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VfL Wolfsburg : In ständiger Unruhe

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Nach dem Aus in Mainz hat Martin Schmidt in Wolfsburg nun eine neue Aufgabe. Bild: AP

Wolfsburg wechselt mal wieder den Trainer – Jonker muss schon nach vier Spieltagen gehen, Schmidt übernimmt. Der VfL sollte sich überlegen, wofür er stehen will.

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          Ganz schön formschwach, aber dafür sehr entscheidungsfreudig: Mit dieser Empfehlung und einem neuen Trainer bestreitet der VfL Wolfsburg sein Heimspiel an diesem Dienstag gegen Werder Bremen. Dass dabei recht plötzlich der Schweizer Martin Schmidt statt des Niederländers Andries Jonker als neuer Cheftrainer an der Seitenlinie stehen wird, spricht für eine große Sehnsucht nach Verbesserung. Jonker ist nach nur vier Spieltagen in der Fußball-Bundesliga zum Verhängnis geworden, dass unter seiner Regie seit Monaten keinerlei spielerische Weiterentwicklung zu erkennen war. Schmidt wiederum war trotz seiner Gabe, feinsinnig und auch klug zu agieren, im Mai beim FSV Mainz 05 gescheitert. Er ist in Wolfsburg nicht als Notlösung für den Übergang, sondern als Mann mit Perspektive verpflichtet worden. Sein Vertrag gilt bis 2019.

          Zu den besten Kronzeugen dafür, was in Wolfsburg wieder einmal nicht funktioniert und auch nicht besser werden will, gehört ein eigentlich begnadeter Mittelfeldspieler. Daniel Didavi hat seit seinem Wechsel vom VfB Stuttgart zu den Niedersachsen immer wieder betont, dass ihn die spielerische Stagnation beim VfL ärgere. Aber angesichts diverser Verletzungen und einer rätselhaften Lethargie konnte auch er nicht zu einer Besserung beitragen. Profis wie Didavi dribbeln zwischen hohen Ansprüchen und mageren Leistungen ständig hin und her. Nach dem äußerst schwachen Auftritt beim VfB Stuttgart, wo es am Samstag eine 0:1-Niederlage und so gut wie keine eigene Torgefahr zu beklagen gab, traten die meistens Spieler selbstkritisch auf. „Das war zu schlecht und zu wenig. Das reicht nicht in der Bundesliga“, sagte etwa Didavi. Warum die Spieler ihrem bisherigen Trainer aber nicht den Gefallen getan haben, sich mit mehr Elan um eine Besserung zu bemühen, wird ihr Geheimnis bleiben.

          Unter den vielen Erstligateams, die in der noch jungen Saison 2017/18 nach einer guten Form und der passenden Spielstrategie suchen, hat der VfL Wolfsburg zuletzt einen besonders verworrenen Eindruck hinterlassen. Nach Rücksprache mit Jonker, mit dem im Mai noch der Klassenverbleib über den Umweg der Relegationsspiele gegen Eintracht Braunschweig gelungen war, ist ein grundlegender Umbau des Spielerkaders vorgenommen worden. Sportdirektor Olaf Rebbe war auf seine Umwälzungsarbeit sehr stolz und der festen Überzeugung, dass hier etwas Neues und Besseres zusammenwachsen werde. Aber von Neuzugängen wie Nany Landry Dimata (KV Oostende), Kaylen Hinds (Arsenal London) oder dem zuletzt verpflichteten Divock Origi (FC Liverpool) kann eben auch nicht erwartet werden, aus dem Stand heraus für eine spielerische Weiterentwicklung zu sorgen oder die Bundesliga im Sturmlauf zu erobern. Jonker ist angelastet worden, dass unter ihm eine Stagnation eingetreten sei. Diesen Vorwurf wird der Niederländer, der als Retter mit langfristiger Perspektive geholt worden war, nach seinem Scheitern als sehr ungerecht empfinden.

          Andries Jonker: Das 0:1 in Stuttgart besiegelte sein Aus – die Gründe für die Trennung liegen tiefer.
          Andries Jonker: Das 0:1 in Stuttgart besiegelte sein Aus – die Gründe für die Trennung liegen tiefer. : Bild: dpa

          Mitten in einem gehörigen Durcheinander, das beim VfL Wolfsburg seit der Entlassung von Geschäftsführer Klaus Allofs im Dezember 2016 entstanden ist, bleibt dem Verein als Ganzes etwas anzukreiden. Wofür will er eigentlich stehen? Soll er mit Hilfe seines Hauptsponsors Volkswagen dauerhaft ein Kandidat für gehobenen Fußball sein? Oder doch besser eine Mischung aus Ausbildungs- und Entwicklungsverein, um die Budgets von VW zu schonen und authentischer daherzukommen? Auf Fragen wie diese gibt es seit Monaten keine schlüssigen Antworten – auch wenn der Kader im Vergleich zu den Vorjahren nicht ganz so hochkarätig verstärkt worden ist.

          Mit Rebbe steht als Nachfolger des erfahrenen Allofs eine neue Generation in der Verantwortung. Dass der 39 Jahre alte Entscheider Jonker als Cheftrainer geholt hatte und seitdem an den entscheidenden Fäden im Hintergrund ziehen darf, wirft auch Fragen zum Erfolg seiner Arbeit auf. Angesichts der nicht enden wollenden spielerischen Armut bleibt der VfL von ständiger Unruhe geplant, die auch Jonker und Rebbe zuletzt immer wieder anzumerken war.

          Der neue Mann auf der Position des Cheftrainers ist dank seiner mehrheitlich erfolgreichen Zeit in Mainz als etablierte Lösung einzustufen. Schmidt gilt als kreativer Kopf und passt auf den ersten Blick zum Anforderungsprofil in Wolfsburg. Er soll aus Einzelkönnern ein Team formen, das sich besser versteht und möglichst schnell wie erhofft funktioniert. Der Schweizer ist innerhalb eines Jahres nach Dieter Hecking, Valérien Ismaël und Jonker bereits der vierte Cheftrainer, der sich bei den Niedersachsen versuchen darf.

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