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Zukunft bei Borussia Dortmund : Wie man es auch dreht und wendet

  • -Aktualisiert am

Hofft noch auf die Meisterschaft in der Bundesliga: Dortmund-Trainer Lucien Favre Bild: dpa

Last-Minute-Meisterschaft? Hat Lucien Favre schon einmal erlebt. Aber wie wird das Urteil sein, wenn der BVB es doch nicht schafft? Ein neuer Name für den Trainerposten in Dortmund kursiert bereits.

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          Ein sanftes Lächeln umspielt die Lippen von Lucien Favre, als er bei seinem letzten Auftritt vor dem großen Bundesligafinaltag an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) auf eine Tatsache hinweist, die eigentlich keinen Nachrichtenwert hat. „Ein paar Mannschaften kämpfen um den Titel, das ist sehr spannend dieses Jahr“, sagt der Trainer von Borussia Dortmund, er hat offenkundig Freude an dieser Feststellung.

          Bundesliga

          Viel mehr als seine Worte erzählen allerdings Favres Gesichtszüge, seine blitzenden Augen. Der Schweizer wirkt geradezu gelöst in den Tagen vor dem Fernduell mit dem FC Bayern um die deutsche Meisterschaft, „alles ist möglich“, kündigt er an, möglicherweise fühlt der 61 Jahre alte Fußballlehrer ähnlich wie Hans-Joachim Watzke. Eigentlich erscheinen die Chancen auf den Titelcoup beim Blick auf die Tabelle ja nicht besonders gut, aber der Geschäftsführer des BVB meint, „dass die Möglichkeit nicht so klein ist, wie der ein oder andere glaubt“, er spüre, „dass der BVB vor großen Dingen steht“.

          Nachdem Watzke am vorigen Wochenende zumindest verbal allen Druck „nach Süden“ gejagt hat, sind die Dortmunder nun eine Woche lang damit beschäftigt, den eigenen Klub vor dem Spiel gegen Borussia Mönchengladbach positiv aufzuladen, obwohl gerade Favre viel zu verlieren hat. Schließlich geht es auch um die Frage, in welchem Licht dieser besondere Fußballtrainer und seine Zukunft als Führungskraft im BVB-Projekt künftig betrachtet werden: Wird Favre als Mann gelten, der einen Neun-Punkte-Vorsprung vor den Bayern verspielt und die kostbare Chance verpasst hat, eine Schwächephase des Dauermeisters aus München zum eigenen Triumph zu nutzen? Oder wird er als Zauberer gelten, der das Kunststück vollbrachte, gleich im ersten Jahr eines über mindestens zwei Spielzeiten angelegten Umbruchs Meister zu werden?

          Eine toxische Mischung

          Seit dem 0:5 beim FC Bayern Anfang April wird viel über die vermeintlichen Defizite dieses Fußballtrainers diskutiert, die eigentlich seit etlichen Jahren bekannt sind. Favre ist kein Einpeitscher, kein Aufrüttler, kein Typ, der das Testosteron in den Blutbahnen der Spieler und Fans zum Kochen bringt. „Wir wussten immer, was für einen Trainer wir bekommen würden“, sagt Sportdirektor Michael Zorc wieder und wieder, aber in Dortmund fällt das zurückhaltende Wesen Favres besonders auf, weil hier jeder Trainer automatisch mit dem begnadeten Fußball-Rhetoriker Jürgen Klopp verglichen wird.

          In Fachzeitschriften wurde bereits über die „verschenkte Meisterschaft“ gespottet, und als der Dortmunder Chefcoach in den aufwühlenden Stunden nach der Heimniederlage im Revierderby gegen Schalke zum Titelrennen sagte, „es ist vorbei“, festigte sich das Bild vom Zauderer, dem die Widerstandskraft im Umgang mit Rückschlägen fehlt. Nun besteht die Gefahr, dass eine verpasste Titelchance und die Debatten über Favres sachlich-fachliche Arbeitsweise eine toxische Mischung ergeben.

          Rund um den Klub wird geraunt, dass die Verantwortlichen längst sehr genau auf die Entwicklung von Florian Kohfeldt bei Werder Bremen schauen. Der Antrieb zur fortwährenden Selbstoptimierung ist gewaltig dort in der Phalanx der besten zehn, zwölf europäischen Klubs, der der BVB gerne angehören möchte. Das betrifft natürlich auch die Trainerposition. Schnell vergessen wird in dieser Gemengelage der vergangenen Wochen, wie stabil der BVB ganz unabhängig vom Ausgang des Titelrennens über die nun zu Ende gehende Saison aufgetreten ist.

          Schon jetzt hat Favre deutlich mehr Punkte gesammelt als der unvergessene Ottmar Hitzfeld in seinen Meisterjahren 1995 und 1996. Sollte der BVB in Mönchengladbach gewinnen, hätte selbst Jürgen Klopp nur in einem seiner sieben Dortmunder Jahre mehr Punkte erspielt als Favre. Team und Trainer haben ganz unabhängig vom letzten Spieltag „eine tolle Saison gespielt“, findet Watzke, die Frage ist nur, ob sich das auch so anfühlen wird.

          Vieles wäre ohne Favre kaum denkbar

          In jedem Fall ist die Entwicklung von Talenten wie Jadon Sancho, Dan-Axel Zagadou oder Jacob Bruun Larsen, die als Teenager in die Saison gingen, ein Verdienst des Trainers. Dass Marco Reus die beste Saison seit Jahren spielt, wäre ohne Favre ebenfalls kaum denkbar, Roman Bürki wurde vom Unsicherheitsfaktor zu einem international anerkannten Spitzentorhüter; wie genau all diese Entwicklungen über die Saison historisch eingeordnet werden, hängt nun von einem Spieltag ab, und da gehe es dann „auch um Dynamiken, die entstehen in den beiden Stadien“, sagt Sportdirektor Zorc.

          „Wenn wir in Führung gehen, würde das direkt etwas auslösen“, der FC Bayern geriete unter Druck, die Fußballnation dürfte auf Drehungen und Wendungen in einem großen Drama hoffen. Favre jedenfalls freut sich auf den bevorstehenden Showdown, in dem sein Kapitän Reus nach seiner abgesessenen Rot-Sperre wieder mitwirken darf. Und der Trainer kann in seiner Spielvorbereitung auf beste Erfahrungen mit solch einem Herzschlagfinale um einen nationalen Titel zurückblicken.

          2006 spielte Favre in der Schweiz mit dem Tabellenzweiten FC Zürich beim Ersten aus Basel und brauchte einen Sieg, um die Meisterschaft zu gewinnen. Nach 90 Minuten stand es 1:1, Basler Spieler auf der Bank hatten schon die bereitgelegten Meister-T-Shirts übergestreift, als Iulian Filipescu Favres junge Mannschaft in der Nachspielzeit doch noch zum ersten Zürcher Titelgewinn nach 22 Jahren schoss, spektakulärer kann man keine Meisterschaft gewinnen. Vielleicht ist es auch die Erinnerung an diesen wundersamen Moment, die Favres Züge strahlen lässt vor diesem aufregenden Schlussakt einer wunderbaren Bundesligasaison.

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