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Vor dem Gipfel : Hoffenheimer Welt – fern vom Bayern-Kosmos

Bereit für den Coup: Hoffenheimer Fans wussten es schon im Moment des Aufstiegs Bild: ddp

Flotter Fußball, flotte Sprüche, flotte Entwicklung: Die TSG 1899 Hoffenheim ist reif für den Gipfel beim Meister und gefeit gegen verführerische Angebote.

          3 Min.

          Gibt es Zeichen besonderer Aufgeregtheit? Ist da etwa eine ganze Region schon jetzt im Ausnahmezustand? Nichts davon ist rund um Hoffenheim zu spüren, und tatsächlich ist es so, wie es irgendjemand Franck Ribéry erzählt haben soll. „Dort sollen einem sogar Traktoren entgegenkommen“, hat der Franzose sein komplettes Wissen über Hoffenheim preisgegeben.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Natürlich fahren da Traktoren in dieser ländlichen Gegend. Die Reporter, die am Mittwoch die 3300-Seelengemeinde besuchten, sind wieder weg, und mancher Hoffenheimer wird diese Welt nicht mehr verstehen. Der Nachrichtensender n-tv hatte im laufenden Programm zu dieser Pressekonferenz geschaltet, selbst aus Frankreich, England und Spanien waren Fernsehteams gekommen. Vermutlich ist Hoffenheim längst eines der bekanntesten Dörfer Europas.

          Ist Hoffenheim der Beweis für die Planbarkeit von Erfolg?

          Am Freitag (20.30 Uhr) spielen sie in Bestbesetzung als Aufsteiger und Bundesliga-Spitzenreiter beim Tabellenzweiten und Rekordmeister FC Bayern München, und laut einer Mitteilung der Deutschen Fußball-Liga können dabei weltweit Fans aus 168 Ländern zuschauen. „Das hat was mit den Bayern und der Konstellation, aber auch mit uns zu tun“, hatte der Hoffenheimer Trainer Ralf Rangnick gesagt.

          Vedad Ibisevic würde derzeit wohl auch im Sitzen treffen
          Vedad Ibisevic würde derzeit wohl auch im Sitzen treffen : Bild: ddp

          Natürlich hat es mit Hoffenheim zu tun. Schließlich soll hier nebenbei die Antwort auf die Frage gefunden werden, ob Erfolg planbar ist, ob der Weg mit einer durchdachten Strategie logischerweise nach oben führt. Müsste man die Antwort jetzt geben, bräuchte man nur auf die Tabelle verweisen und müsste nicht einmal den schönen Fußball gesehen haben, den dieser Aufsteiger spielt. „Ein Ende der Entwicklung ist nicht abzusehen. Es wird natürlich nicht ewig so weitergehen, aber der ganze Verein steckt voller Tatendrang, das ist jeden Moment spürbar. Und da will ich dabei sein und das genießen“, sagt Rechtsverteidiger Andreas Beck, einer der wenigen Zugänge vor dieser Saison.

          Talent des Monats gegen den momentan besten Spieler der Welt

          An diesem Freitagabend wird es der ehemalige Stuttgarter Beck mit Ribéry zu tun bekommen, den einige Experten nach seinen gewiss spektakulären Auftritten gleich für den momentan besten Spieler der Welt halten, ohne die Qualität der deutschen Bundesliga zu hinterfragen. Der 21 Jahre alt Beck dagegen ist ausgerechnet vom Bayern-Präsidenten Franz Beckenbauer bei einer Promotion-Aktion gerade als Talent des Monats ausgezeichnet worden.

          Nun steht er vor seiner bisher größten Bewährungsprobe. „Das wird spannend, unsere rechte Seite gegen deren linke Seite“, sagt Beck völlig unaufgeregt. Dass sich seine Spieler von der Atmosphäre beeindrucken lassen werden, hält Rangnick für ausgeschlossen: „Die Stimmung in München ist nicht vergleichbar mit der in Köln oder Dortmund. In München wollen die Zuschauer von den Bayern unterhalten werden, und es liegt an uns, dass zu verhindern.“

          Rangnick: „Wenn sie flotte Sprüche hören wollen, müssen sie nach München fahren“

          Manche Dinge im Leben sind absehbar – und das wortreiche Vorgeplänkel vor dem Höhepunkt der Bundesliga-Vorrunde kann deshalb niemanden überrascht haben. Die Sprüche aus München habe er ja gar nicht mitbekommen, sagt Rangnick gelassen, nach und nach aber kommt doch raus, dass er über jede einzelne Aussage Bescheid weiß. „Ich war schon überrascht, wer sich da alles geäußert hat. Bei manchem wusste ich gar nicht, dass er überhaupt noch bei den Bayern ist.“

          Selbst das Hoheitsrecht der provozierenden Aussagen wollen die Emporkömmlinge den Bayern offenbar nicht so einfach überlassen, denn später hatte Rangnick noch einmal nachgelegt: „Wenn sie flotte Sprüche hören wollen, müssen sie nach München fahren. Wenn Sie flotten Fußball sehen wollen, sind Sie in Hoffenheim richtig.“

          Eine Niederlage wäre eine kleine Blamage für Bayern

          Natürlich geht es an diesem Freitag nur um drei Punkte, aber es geht auch um viel, viel mehr. Der reiche Vorzeigeklub aus München trifft auf den Aufsteiger mit ungewöhnlichem wirtschaftlichen Potential, das heizt die Phantasien an. Unter all den Sticheleien aus München gab es nur eine Aussage, der Rangnick vorbehaltlos zustimmt. „Wenn sie gegen uns gewinnen, freut sich die ganze Nation, wenn sie unentschieden spielen, schmunzeln viele, wenn sie verlieren, passiert gar nichts“, hat Nationalspieler Bastian Schweinsteiger gesagt.

          Das ist eine schöne Ausgangsposition für Hoffenheim. Eine Niederlage wäre mindestens eine kleine Blamage für die Bayern, wenn nicht sogar eine große. „Deren Druck wird größer sein“, sagt Rangnick, und die Antwort aus München ließ nicht lange auf sich warten. So etwas seien sie beim FC Bayern gewohnt. Es gilt also nach wie vor, was Otto Rehhagel einst verkündete: „Wer beim FC Bayern einen Vertrag unterschreibt, muss wissen, was er tut.“

          Hopp: „Wir müssen diese Mannschaft unter allen Umständen zusammenhalten“

          Sejad Salihovic wollte trotz des Bayern-Interesses dort nicht unterschreiben, und deshalb gilt der Hoffenheimer Spielmacher nun als der leibhaftige Beweis für die These, dass sich dieser Widersacher aus der Rhein-Neckar-Region nicht so einfach kleinhalten lassen werde. „Wir müssen diese Mannschaft unter allen Umständen zusammenhalten“, hat der Hoffenheimer Mäzen Dietmar Hopp aus dem Urlaub in Florida verkünden lassen, und das werden sie in der Heimat gerne hören.

          Denn nur mit guten Worten lassen sich Profis in der Regel nicht überzeugen, wenn die Bayern oder andere Großklubs rufen. „Ich habe überlegt, ob das ein ernsthaftes Angebot ist oder ob sie nur Hoffenheim ärgern wollten“, sagt Salihovic. Wie Vedad Ibisevic, in Aachen verkannt und nun mit 17 Toren der überragende Stürmer der Bundesliga, ist Salihovic, der ehemalige Bankdrücker von Herta BSC Berlin, erst bei der TSG groß raus gekommen. „Hier kann ich mich besser entwickeln als in München. Und warum sollte ich wechseln“, sagt Salihovic. „Wir sind doch Erster.“ Mehr Provokation war nie.

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