https://www.faz.net/-gtm-aaqj4

Lange Jahre bei Werder Bremen : Das Auf und Ab der Traineraktie Florian Kohfeldt

  • -Aktualisiert am

Hängt in Bremen fest: Trainer Florian Kohfeldt Bild: EPA

Die Zeit im Kampf gegen den Abstieg zählt doppelt: Florian Kohfeldt war einst einer der begehrtesten Trainer der Fußball-Bundesliga. Das hat sich geändert. Warum?

          3 Min.

          Bis Thomas Schaaf fehlen knapp 4000 Tage. Eine Bremer Bestmarke, die Florian Kohfeldt mit großer Wahrscheinlichkeit verfehlen wird. Welcher Bundesliga-Trainer sitzt noch 14 Jahre bei einem Verein auf der Trainerbank? Selbst Christian Streich müsste dafür noch fast fünf Jahre beim Sport-Club Freiburg ausharren.

          Bundesliga

          Florian Kohfeldt ist mit seinem Debüt als Übungsleiter der Grün-Weißen am 31. Oktober 2017 aber schon der Trainer in der Bundesliga, der nach Streich am längsten dabei ist. Kein schlechter Wert für den 38 Jahre alten Delmenhorster in einem Verein, der nach Schaaf (1999 bis 2013) drei Trainer verschliss, ehe Kohfeldt für Stetigkeit sorgte. Bei Werder gibt es traditionell eine Sehnsucht nach einem langjährigen Cheftrainer; auch vor Schaaf gab es dort ja den einen, der eine Ära prägte. Aber wird es Florian Kohfeldt je gelingen, Erfolge in Form von Titeln zu erringen, wie es Thomas Schaaf und, ja genau, Otto Rehhagel schafften?

          Mit dem Blick zurück in die Saison 2017/18 lässt sich Kohfeldts enormer Rückhalt im Klub und in Bremen gut erklären. Da war nicht nur der Klassenverbleib. Da war auch ein Versprechen auf eine bessere Zukunft, was die Qualität des Fußballs betraf. Übertroffen wurde die punkteträchtige Rückrunde 2018 noch von der zweiten Saisonhälfte 2019. Werder Bremen bot den Großen die Stirn, spielte Fußball alter Prägung, hatte in Max Kruse einen mutigen Anführer, verpasste die Europapokal-Plätze nur knapp.

          Ein Verein mit Phantasie

          Werder war wieder ein Verein mit Phantasie. Dieser Trainer, redegewandt, witzig, nahbar, nahm den Klub und die ganze Stadt mit. Detailbesessen, stark im Coaching, mutig in der Taktik: Florian Kohfeldt hatte Konjunktur. Vieles schien möglich für ihn. Würden Bremen und Werder bald zu klein für jenen Mann sein, der einst in der dritten Mannschaft der Grün-Weißen im Tor gestanden hatte?

          In diesen Tagen hat das Trainerkarussell in der Fußball-Bundesliga enorm an Fahrt aufgenommen, nicht nur durch Hansi Flick. Die modernen, attraktiven Coaches haben einen Karriereplan, der Wechsel zum überraschenden Zeitpunkt vorsieht. Wie bei Marco Rose und Adi Hütter. Steffen Baumgart verlässt seinen Zweitligaklub Paderborn, schaut sich nach mehr um, strebt nach Höherem. Vor gar nicht so langer Zeit galt Florian Kohfeldt als Mann für Wolfsburg, Dortmund gar. Oder England? Zuletzt fiel sein Name in Gladbach. Aber so recht glaubte man das im Januar schon nicht mehr.

          F.A.Z. Frühdenker – Der Newsletter für Deutschland

          Werktags um 6.30 Uhr

          ANMELDEN

          Wenn Kohfeldt vor knapp zwei Jahren Phantasien größerer Klubs beflügelte, hängt er jetzt bei Werder fest. Natürlich würde er das nie so sagen. Kohfeldt ist loyal, er hat eine enge Bindung zum Klub, sein Verhältnis zu den Entscheidern Frank Baumann und Marco Bode ist fest und freundschaftlich. Aber die Saison 2019/20 hat gezeigt, dass sich auch der talentierteste Trainer am vermeintlich perfekten Standort verzetteln kann.

          Als Werder im Juni 2020 in den aufreibenden Spielen gegen den 1. FC Heidenheim so gerade den Klassenverbleib geschafft hatte, sagte Kohfeldt, er müsse sich überlegen, ob er weitermache. Das klang für viele überraschend. War es nicht eher eine Gnade des Klubs, ihn nach dieser schlechten Serie nicht entlassen zu haben? Der gefeierte Chef stand nun für den Absturz, für den tiefen Fall eines Traditionsvereins, der vor der Saison vom Europapokal gesprochen hatte und nun die Quittung dafür bekam, lange die Augen vor dem Abstiegskampf verschlossen zu haben.

          Aus Überzeugung

          Kohfeldt war der Stress der Relegation am Gesicht abzulesen. Baumann hielt an Kohfeldt fest – aus Überzeugung, nicht weil der Vertrag noch bis Ende Juni 2023 läuft. Kohfeldt nahm sich den Familienurlaub, um über sich und Werder nachzudenken. Denn ihm war vollkommen klar: Es ist ein langer Weg, mit den Bremern dahin zurückzukommen, wo man im Mai 2019 war. Trotzdem machte er weiter.

          Nun bekommt Kohfeldt die Quittung. Was nach bemerkenswert schneller Rettung mit einem günstigen und jungen Kader aussah, wird nach vier Niederlagen in Serie wieder eng. Am Sonntag geht es zum Spiel bei Borussia Dortmund (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky). Der Vorsprung vor Rang 16 beträgt derzeit vier Punkte. Mit dieser Mannschaft ist der Klassenverbleib ein Erfolg. Anders hat das bei Werder auch niemand kommuniziert. Anständig geht Kohfeldt den sparsamen Weg der Klubführung mit. Kein Murren, kein Jammern in der Öffentlichkeit, Kohfeldt zahlt Vertrauen zurück. Kohfeldt hat den Bremer Fußball den Bedürfnissen angepasst. Das spricht für seine Qualitäten als Trainer. Aber wie sind die Aussichten?

          Werder Bremen hat Teile der coronabedingten Einnahmeausfälle durch Kredite ausgeglichen, zudem soll eine Anleihe her. Im Sommer werden namhafte Spieler abgegeben werden müssen. Noch mehr Jugend im Kader heißt das für Kohfeldt, weniger gestandene Profis. Das kann reizvoll sein. Aber es hat seine Grenzen. Es fällt schwer, sich für Werder Bremen und Florian Kohfeldt mehr als Abstiegskampf auszumalen in den kommenden Jahren. Jahre im Abstiegskampf, heißt es, zählen doppelt. So anstrengend sind sie. Auch deswegen hielt Schaaf so lange durch: Er stand fast immer oben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nicht alle zahlen hohe Steuern: Passanten gehen auf der Bahnhofstraße durch die Innenstadt von Hannover.

          IW-Studie : Wer trägt welche Steuerlast?

          Allen Steuertarifkorrekturen zum Trotz: Auf die unteren 70 Prozent entfallen 21 Prozent der Einkommensteuer – wie schon 1998. Damit zahlen 30 Prozent aller Haushalte in Deutschland fast 80 Prozent dieser Abgabe.
          Kann losgehen: In Kiel werden die Strandkörbe für Touristen aufgestellt.

          F.A.Z. Frühdenker : Sinkende Inzidenz, wachsende Freiheiten

          In weiteren Städten mit niedriger Inzidenz wird gelockert. Schauen Sie nach, wie hoch ihre persönliche Steuerlast ist. Und Boris Palmer von den Grünen hat den Bogen überspannt. Der F.A.Z.-Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.