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Dortmund spielt Favre-Fußball : „Defensiv, defensiv, defensiv!“

  • -Aktualisiert am

Engagiert an der Seitenlinie: Lucien Favre coacht beim BVB derzeit deutlich aktiver Bild: Reuters

Selbst in Heimspielen gegen Mittelklasseklubs verlor der BVB früher oft die Kontrolle. Vor dem Klassiker gegen Bayern wirkt die Mannschaft wesentlich kompakter. Favres Philosophie geht auf. Ein Makel aber bleibt.

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          Thorgan Hazard ist Stürmer und damit ein Spielertyp, von dem zuallererst Tore und gefährliche Offensivaktionen erwartet werden. Aber der Belgier weiß mittlerweile ganz gut, dass er seinen Trainer auch mit ganz anderen Aktionen begeistern kann. „Er ist immer an der Linie und sagt: Defensiv, defensiv, defensiv!“, erzählt Hazard über Lucien Favre „Der Trainer liebt das“, berichtet er, wenn alle Feldspieler gewissenhaft und fleißig verteidigen – was in den ersten beiden Jahren des Schweizers beim BVB längst nicht immer der Fall war.

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          Leute, die den Fußballtüftler etwas näher kennen, nahmen schon im Sommer 2018 an, dass die Zeit der wilden Spektakel beim BVB mit Favre zu Ende gehen würde. Teile der Öffentlichkeit, sagt Thorben Marx, der von 2011 bis 2015 viereinhalb Jahre unter Favre in Mönchengladbach spielte, glaubten oft fälschlicherweise, dass dieser Trainer „einen sehr offensiven Fußball spielen lässt. Aber wir haben auch damals immer sehr viel an der Defensive gearbeitet, das Hektische war nie so sein Ding.“

          In der besten Gladbacher Saison mit Favre, als die Borussia vom Niederrhein 2012 ein Jahr nach einem erst in der Relegation verhinderten Abstieg völlig überraschend Vierter wurde, haben sie an den ersten 26 Spieltagen der Saison nur ein einziges Mal mehr als ein Gegentor zugelassen. Es gab eine ganze Serie mit 1:0-Siegen. Spiele wie der zähe, aber am Ende doch souveräne 2:0-Sieg des BVB gegen Zenit Sankt Petersburg in der Champions League vor zehn Tagen oder der 1:0-Erfolg in Hoffenheim erinnerten stark an diese Phase in Mönchengladbach. „Geduld“ und „Cleverness“ sind Begriffe, die im Moment in kaum einer Analyse Favres fehlen. Im Vergleich zu den beiden ersten Jahren ist eine deutliche Veränderung der Spielweise erkennbar.

          Lange Zeit gab es in vielen Begegnungen Phasen ohne Kontrolle, selbst in Heimspielen gegen Mittelklasseklubs. Die Partien wogten hin und her, solange Achraf Hakimi noch das Spiel auf der rechten Außenbahn prägte, vorne wunderbare Dinge tat, in seinem Rücken aber immer wieder gefährliche Räume unbewacht ließ. Der Stürmer Paco Alcácer war nie ein Spieler, der mit Hingabe für die Defensive arbeitete, und Jadon Sancho wirkt bis heute an schlechteren Tagen so, als müsse er bei jedem Schritt zurück große innere Widerstände überwinden.

          Aber insgesamt agieren die Dortmunder deutlich mehr wie ein Favre-Team als in den beiden ersten Jahren. Sie haben die beste Defensive der Liga und in sieben von neun Pflichtspielen kein Gegentor zugelassen. „Die Abwehrspieler sind wichtig, aber die Mittelfeldspieler und Stürmer sind auch wichtig, wenn wir eine gute Abwehr haben wollen“, sagt Favre.

          Genau das passiert jetzt. Mit dem ultraehrgeizigen Erling Haaland, der nie nachlässt, und mit Thomas Meunier, der in den Räumen des zu Inter Mailand gewechselten Hakimi unterwegs ist, hat sich die Balance geändert. Hinzu kommt, dass Manuel Akanji so stark spielt wie nie in Dortmund und Mats Hummels hervorragend in Form ist. „Vielleicht war einfach der Kader zu offensiv ausgerichtet, da waren schon welche dabei, die nicht so gerne defensiv arbeiten, dann kriegst du im hinteren Bereich immer Probleme“, sagt Marx auf der Suche nach Gründen für die Defensivschwächen der Vergangenheit.

          In jedem Fall hat Favre erstmals einen Kader beisammen, zu dem sein erklärtes Lieblingssystem passt: eine Formation mit einer Viererkette und zwei defensiven Mittelfeldspielern davor. Auf dieser Ebene haben der Verein und der Trainer, die mehrfach Phasen des gegenseitigen Fremdelns durchlaufen haben, zueinandergefunden. Der Vorwurf, Favre sei kein Trainer, der in den großen Spielen besondere Energien freizusetzen vermag, steht allerdings weiterhin im Raum.

          „Klar, er bereitet die Spiele gut vor“, sagt der langjährige Favre-Spieler Marx, gegen die Bayern genauso wie gegen Mainz oder Hertha BSC. „Aber die letzten paar Prozente noch mal rausholen, wo du sagst: Jetzt gehen wir alle zusammen durchs Feuer, das fehlt so ein bisschen.“ Dieser Spieltag, das Topspiel gegen die Bayern am Samstag (18.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky), ist eine neue Chance, auch an diesem Punkt einen Schritt weiterzukommen.

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