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VfL Wolfsburg : Auf Augenhöhe mit den riesengroßen Bayern

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Wolfsburgs Trainer Magath kennt die Kräfteverhältnisse: Da vorne sind die Bayern, meilenweit voraus Bild: AP

In München, sagt der Wolfsburger Trainer Felix Magath, sei alles größer, schöner und besser als in der VW-Stadt. Ob das stimmt, wird die Partie der punkt- und torgleichen Tabellenzweiten am Samstag beweisen. In Wolfsburg redet jedenfalls trotz Rang zwei niemand vom Titel.

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          Der Fernsehreporter von RTL ist verzweifelt. Er fragt und fragt, und niemand sagt, was er gerne hören und senden möchte: dass der kommende deutsche Meister VfL Wolfsburg heiße. Die rund zweihundert Fans des Tabellenzweiten der Fußball-Bundesliga, die an diesem strahlenden Frühlingsnachmittag das Training des Titelkandidaten begutachten, halten es wie der Wolfsburger Trainer Felix Magath. Sie tragen ihren Optimismus nicht plakativ zu Markte. „Ich denke, Platz drei ist drin“, lautet die Hochrechnung einer Anhängers, „auf jeden Fall wird der VfL unter den ersten Fünf zu finden sein“, sagt ein anderer Gefolgsmann des Klubs unter dem Schutzschirm des Volkswagen-Konzerns.

          Vom Titel spricht hier noch niemand, und selbst ein voller Erfolg über den anderen Tabellenzweiten an diesem Samstag im eigenen Stadion wird nicht als bare Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Der Titelverteidiger und Rekordmeister Bayern München kommt zum Spiel der Spiele in dieser 26. Runde, doch die Zaungäste und Trainings-Kiebitze des VfL leugnen nicht ihren Respekt vor diesem größten aller Widersacher: „Bayern ist gut drauf, auch ein Unentschieden ist möglich“, sagt so mancher.

          Erst 2010 oder 2011 ganz oben?

          Die Wolfsburger, die ihr Stadion inzwischen bei fast 27.000 Zuschauern im Schnitt zu einem Ort massenhafter Begeisterung gemacht haben, scheinen wie das Team des VfL gelehrige Schüler des Meistertrainers Magath zu sein. Der hat mit den Bayern in den Jahren 2005 und 2006 zweimal nacheinander das nationale Double erobert und könnte sich nun anschicken, den größten Triumph seiner Vita als Fußballlehrer zu feiern: Mit dem jahrelang im Mittelfeld oder nah an den Abstiegsrängen herumdümpelnden VfL erstmals den Titel zu gewinnen, wäre ein Coup mit ganz dickem Ausrufezeichen. Doch davon will der Coach im Augenblick gar nichts wissen. Zu lang ist noch der Weg bis zum Saisonfinale am 23. Mai, um jetzt schon die hellsten Perspektiven zu skizzieren.

          Gleichauf mit den Bayern: Das Team des VfL Wolfsburg
          Gleichauf mit den Bayern: Das Team des VfL Wolfsburg :

          Magath geht es an den Tagen vor seiner Wiederbegegnung mit den Bayern vor allem darum, die Balance zu halten. Einerseits beharrt er weiter darauf, dass seine Mannschaft „so zusammengestellt ist, dass sie 2010 oder 2011 ganz oben mitspielen kann“. Andererseits spricht das Momentum jetzt schon für den VfL Wolfsburg, der punkt- und torgleich mit den Bayern nur um einen Punkt vom Tabellenführer Hertha BSC Berlin entfernt auf seine Chance lauert. „Dass wir jetzt schon so weit vorn sind“, sagt Magath, „ist im Grunde zu schnell gekommen. Doch ich will ja nichts verhindern und versuche nur, die Dinge realistisch einzuschätzen.“ Immerhin räumt er ein, dass der Gipfel am Samstag auch für ihn „ein besonderes Spiel“ sei, immerhin gibt er zu, „dass die Tabelle nicht lügt und wir mit den Bayern auf Augenhöhe sind, was diesen Spieltag angeht“. Doch daraus auf Dauer einen Übernahmeanspruch abzuleiten, käme dem 55 Jahre alten Unterfranken nie in den Sinn. „Sonst ist der FC Bayern uns um Lichtjahre voraus, was die Tradition, die Erfolge und die wirtschaftliche Aufstellung angeht.“

          Magath würdigt die kurzen Entscheidungswege

          Magath nutzt die Gelegenheit, um darauf hinzuweisen, dass sich sein Klub bei aller großzügigen Unterstützung durch das Volkswagen-Werk „ganz klar hinter dem FC Bayern München verstecken kann, wenn wir vom Geld reden. Dort ist alles größer, schöner, besser.“ Später sagt er noch: „Auf Bayern-Höhe zu kommen, gelingt in den nächsten Jahren niemand – auch dem VfL nicht.“

          Vielleicht aber kommt dieser besondere Klub, den der VW-Vorstand unter dem Magath-Vertrauten Martin Winterkorn nachhaltig an der Tabellenspitze sehen will, den Münchnern von Jahr zu Jahr näher. Wer in den vergangenen beiden Spielzeiten knapp 65 Millionen Euro für neue Spieler investiert hat und auch in Zukunft das Investitionsrisiko im Fußballgeschäft nicht scheut, kann schneller als andere die Basis für dauerhaften Erfolg legen. Magath, der seinen bis 2010 datierten Vertrag mit dem VfL vermutlich bald um ein paar Jahre verlängern wird, ist sich der Exklusivität seiner Möglichkeiten in Wolfsburg durchaus bewusst. „Ich verliere keine Zeit, um Geld zu beschaffen“, sagt er lapidar über den kurzen Entscheidungsweg zwischen dem von ihm allein repräsentierten Kompetenzzentrum des Klubs und der Machtzentrale im Konzern.

          Meister Magath lässt sich nicht blenden

          Der verantwortliche Cheftrainer, Sportdirektor und Geschäftsführer des VfL hat seit Beginn seines Wirkens für den VfL am 1. Juli 2007 ganze Arbeit geleistet. Platz fünf und damit Uefa-Pokalteilnahme zum Abschluss der vorigen Saison, Rang zwei in der aktuellen Ligarangliste: Das ist ein durchschlagender Erfolg für einen Mann, dessen harte, intensive, von Moden und Trends nur in Maßen beeinflusste Arbeit mit den Spielern inzwischen auch von vielen Zeitgeistschwärmern im Fußballbetrieb gewürdigt wird. Magath genießt für den Moment: die Aufmerksamkeit, die dem VfL gilt, die Anerkennung, die ihm persönlich zuteil wird, die Klasse, die sein von ihm komponierter Kader verströmt.

          Wolfsburg, mit 22 von 24 möglichen Punkten und sieben Siegen nacheinander beste Rückrundenmannschaft, besitzt mit Grafite (18 Tore) und Dzeko (13) den besten Angriff der Liga, hat in Misimovic den besten Torvorbereiter, kann sich zudem auf eine erheblich stabilisierte Defensive verlassen und hat daheim in dieser Saison noch nicht einmal verloren. Aus solchem Holz werden auch schon mal Meister geschnitzt.

          Ob er sich neue Ziele nach einem Sieg am Samstag setze, wurde Magath am Donnerstag gefragt. „Da müsste man erst mal sehen, ob wir uns das Ergebnis verdient hätten, denn nur auf das reine Ergebnis zu sehen, wäre mir zu oberflächlich“, lautete seine Antwort. Meister Magath, einst ein Experte im sportlichen Krisenmanagement, hat zu viel erlebt, um sich selbst auf dem Gipfel seines Erfolgs blenden zu lassen.

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