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Ribéry und das Gold-Steak : Warum die Empörung beim FC Bayern so gering ist

Wäre Franck Ribéry (links, mit seiner Frau Wahiba beim Oktoberfest 2012) mal bei der Brezel geblieben ... Bild: Picture-Alliance

Franck Ribéry reagiert mit unsäglichen Beleidigungen auf die Kritik an seinem Verzehr eines goldenen Steaks. Nicht zum ersten Mal verliert er die Kontrolle. Der FC Bayern reagiert mit einer Minimal-Sanktion. Warum nur?

          Das Ding sieht etwas unförmig aus, fast wie die Keule eines Neandertalers, allerdings glitzert es schöner. Und vielleicht sollte der FC Bayern sich ein Exemplar mit nach Hause bringen, um es in seiner „Erlebniswelt“ neben den anderen glänzenden Trophäen auszustellen. Denn das mit 24-karätigem Blattgold belegte Ribeye-Steak am Knochen, das sich Franck Ribéry im Dubai-Urlaub gönnte, dann ins Internet stellte und schließlich mit unsäglichen Beleidigungen für all die garnierte, denen das nicht schmeckte – dieses etwas geschmacklose Stück Fleisch wirkt sinnbildlich für den schlechten Stern, unter dem das alljährliche Trainingslager in Qatar für den deutschen Fußballmeister steht.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Das Neue bei der neunten Reise in das Emirat mit dem üblen Leumund und dem vielen Geld ist, dass die alljährliche Kritik, üblicherweise gerichtet gegen die geschäftstüchtige Verharmlosung der Menschenrechtssituation des Landes, dessen Namen die Bayern auf dem Trikotärmel tragen, diesmal aus ungewohnter Richtung kommt: als Restaurantkritik. Eigentlich auch als Stilkritik, wobei sich dieses Wort im Zusammenhang mit Ribéry quasi verbietet. Vor allem in seiner französischen Heimat ist der Ruf des Flügelstürmers seit seiner Rolle bei der Meuterei der „Équipe Tricolore“ während der WM 2010 und seit einer Affäre mit einer minderjährigen Prostituierten ruiniert.

          Aus Frankreich kamen denn auch die bösesten Kommentare zu dem angeblich 1200 Euro teuren Gold-Steak. Dass es möglicherweise günstiger war (ohne Gold steht es nur mit rund 240 Euro auf der Speisekarte des kurdisch-türkischen Kochs Nusret Gökçe, der auch schon Fußball-Gourmets wie Lionel Messi oder Gianni Infantino bewirtet hat), ja vielleicht sogar gratis, wie ein Bayern-Sprecher behauptet, also nur eine Art Gegenleistung für den Werbeeffekt, lässt die Sache nicht weniger „dekadent“ erscheinen – eines der meistverwendeten Adjektive in den Reaktionen in den sozialen Medien.

          Ribéry ist in elfeinhalb Jahren bei den Bayern öfter als jeder andere durch Kontrollverluste aufgefallen. Um sie schadlos zu überstehen, brauchte er die ganze Protektion des mächtigsten deutschen Klubs. Nun, in seiner wohl letzten Spielzeit, die er zu gern verlängert sähe, nimmt die Häufigkeit noch zu. Im September soll er einen Fotografen attackiert haben. Im November ohrfeigte er einen französischen Journalisten. Nun toppt er das alles und diffamiert alle Kritiker seiner Speisewahl oder vielmehr: seines Posierens damit, als „Neider und Hasserfüllte“, die ihre Geburt allein einem „Loch im Kondom“ verdankten. Seine Aufforderung, was diese „Neider“ mit ihren Müttern, Großmüttern oder auch ihrem „gesamten Stammbaum“ tun sollten, ist nicht zitierbar.

          Bei alldem glaubt sich Ribéry mit höheren Mächten im Bunde. „Ich schulde euch nichts, meinen Erfolg habe ich vor allem Gott zu verdanken, mir selbst und meinen Lieben, die an mich geglaubt haben. Für alle anderen: Ihr seid nicht mehr als Kieselsteine in meinen Socken.“ Zur Seite steht ihm Gattin Wahiba: „Armes Frankreich, dass es so viele Idioten und Arschlöcher gibt.“ Den Landsleuten empfiehlt sie das Vorbild der „Gelbwesten, die sich über die wichtigen Personen beschweren, die Geld verprassen, statt sich darum zu kümmern, was Herr Ribéry zum Abendessen hat“.

          Mit gutem Beispiel an Gelassenheit geht Bayern-Trainer Niko Kovac voran. „Kann mir das jemand zeigen?“, fragte er, „überrascht“ von dem Thema, als man ihn nach der Ankunft in Qatar auf Ribérys kontroverse Mahlzeit ansprach, und fand dann: „Es muss jeder für sich selbst entscheiden, was und wie er es macht. Das ist ein Teil der Demokratie.“ Auch ein Klubsprecher erklärte die Sache zunächst zur „privaten Angelegenheit“, und Sportdirektor Hasan Salihamidzic missbilligte lediglich „die Wortwahl“.

          Mehr moralische Empörung verbietet der Eigennutz. Denn obwohl mit Kingsley Coman und dem neuverpflichteten 18-jährigen Kanadier Alphonso Davies, dem Kovac „riesiges Potential“ bescheinigt, am Samstag am ersten Training in Qatar zwei junge Flügelstars teilnahmen, während ein weiterer, Serge Gnabry, nach Muskelfaserriss Aufbauübungen machte und, vor den Augen Münchner Scouts, ein möglicher vierter, der von den Bayern umworbene Callum Hudson-Udoi, beim 2:0-Pokalsieg von Chelsea gegen Nottingham wirbelte, weiß noch niemand, wie sehr der FC Bayern neben dem scheidenden Arjen Robben in seiner zehnten Saison auch den unberechenbaren Ribéry in seiner zwölften noch brauchen wird. Im letzten Spiel 2018, dem 3:0-Sieg in Frankfurt, hatte er mit zwei Toren geglänzt.

          Auf dem Transfermarkt bastelt der Meister kräftig an der Zeit nach Ribéry, aber noch ist sie nicht angebrochen. Zu früh also für moralische Argumente. So verkündete der Verein denn am Sonntag, als die öffentliche Empörung zu rapide gewachsen war, um sie noch zu ignorieren, für den guten Franck, dem im Versuch der Selbstverteidigung die Sache „völlig entgleist“ sei, auch nur die Minimal-Sanktion. Sie tut keinem weh, schon gar nicht einem achtstellig verdienenden Kicker: eine Geldstrafe. Eine „sehr hohe“ immerhin, wie betont wurde. Künftig wird es wohl ein paar Steaks weniger geben.

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