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Bundesliga-Relegation : „Das ist eine unglaubliche Sauerei“

Aufgeheizte Stimmung und Provokation gegen Polizisten und Gegner. Bild: Reuters

Wolfsburg entgeht dem Desaster des Bundesliga-Abstiegs. Gefeiert wird am Hinterausgang. Anders als nach dem Hinspiel sorgt nicht der Schiedsrichter für Aufregung – sondern einige Braunschweiger.

          3 Min.

          Als Schiedsrichter Tobias Stieler das Rückspiel der Relegation zwischen Braunschweig und Wolfsburg am Montag abpfiff, mussten die Spieler noch eine letzte sportliche Leistung vollbringen und sich flott Richtung Kabine in Sicherheit bringen. Nachdem der VfL auch die zweite Partie um den letzten Platz in der Fußball-Bundesliga 1:0 gewonnen hatte, stürmten Hunderte Fans der Eintracht aus ihrer Kurve auf den Rasen. Die VfL-Spieler flüchteten vor der unberechenbaren blau-gelben Masse, die Polizei stellte sich zwischen sie und den Wolfsburger Block. Nach Angaben eines Polizeisprechers vom Dienstag wurde niemand verletzt. „Wenn Pyrotechnik und Böller im Stadion gezündet werden, ist es immer gefährlich. In diesem Fall ist aber nichts Gravierendes passiert“, sagte der Sprecher.

          Tobias Rabe

          Verantwortlicher Redakteur für Sport Online.

          „Wir sind erschrocken und so schnell es ging weggelaufen“, sagte Wolfsburgs Trainer Andries Jonker. Böller flogen, auch bengalische Feuer wurden gezündet. Schon zu Beginn der zweiten Halbzeit kam es zu einem Vorfall vor dem Braunschweiger Bereich: Ein Ordner ging zu Boden, wurde von Sanitätern behandelt und aus dem Innenraum gebracht. Am Tag danach gab die Eintracht bekannt, dass er „soweit okay“ sei. Der Mann sei nach einer kurzen Behandlung sogar dienstfähig gewesen. Als „unglaubliche Sauerei“ bezeichnete Braunschweigs Präsident Sebastian Ebel das Verhalten einiger Zuschauer. „Das ist sowas von bescheuert.“ Der Böllerwurf auf den Ordner habe im Spiel „zu einem Bruch geführt“. „Da mischt sich etwas unter, was nicht unbedingt auf den Platz gehört“, sagte Braunschweigs Trainer Torsten Lieberknecht.

          Auch die Wolfsburger ärgerte das Benehmen einiger Fans. „Wir mussten ja in die Kabine, konnten nicht jubeln“, sagte der Sportliche Leiter, Olaf Rebbe. Doch hatten die Spieler ob des Klassenverbleibs überhaupt Grund zur großen Freude? Schließlich hatten sie anders als der FC Bayern in der Meisterschaft oder Borussia Dortmund zuletzt im DFB-Pokal keinen Titel gewonnen. Und ein angestrebtes Ziel war Platz 16 und das Durchsetzen in der Relegation vor der Saison auch nicht beim ambitionierten Klub aus Niedersachsen. Das Tor von Vieirinha in der 49. Minute bedeutete eigentlich nur die Verhinderung eines ganz großen Unfalls.

          Die etwas andere Party: Mario Gomez und Wolfsburger Fans an einem Hinterausgang des Stadions in Braunschweig. Bilderstrecke
          Die etwas andere Party: Mario Gomez und Wolfsburger Fans an einem Hinterausgang des Stadions in Braunschweig. :

          Entsprechend reagierte Jonker, der die Mannschaft als dritter Trainer in dieser Saison nach Dieter Hecking und Valérien Ismaël im Februar übernommen hatte. „Das ist natürlich kein Erfolg für den Verein. Wir haben nur das absolute Minimum erreicht“, sagte der Niederländer kurz nach Abpfiff in den Katakomben, nachdem auch er sich vor den heranstürmenden Fans gerettet hatte. „Ich sehe keinen Grund zu feiern.“ Das taten die Spieler dennoch: Erst in der Kabine, später mit Fans an einem Hinterausgang des Stadions. Auch Rebbe, der Klaus Allofs vor einem halben Jahr nachgefolgt war, warf sich nicht die die Pose des Triumphators. „Wir sind erleichtert, dass wird die letzte Ausfahrt genommen haben. Es war ein harter Ritt.“

          Den hatten die Braunschweiger ihrem niedersächsischen Nachbarn nach dem Hinspiel angekündigt.  Wolfsburg hatte durch einen falschen Elfmeterpfiff und das Tor durch Mario Gomez 1:0 gewonnen. Die Eintracht tobte ob der Ungerechtigkeit und anderer Umstände. So waren die Schuhe, die sie in ihrer Kabine abgestellt hatten, vor der Partie plötzlich durchnässt. Als Kontrast sorgte Braunschweig vor dem Rückspiel nun dafür, dass noch nicht einmal der Rasen bei sommerlicher Hitze gewässert worden war. Das sollte die spielstärkeren Wolfsburger beim Spiel stören.

          Und tatsächlich entwickelte sich eine Partie, in der fußballerische Glanzlichter ein rares Gut waren. Vielmehr versuchten beide Mannschaften das Mittelfeld mit langen und hohen Bällen zu überbrücken. Beim VfL wurde immer wieder Nationalstürmer Gomez gesucht, der von den Verteidigern in jedem Duell an der Grenze des Erlaubten und häufig auch darüber hinaus bearbeitet wurde. Kaum eine Minute verging ohne Foul. Schiedsrichter Stieler aber sah fast alles richtig, so auch die späte Gelb-Rote Karte für den Braunschweiger Maximilian Sauer. Anders als nach dem ersten Duell vor Wochenfrist bei Stielers Kollege Sascha Stegemann gab es diesmal für keine Seite Grund zur Beschwerde.

          Dass die Braunschweiger einen weiteren Anlauf in der zweiten Bundesliga nehmen müssen, hat vor allem einen Grund: Sie erzielten in gut 180 Minuten kein Tor. An Chancen mangelte es nicht. Schon im Hinspiel vergaben sie eine große Möglichkeit. Auch am Montag taten sich Christoffer Nyman (13.), der an Torwart Koen Casteels scheiterte, und Kapitän Ken Reichel, der vor dem Tor den Ball viel zu hoch schoss (25.), exzellente Gelegenheiten auf. So reichte Wolfsburg ein erfolgreicher Angriff, den Europameister Vieirinha mit einem scharfen Schuss ins obere Eck abschloss, zum Auswärtstor, das dem Duell das Feuer nahm. Reichel sprach später von einer „brutalen Enttäuschung.“

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          „Wir haben alles probiert, aber kein Tor geschossen“, sagte Trainer Lieberknecht. „Wir haben es nicht geschafft, einen ganz großen Traum zu erreichen. Aber wir werden ganz schnell aufstehen und haben Bock auf die nächste Saison!“ Ganz Deutschland habe gesehen, dass Braunschweig ebenbürtig gewesen sei. Die Chancen im kommenden Jahr stehen gar nicht schlecht. Dann gibt es in der zweiten Liga nicht wieder die Absteiger Stuttgart und Hannover, die als finanzielle Überflieger alles auf die Karte Aufstieg setzen. Ingolstadt und Darmstadt gelten nicht per se als Topfavoriten.

          Mit dem Kampf um den Aufstieg wird Wolfsburg nichts zu tun haben. Doch auch dort wartet auf die Verantwortlichen viel Arbeit, die Manager Rebbe gleich von diesem Dienstag an angehen will. Noch so eine Saison an der Schwelle zum Abstieg kann sich der VfL nicht leisten. Unklar ist die personelle Ausstattung. Ob sich etwa ein Gomez, der mit der Nationalmannschaft zur WM 2018 will, noch ein Jahr in Wolfsburg antut, ist unklar. Die Erleichterung war allen Grün-Weißen nach der geglückten Rettung anzusehen. Doch allen war auch bewusst: Disemal haben sie noch so gerade den Hinterausgang aus dem Schlamassel gefunden. Doch der Weg in eine bessere Zukunft verlangt viele Veränderungen beim VfL.

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