracht meinte, mit dem 0:0 davonzukommen. Es war auf jeden Fall Abstiegskampf in einer neuen Dimension. Eine gute Stunde vor Anpfiff gab es vor dem Stadion für die, die es wollten, Gänsehaut-Atmosphäre. Wie bei den Heimspielen zuvor hatten sich Tausende Bremer Fans schon am Osterdeich versammelt, um die Ankunft des Mannschaftsbusses zu feiern. Zuerst musste der Frankfurter Bus durch das grün-weiße Spalier.

          Schrittgeschwindigkeit wäre weit übertrieben, es war eher Schneckentempo, in dem das Gefährt die Rampe herunterkam, berittene Polizei vorweg. Der Bremer Bus schaffte es schneller, begleitet von Anfeuerungen, Gesängen und jeder Menge grüner Luftballonherzen. Es war auch ein von ungezählten Handys gefilmter Akt der Selbstvergewisserung. Die prekäre Lage Werders hatte Energien des Widerstands und der Identifikation in der Hansestadt geweckt, wie man es nur – wenn überhaupt – aus den besten und erfolgreichsten Jahren kannte. Seit der Heimniederlage gegen Augsburg, nach der die Stimmung zu kippen drohte, herrschte im besten Sinne Ausnahmezustand in Bremen.

          So sehen Sieger aus: Werder feiert den Klassenverbleib gemeinsam. Bilderstrecke
          So sehen Sieger aus: Werder feiert den Klassenverbleib gemeinsam. :

          Doch auch die Frankfurter waren mit einem Hochgefühl gekommen. Unter Niko Kovac hatte sich die Mannschaft nicht nur erkennbar stabilisiert, sondern zuletzt auch, mit etwas Fortune, drei Spiele am Stück gewonnen. Vor allem das 1:0 gegen Dortmund war ein Mutmacher der besonderen Sorte. Und sie wurden von 4000 Fans großartig unterstützt. Der Beginn im Weserstadion war nervös – und nichts für schwache Nerven.

          Pizarro verpasste in den Anfangsminuten zwei Mal eine vielversprechende Hereingabe von Öztunali, auf der anderen Seite aber verhinderte Torwart Wiedwald die Frankfurter Führung bei einem Kopfball von Ben-Hatira. Kovac hatte kurz vor Beginn noch Stendera, der schon auf dem Mannschaftsbogen stand, wegen Rückenproblemen durch Ignjovski ersetzen müssen. Auf Huszti konnte er wegen dessen fünfter Gelber Karte nicht zurückgreifen. Bei Werder begann Maximilian Eggestein für den ebenfalls gesperrten Bartels.

          Die Dramaturgie schien sich ganz im Bremer Sinne zu gestalten. Nach zehn Minuten informierte der Stadionsprecher über den Klassenverbleib der U23 in der dritten Liga, kurz darauf erreichte die Kunde vom Wolfsburger 1:0 das Weserstadion. Nun hatte Werder den Rücken frei. Und Viktor Skripniks Team war die dominierende Mannschaft. Es hatte eine gute Balance, wie die Bremer dieses 90-Minuten-Projekt angingen: mutig, aber nicht übermütig.

          Je länger die erste Hälfte dauerte, desto sicherer wirkten Aufbauspiel und Zweikampfführung. Die Eintracht ging die Sache eher unaufgeregt und geduldig an. Sie tat aber des Guten vielleicht doch ein bisschen zu wenig, wenngleich sie noch eine großartige Chance besaß, als wiederum Wiedwald einen Schuss von Hasebe entschärfte. Keine Tore zur Pause im Weserstadion, Wolfsburg führte nun 2:0. Bremen und Frankfurt – das waren ja auch zwei grundverschiedene Arten, im Abstiegskampf zu handeln. Beide erwiesen sich im Grunde als richtig.

          Bei der Eintracht tat es not, sich von Armin Veh zu trennen, unter dem die Mannschaft eine beunruhigende Lethargie entwickelt hatte. Auf Bremer Seite entschied man sich, mit Skripnik weiterzumachen. Eine Trennung zu einem früheren Zeitpunkt in der Saison wäre allemal eine Überlegung wert gewesen angesichts der heftigen Schwankungen, die dieses Team immer wieder schüttelten. Als es aber um alles ging, rettete das gute Binnenklima Skripnik den Job. Und die Mannschaft tat eine Menge, um den Schaden zu begrenzen.

          Nach der Pause blieb das Bild im Grunde das Gleiche, nur zu Chancen kam es nun zunächst nicht mehr. Nach einer Stunde kamen Chandler für Djakpa bei der Eintracht und Ujah für Eggestein bei Werder. Kurz darauf vergab Junuzovic nach Öztunalis Vorarbeit die beste Chance der zweiten Hälfte. Kovac brachte nun mit Zambrano für Ben-Hatira noch mehr Defensive, Werders Offensive wirkte nicht mehr sonderlich zwingend. Bis Junuzovic einen Freistoß trat und Ujah dem Ball, dem Tag, dem Saisonfinale die Richtung gab.

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