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Bundesliga-Saisonstart : Die Kovacisierung des FC Bayern

Klar, kantig und erfolgreich: Niko Kovac setzt auf Mentalitätsspieler Bild: dpa

Es gibt mehr Fragen als Gewissheiten in München – und plötzlich, eine echte Rarität, ist der Trainer der größte Ruhepol. Die vermeintliche B-Lösung Niko Kovac setzt auf Mentalitätsspieler.

          Die letzte Saison des besten Bayern-Jahrzehnts in der Bundesliga beginnt mit mehr Fragen als Gewissheiten. Kommt noch der große Domino-Transfer? Wechselt Leroy Sané trotz Knieverletzung nach München? Werden nach sechs Titeln, die man mit zweistelligem Vorsprung, also praktisch konkurrenzlos, gewann, und einem, der zuletzt erst auf der Zielgeraden knapp gelang, neben Dortmund nun auch Leipzig und Leverkusen zur Gefahr? Oder werden zur größten Gefahr für die Bayern sie selbst? Denn auch in der Klubführung warten mehr Fragen als Antworten: Geht Uli Hoeneß als Präsident? Kommt Herbert Hainer? Wird sich Oliver Kahn als Vorstands-Azubi für die Rummenigge-Nachfolge empfehlen?

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Viele Variablen, wenige Konstanten beim seit Jahrzehnten stabilsten, aber nie stillsten deutschen Fußballverein. Da wirkt es bizarr, dass zur größten Konstante dieses Sommers an der Säbener Straße jener Mann geworden ist, der noch im letzten Herbst als der Austauschbarste von allen galt: Niko Kovac. Ein Trainer als größter Ruhepol, eine echte Rarität.

          „Ich war ja auch die B-Lösung und habe das Double geholt“, rief er am Mittwoch all denen zu, die seinen kroatischen Landsmann Ivan Perisic nur als Notstopfen nach dem geplatzten Sané-Transfer sehen – so wie Kovac vor einem Jahr nach der verpassten Tuchel-Verpflichtung. In Wirklichkeit hat Kovac in Perisic, den er aus seiner Zeit als Nationaltrainer kennt und schätzt, zum ersten Mal als Bayern-Trainer einen Wunschspieler bekommen. Zwar ist der dreißigjährige Angreifer niemand, der in virtuellen Managerspielen besonders gefragt ist – kein Star, aber einer, der, wie sein neuer Trainer, hartleibig und stressresistent verlässliche Arbeit liefert. Also das, was den kroatischen Fußball so stark und dennoch latent unterschätzt gemacht hat – jedenfalls bis zum Siegeszug bis ins WM-Finale 2018.

          Vermeintliche B-Lösungen strahlen Gelassenheit und Zuversicht aus: Trainer Niko Kovac (l.) und Neuzugang Ivan Perisic

          Auch Kovac wurde als Trainer letzten Sommer unterschätzt, wie die kroatischen Kicker, die in Russland für Furore sorgten, obwohl sie in ihren Klubs nie die großen Stars waren, nicht mal der großartige Luka Modric bei Real Madrid. Die nächste kroatische B-Lösung als 1a-Verstärkung soll Kovac schon im Auge haben: Mario Mandzukic. Jenen zähen Mittelstürmer also, der den Bayern viel Biss und wichtige Tore für den Triple-Sieg 2013 lieferte – ehe er nach Robert Lewandowskis Kommen nur noch die B-Lösung war und den Klub verließ. Nun könnte Mandzukic, inzwischen 33 Jahre alt und bei Juventus nicht mehr erste Wahl, als Back-up des Polen zurückkehren.

          Als Pep Guardiola einst immer mehr Landsleute nach München lockte, sprach man, nur halb im Scherz, von der Hispanisierung der Bayern. Nun könnte, auch das vielleicht kein Witz, dem Klub eine Kroatisierung weiterhelfen. Man könnte auch sagen: Kovacisierung. Also der Versuch, auf einem Transfermarkt, auf dem der deutsche Meister die großen Trophäen seit vielen Jahren nicht mehr bekommen hat, den Blick wieder auf jene bezahlbaren Mentalitätsspieler zu werfen, wie sie Kovac etwa in Frankfurt im Duett mit Sportdirektor Fredi Bobic fand und zur Einheit formte. Spieler, die zum Mentalitätstrainer Kovac passen.

          Auf Profis wie den Spanier Rodrigo, der in München das Problem auf der Sechser-Position lösen sollte, sich aber für den Landsmann Guardiola und Manchester City entschied, mag Kovac nicht die Anziehungskraft eines Startrainers haben. Auf kroatische Kicker schon. Die entschlossene Lockerheit, mit der Kovac vor einem Jahr in München antrat, strahlte noch etwas Unbedarftes aus – die gute Laune eine Mannes, der noch nicht wusste, worauf er sich eingelassen hatte.

          Nun, nach einem Double, das nach dem November-Tief nur mit großer Zähigkeit noch zu holen war, hat Kovacs Lockerheit etwas Wissendes, Sturmerprobtes – die gute Laune eines Mannes, den so schnell nicht mehr viel umwirft. Die letzten Misstöne einer Saison, in der er – bei seinen Vorgängern undenkbar – von mehreren Profis öffentlich attackiert wurde, das Nachtreten Rafinhas, es habe „irgendetwas zwischen Trainer und Mannschaft gefehlt, vielleicht, weil er nur wenigen Spielern vertraut hat“, ließ er souverän verklingen.

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          Mit seiner klaren, kantigen Art hat er wohl auch bei jenen verwöhnten Fans und Profis, die den Bayern-Novizen von Beginn an mit legendären Vorgängern wie Guardiola oder Heynckes verglichen, an Akzeptanz gewonnen. Zugleich weiß Kovac, dass er von der Klubführung an anderem gemessen wird, daran, ob er dieser Führung, dann vielleicht schon ohne den Fürsprecher Hoeneß, im Frühjahr 2020 ein besseres Abschneiden in der Champions League liefern kann als in seiner ersten Saison. Er ist keiner, der dafür neue Superstars fordert – nur ein bisschen Verstärkung durch Landsleute.

          Diesen Freitag, beim Bundesliga-Auftakt gegen seinen Heimatklub Hertha BSC (20.30 Uhr, F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und im ZDF) muss der gebürtige Berliner aber noch ohne kroatische Mithilfe auskommen – wegen einer Gelben Karte für Perisic im letzten Spiel für Inter Mailand. Die Sperre, die daraus resultiert, bringt er den Bayern als Souvenir mit nach Deutschland.

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