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Krise beim VfB Stuttgart : Warum selbst ein neuer Trainer nicht helfen würde

Unklare Zukunft: Wie lange Markus Weinzierl noch Trainer beim VfB Stuttgart bleiben wird, ist offen. Bild: dpa

Der VfB Stuttgart peilte die internationalen Wettbewerbe an – und muss längst um den Klassenverbleib bangen. Vorerst noch mit Markus Weinzierl. Doch allem zu Grunde liegt eine andere, große Fehleinschätzung.

          Was Michael Reschke vor dieser Saison gesagt hatte, klang durchaus ambitioniert. „Wenn ich unseren Kader sehe, ist klar: Der VfB Stuttgart wird mit dem Abstieg am Ende nichts zu tun haben.“ Die aktuelle Lage stellt sich jedoch anders dar. Mit gerade einmal 15 Punkten steht der VfB nach 21 Spielen auf dem Relegationsrang. Vier Siege, drei Unentschieden, 14 Niederlagen. 17 geschossenen Toren stehen 47 Gegentreffer gegenüber. Der schlechteste Wert der Liga. Was der Stuttgarter Sportvorstand im Gespräch mit der F.A.Z. vor Saisonbeginn also gesagt hatte, war nicht nur ambitioniert, es war hochmütig.

          Jan Ehrhardt

          Sportredakteur.

          Der Fall, der folgte, ist tief. Und die desaströse Leistung beim 0:3 gegen Fortuna Düsseldorf hat gezeigt: Es kann sogar noch weiter bergab für den Traditionsklub gehen. Mit Hannover 96 (14 Punkte) und dem 1. FC Nürnberg (12) stehen weiterhin zwei Mannschaften im Klassement hinter dem VfB. Wohl auch deshalb will Reschke mit Markus Weinzierl weitermachen, obwohl dieser immer mehr in die Kritik gerät – und nach zehn Niederlagen aus 14 Spielen den zweitschlechtesten Punkteschnitt (0,71) aller Stuttgarter Cheftrainer überhaupt aufweist. Nur Armin Veh hatte in seiner zweiten Amtszeit in der Landeshauptstadt einen niedrigeren Wert (0,69, Saison 2014/15).

          Dem VfB droht der Abstieg

          „Er wird gegen Leipzig auf der Bank sitzen“, sagte der Sportvorstand nun am Montag beim ersten Training nach dem Debakel in Düsseldorf und bezog sich dabei auf Weinzierl, der nach einer möglichen Niederlage am kommenden Wochenende gegen RB Leipzig dennoch zum nächsten Bauernopfer des sportlichen Niedergangs beim VfB werden könnte.

          In Tayfun Korkut hat Reschke schon einen Trainer in der laufenden Spielzeit entlassen, im Jahr zuvor trennten sich zudem die Wege mit Hannes Wolf, der die Stuttgarter nach dem Abstieg 2016 wieder zurück in die Erstklassigkeit geführt hatte. Und es ist zu erwarten, dass auch in dieser Woche die Suche nach einem neuen Mann längst angelaufen ist im Büro des 61 Jahre alten Rheinländers Reschke. Es wäre die dritte Neuverpflichtung auf der Position des Cheftrainers in seinen 18 Monaten als Sportvorstand.

          Spieler trifft Sportvorstand: Stuttgarts Nicólas González (links) im Gespräch mit Michael Reschke

          Doch würde ein Trainerwechsel dem VfB überhaupt helfen? Zu befürchten ist: nein. Denn zur ohnehin schon schlechten Ausgangslage gesellt sich die äußerst verfahrene Gesamtsituation im Verein, die alle Beteiligten zu lähmen scheint. Da ist zunächst Präsident Wolfgang Dietrich, der zu seinem Amtsantritt vor zweieinhalb Jahren versprach, den Klub in ein neues Zeitalter zu führen. Nach der Ausgliederung der Profiabteilung und einem Verkauf von 11,75 Prozent der Anteile an die Daimler AG für 41,5 Millionen Euro – mit einem zweiten Investor befinden sich die Gespräche dem Vernehmen nach auf der Zielgeraden – hat sich diese Weiterentwicklung jedoch bis heute noch nicht in sportlichen Ergebnissen niedergeschlagen. 47 Millionen Euro wurden in dieser Saison für neues Personal ausgegeben, bei Einnahmen von gerade einmal 17 Millionen ein sattes Minus. Transferentscheidungen, die vom Sportvorstand verantwortet, vom Präsidenten aber mitgetragen wurden.

          Überzeugt haben die neuen Spieler bislang nicht. Außenverteidiger Pablo Maffeo etwa, für neun Millionen von Manchester City gekommen, wird fehlende Arbeitsbereitschaft unterstellt. Ein Transfer im Winter war geplant, doch es gab keine Einigung mit einem potentiellen Abnehmer. Und Stürmer Nicólas González, für achteinhalb Millionen Euro aus Argentinien geholt, scheitert zunehmend an seiner Rolle als flinker, beweglicher Partner für den eher statisch agierenden Mario Gomez. Gegen Düsseldorf bewies der 20-Jährige kurz vor dem Schlusspfiff zudem mit einer Tätlichkeit fehlende Disziplin. Er wird durch die Rote Karte drei Spiele gesperrt sein.

          Klare Worte: Die Anhänger des VfB halten sich mit ihrer Meinung zum Präsidenten Wolfgang Dietrich nicht zurück.

          Wegen der starren Haltung bei der Weiterentwicklung des Vereins und den fehlgeschlagenen Investitionen in den Kader sind Präsident und Sportvorstand in die Kritik geraten bei den Fans. Banner mit der Aufschrift „Dietrich raus“ sind mittlerweile bei nahezu jedem Auftritt der organisierten Anhänger zu sehen. Reschke hat seinen Kredit ohnehin schon seit längerem verspielt. Dass dann vor einer Woche noch Aufsichtsratsmitglied und Ehrenspielführer Guido Buchwald von sämtlichen Ämtern zurücktrat, ist die zweite Facette, die nur allzu gut in das Bild des Stuttgarter Zusammenbruchs passt. Man habe ihm die Schuld an der Krise zuschustern wollen, beklagte der frühere Nationalspieler und sprach von einem gestörten Vertrauensverhältnis innerhalb des Vereins.

          Auch ein neuer Trainer würde es da schwer haben, mit dieser Mannschaft erfolgreicher zu spielen, als es bislang der Fall war. Schlicht, weil die Fähigkeiten des Personals beschränkt sind. Mit fünf Treffern ist Gomez der erfolgreichste Torschütze, eine richtige Alternative zum 33 Jahre alten Routinier gibt es nicht. Ein konstanter Kreativposten im Mittelfeld fehlt ebenso wie eine stabile Defensive. Der Kader ist vor der Saison überschätzt worden. Seit dem Ende der vergangenen Spielzeit, die der VfB nach einer erfolgreichen Rückrunde auf dem siebten Rang beendete, hat die Mannschaft nur selten ähnlich gute Leistungen gezeigt.

          Doch von dieser Rückrunde scheint die gesamte Vereinsführung noch zu zehren in ihrer Haltung und in ihrem Handeln. Nun steckt der Klub in einer möglicherweise wegweisenden Krise – die Erinnerungen an den Gang in die Zweitklassigkeit sind noch nicht bei allen verblasst in Stuttgart. Verantwortlich für diesen Niedergang kann aber nicht nur der Trainer sein. Reschkes Kommentar: „Meine persönliche Zukunft ist im Moment vollkommen uninteressant.“

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