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Volker Finke : Konzept statt Klüngel beim 1. FC Köln

  • -Aktualisiert am

Ruhe in Köln: Der neue Sportdirektor Volker Finke sieht große Perspektiven beim FC Bild: dapd

Mit Volker Finke holt sich der 1. FC Köln einen unbequemen Vor- und Querdenker ins Haus. Der Sportdirektor will den Fußballverein nachhaltig verändern. In Freiburg gelang das. Doch wie geht er mit Wolfgang Overaths präsidialer Autorität um?

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          Den Geruch des Rasens braucht Volker Finke nicht mehr. Wenn er am 1. Februar seinen Dienst beim 1. FC Köln antritt, wird er nicht mehr Trainer sein, sondern Sportdirektor. Finke will „auf keinen Fall“ mehr auf der Bank sitzen. Niemand weiß, ob Finke und der „FC“ zusammenpassen oder nicht, manche bezweifeln es. So viel aber ist sicher: In Köln wird er die Rolle des Sportdirektors interpretieren und ausfüllen wie kein anderer vor ihm.

          Hier ein Trainer, der für Innovation, aber auch für Durchsetzungsvermögen (gerade intern) steht; dort ein Traditionsklub, der auf dem Weg ist, im deutschen Profifußball zu einer austauschbaren Größe zu werden, weil er es (zu) lange versäumt hat, sich neu zu erfinden. Hier ein Mann, der sechzehn Jahre lang ein Freiburger Fußball-Biotop erschaffen und weiterentwickelt hat; dort ein Präsident Wolfgang Overath, der dringend benötigte Innovationen lange vor sich hergeschoben hat. Hier ein zuweilen sauertöpfisch wirkender Norddeutscher aus Baden; dort ein karnevalistisch veranlagter Klub, der vor kurzem wieder seine Chaostage hatte.

          Bei all diesen Gegensätzen zeugt es von Mut, dass Overath und seine Mitstreiter dieses Mal eine Personalentscheidung getroffen haben, die nichts, aber auch gar nichts mit kölschem Klüngel zu tun hat. Ob Finke nun zum FC passt oder nicht: einen prinzipientreuen, streitbaren Fußball-Lehrer wie ihn als Sportdirektor zu verpflichten ist für Kölner Verhältnisse ungewöhnlich, zumal Overath in dem Ruf steht, sich nicht gern etwas von Männern sagen zu lassen, die weniger Länderspiele bestritten haben als er. Finke hat nie ein Länderspiel absolviert und auch nicht in der Bundesliga gekickt, sondern als Trainer des TSV Havelse zum ersten Mal auf sich aufmerksam gemacht.

          Ein unbequemer Vor- und Querdenker

          Overath schätzt ihn dennoch. Wie es heißt, liebäugelte der Vereinspräsident schon vor zweieinhalb Jahren damit, Finke anzuwerben, zu jener Zeit noch als Trainer - in der Annahme, Christoph Daum werde Köln verlassen. Doch Daum blieb noch eine Weile, und Finke wechselte nach Japan zu den Urawa Red Diamonds, behielt den FC aber im Auge, fast als hätte er geahnt, dass der Geißbock-Klub nochmals auf ihn zukommen würde.

          Jedenfalls soll Finke nicht sonderlich überrascht gewirkt haben, als die Kölner ihre damalige Anfrage vor kurzem zu einem konkreten Angebot hochgestuft haben. Und lange gezögert, es anzunehmen, hat Finke auch nicht, weil er schon länger das Gefühl hatte, dieser Verein schöpfe nicht alle Möglichkeiten aus, die in ihm steckten. Die Verantwortlichen haben sich einen unbequemen Vor- und Querdenker ins Haus geholt, einen Mann, der seine Unabhängigkeit demonstriert, so sehr, dass die Grenze zum Eigensinn, ja zur Arroganz manchmal nicht mehr fern scheint.

          So kennt man Finke aus Freiburg, wo präsidiale Autorität ihn nicht sonderlich scherte - was dem Verein unter dem Strich mehr genutzt als geschadet hat, trotz zweier Abstiege, die wie Betriebsunfälle umgehend repariert wurden. Reparaturarbeiten kommen auch in Köln auf Finke zu. Den Abstieg zu verhindern, genieße höchste Priorität, sagt er. Doch Finkes Rolle wird sich nicht im „Weiter so“ erschöpfen. Das widerspräche seinem Selbstverständnis.

          Struktur und Konzept: Finkes Grundwortschatz

          Gelingt der Klassenverbleib, geht es um mehr als bloß darum, „intelligente Lösungen auf einigen Positionen zu finden“. Dann will Finke den Klub nachhaltig verändern, den „Wettstreit der Argumente“ eröffnen und „eine Streitkultur“ schaffen an einem Standort, der längst mehr durch Streit als durch Kultur geprägt ist, wie zuletzt die Mitgliederversammlung gezeigt hat, in der dem Vorstand die Entlastung verweigert wurde.

          Struktur, Konzept, das sind Vokabeln aus Finkes Grundwortschatz, auch wenn zuweilen unscharf bleibt, was konkret sich dahinter verbirgt. Dieser Stratege des Fußballs wirkt ambivalent. Einerseits ist er der Visionär mit alternativem Touch, der polarisiert wie am Ende in Freiburg, als es nur noch Gegner gab - oder Befürworter, darunter der Literatur-Nobelpreis-Inhaber Günter Grass. Andererseits hat Finke in Freiburg ein Fundament hinterlassen, das sich auch über seine Dienstzeit hinaus als tragfähig erweist, auf dem sein Nachfolger Robin Dutt erfolgreich aufbaut.

          Altersmilde und Erfahrung klingt zu sehr nach gestern

          In Köln wird Finke wie zuvor in Japan eine fremde (Fußball-)Welt betreten. Aber er wird gewappnet sein - auch weil er dem neuen FC-Trainer Frank Schaefer offenbar einiges abzugewinnen vermag. Die beiden könnten ein gutes Gespann werden. Der eine kümmert sich um das intellektuelle große Ganze, der andere kombiniert Fachwissen mit dem Kölschsein, das auch unter Finke in diesem Klub nicht fehlen darf und nicht fehlen wird.

          Insofern könnte es passen, dass Finke, inzwischen 62 Jahre alt, altersweise und mit noch mehr Lebenserfahrung aus Fernost zurückkehrt. Aber das klingt ihm zu sehr nach gestern. „Altersmilde?“, fragt Finke ein wenig irritiert. „Ich kenne Menschen, die mit 35 Jahren ihre Zukunft längst hinter sich haben. Und andere, die zwischen sechzig und siebzig auf dem neuesten Stand sind.“ Sich selbst zählt Finke natürlich zur zweiten und damit letztlich zur ersten Kategorie.

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