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VfB Stuttgart : Bloß nicht noch eine Lachnummer

  • -Aktualisiert am

Voller Hoffnung beim Saisonstart: der Kader des VfB Stuttgart, in der Mitte Marcin Kaminski Bild: dpa

Nach dramatischen Entwicklungen und grotesken Wendungen fühlt sich der VfB jetzt gut gerüstet für das harte Geschäft in der zweiten Liga. Doch das Gerüst steht auf schwachen Beinen. Und den Stuttgartern droht eine Gefahr.

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          Immer dann, wenn es eigentlich nicht mehr schlimmer kommen kann, setzt der VfB Stuttgart noch einen drauf. Immer dann, wenn der Tiefpunkt erreicht scheint, sackt der Verein noch ein bisschen weiter ab. Dieses Schema war soweit bekannt bei den leidgeprüften Anhängern des schwäbischen Fußballklubs. Meist aber konnte sich der VfB in den vergangenen Jahren noch selbst aus seinen Miseren befreien. Mit dem Ende der vergangenen Bundesliga-Saison und der daran anschließenden Sommerpause haben sich die Schwaben jedoch endgültig in die Riege jener Traditionsvereine eingereiht, die mehr mit klubinternen Querelen von sich reden machen als mit sportlichen Leistungen. Hamburger SV, Schalke 04, Hannover 96. Und jetzt auch: VfB Stuttgart.

          2. Bundesliga

          Was war geschehen? Erst stiegen die Stuttgarter zum zweiten Mal innerhalb dreier Jahre in die zweite Liga ab. Dann, nur sieben Wochen später, machte sich der Klub bei seiner eigenen Mitgliederversammlung zur Lachnummer: Weil das W-Lan nicht funktionierte, konnte ein Antrag auf Abwahl des umstrittenen Präsidenten Wolfgang Dietrich nicht umgesetzt werden. Dieser trat dann am Folgetag einfach zurück und hinterließ seinen VfB inmitten des wohl größten Umbruchs der jüngeren Zeit ohne Führung. Für den Auftakt in die Zweitligasaison an diesem Freitag (20.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Liga und bei Sky) gegen Hannover freilich nicht die besten Voraussetzungen. „Man hat nur noch Theater mit diesem Verein“ sagen sie rund um die Arena am Cannstatter Wasen. Und auch wenn damit das schwäbische Pendant von „Ärger“ gemeint ist, scheint es doch, als wären die Stuttgarter Bühnen um einen Schauplatz reicher geworden in diesem Sommer bei all diesen dramatischen Entwicklungen und teils grotesken Wendungen. Nur, dass dem VfB der Theaterdirektor fehlt.

          „Das bekommt man schon alles mit“, sagte Sportdirektor Sven Mislintat im Gespräch mit der F.A.Z. „Aber wir lassen das nicht an uns ran. Wir konzentrieren uns auf das, was wir derzeit beeinflussen können. Das ist der Sport und unsere Leistung. Und ich habe das Gefühl, dass die vereinsinterne Situation auf die Mannschaft keinen Einfluss hat.“ Mislintat führt gemeinsam mit Sportvorstand Thomas Hitzlsperger und Trainer Tim Walter Regie bei der Neuausrichtung des Vereins, der erst im Dezember bei der nächsten Mitgliederversammlung einen neuen Präsidenten bekommen wird. Jünger, dynamischer, offensiver soll das Profiteam aber schon jetzt werden. Der Nachwuchs noch näher an die erste Mannschaft heranrücken. Mit Luca Mack (19 Jahre) und David Grötzinger (20) stehen zwei vielversprechende Talente auf dem Sprung. Tanguy Coulibaly (18, von Paris Saint-Germain) und Mateo Klimowicz (19, Instituto AC Córdoba) sollen ebenfalls perspektivisch helfen. Allen bescheinigt Trainer Walter „gute Leistungen“ in der Vorbereitung. Von allen verspricht er sich viel.

          Voller Zuversicht: Stuttgarts Sportdirektor Sven Mislintat

          „Thomas, Tim und ich haben eine gemeinsame Idee, hier beim VfB etwas zu entwickeln“, betont Mislintat die Rolle des neuen Triumvirats, das das hierarchische Machtvakuum im Klub zumindest in sportlicher Hinsicht kompensiert. „Wir wollen mit der Mannschaft zusammen vorangehen und diesen Spirit auf den Klub und die Fans übertragen. Das haben wir zu einem großen Stück schon geschafft.“ Tatsächlich scheint sich der VfB nach den Abschieden früherer Stammkräfte wie Kapitän Christian Gentner (zu Union Berlin), Schlussmann Ron-Robert Zieler (Hannover 96) oder Verteidiger Timo Baumgartl, der für 12 Millionen Euro zu PSV Eindhoven gewechselt ist, gut gerüstet zu haben.

          Mit Gregor Kobel (Leihe, TSG Hoffenheim) und Fabian Bredlow (1. FC Nürnberg) ist die Torhüter-Position gleich doppelt besetzt. Die Defensive verstärkt unter anderem Pascal Stenzel (SC Freiburg). Im immer wieder schwächelnden Angriff bekommt Mario Gomez Unterstützung von Hamadi Al Ghaddioui (Jahn Regensburg) und Sasa Kalajdzic (Admira Wacker Mödling), wenngleich sich Letzterer im Testspiel gegen Freiburg unter anderem einen Kreuzbandriss zugezogen hat und wohl für mindestens ein halbes Jahr ausfallen wird. Die Hauptrolle der neuen Stuttgarter Spielidee wird derweil Mittelfeldmann Daniel Didavi innehaben, der sich bereits frühzeitig und wohl auch trotz anderer Angebote dazu entschlossen hat, beim VfB zu bleiben. Abgesichert werden soll die offensive Ausrichtung von erfahrenen Kräften wie Emiliano Insua (30), Holger Badstuber (30) oder Gonzalo Castro (32).

          „Wir sind ein Team. Das steht absolut im Vordergrund“, erklärt Mislintat. Der Zusammenhalt könne sich zur großen Stärke der Mannschaft entwickeln – also so, wie es er selbst mit seinen Kollegen Walter und Hitzlsperger vorlebt. „In der täglichen Arbeit können wir nicht beeinflussen, wer möglicherweise neuer Präsident wird. Aber wir wollen den Zuschauern an jedem Spieltag beweisen, dass jeder von uns alles für diesen Verein gibt.“

          Ob diese Rechnung aufgehen wird? Der Zusammenhalt hat dem VfB in seiner Abstiegssaison jedenfalls gefehlt. Die Spielweise, die Trainer Walter hat einstudieren lassen, ist aber risikoreich. Zudem steht hinter der Ausdauer der Routiniers ein großes Fragezeichen. Ihre Verletzungsanfälligkeit, vor allem von Didavi, kommt hinzu. Das Gerüst, das die drei starken Männer in Stuttgart in den vergangenen Wochen aufgebaut haben, steht auf schwachen Beinen. „Wir glauben an unsere Qualität. Wenn uns dieser Glaube nicht verloren geht durch Konkurrenzkampf oder Eitelkeiten, dann sind wir einer der Favoriten in der Liga“, sagt Mislintat dennoch. Dass diese Favoritenrolle nicht zwingend zum Erfolg führen muss, hat der Hamburger SV in der vergangenen Saison großspurig vorgemacht. Deshalb, und auch weil sich die Schwaben dem HSV mehr angenähert haben, als ihnen lieb sein dürfte, müssen sie aufpassen auf ihrer Stuttgarter Bühne, dass die neue Vorstellung nicht auch zur Lachnummer wird.

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