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Relegation bei Union Berlin : Stuttgart steigt nach Drama aus Bundesliga ab

Gekennzeichnet vom harten Kampf: Stuttgarts Holger Badstuber Bild: Reuters

Union Berlin spielt in der nächsten Saison erstmals in der Bundesliga. In der Relegation setzt sich der Außenseiter gegen Stuttgart mit zwei Remis durch. Das Rückspiel ist bis zur letzten Sekunde höchst dramatisch.

          Die Bundesliga hat ein neues Mitglied – und was für eins: Mit einem 0:0 im Relegationsrückspiel gegen den VfB Stuttgart hat Union Berlin nach zehn Jahren in der zweiten Liga erstmals den Aufstieg in die höchste deutsche Klasse geschafft. In die gesamtdeutsche erste Klasse muss im Fall des ehemaligen DDR-Oberligaklubs wohl sagen, für den bisher der Gewinn des FDGB-Pokals 1968 der größte Erfolg der Vereinsgeschichte war. „Fantastisch. Ich mag es dem Verein, dem tollen Publikum, jedem einzelnen Mitarbeiter total gönnen“, sagte Union-Trainer Urs Fischer. „Es war eine tolle Leistung von der Mannschaft heute.“

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          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Mit einem leidenschaftlichen Auftritt verdiente sich Union Berlin vier Tage nach dem 2:2 in Stuttgart seinen nun wohl größten Triumph. 20.000 Zuschauer stürmten auf den Rasen der Alten Försterei nach dem ersten Erfolg eines Zweitligavereins seit sieben Jahren in der Relegation gegen den Klassenhöheren, damals war Hertha BSC an Fortuna Düsseldorf gescheitert. Der VfB Stuttgart war nach diesen 90 Minuten in Berlin endgültig am Tiefpunkt einer Saison voller Enttäuschungen angekommen. „Es ist eine Horrorsaison, es ist der Tiefpunkt“, sagte Stuttgarts Interimstrainer Nico Willig. „Union ist verdient aufgestiegen.“ Und Sportdirektor Thomas Hitzlsperger sagte: „Das ist brutal enttäuschend. Es ist viel schief gelaufen in dieser Saison. Wir haben drei Trainer ausgewechselt. Es hat am Ende nicht gereicht.“

          In der ersten Halbzeit waren die Stuttgarter noch die bessere Mannschaft. Eine, der man aber bald anmerkte, dass sie viel zu verlieren hatte. Nach dem 2:2 im Hinspiel mussten sie mindestens ein Tor erzielen, um den Abstieg aus der Bundesliga noch zu vermeiden. Union hatte sich mit der Heimbilanz für das entscheidende Aufstiegsspiel zusätzlich Mut gemacht: Von den letzten 24 Heimspielen verlor der Zweitligaverein nur eins, während der VfB von den letzten 18 Auswärtsbegegnungen wiederum nur eins gewann. Der VfB trat von Beginn an fast wie eine Heimmannschaft auf, deutlich offensiver und zielstrebiger als die Berliner. Allerdings: Ein Klassenunterschied tat sich auch nach 45 Minuten nicht auf, wenngleich Stuttgart das dominantere Team mit zahlreichen, aber eben nicht wirklich erstklassigen Torchancen war.

          Nach drei Minuten hatten sich die Schwaben ihre erste Gelegenheit erspielt, doch nach einem Eckball von Aogo scheiterte Kabak aussichtsreich aus kurzer Entfernung am Unioner Torwart Gikiewicz. Kurz darauf jubelte die Schwaben dann auch über den von ihnen sehnsüchtig erhofften Auswärtstreffer, allerdings zu früh, wie der Videoassistent kurz darauf entschied. Aogo hatte mit einem Freistoß aus knapp zwanzig Metern perfekt getroffen, doch der Stuttgarter Gonzalez hatte unmittelbar vor Gikiewicz im Abseits gestanden. Er nahm dem Berliner Torwart die Sicht. Im Stadion hatte dies kaum jemand bemerkt. Die frustrierten Stuttgarter Anhänger zogen nach der Rücknahme des Tores daraufhin gleich zwei vorbereitete Banner in ihrem Block auf: „Videobeweis abschaffen!“

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          Der VfB, der mit vier ehemaligen deutschen Nationalspielern (Zieler, Badstuber, Aogo und Gentner) und dem französischen Weltmeister Pavard, der in der kommenden Saison beim FC Bayern spielen wird, in der Startformation angetreten war, konnte seine technische Überlegenheit bis zur Pause nur selten ausspielen. Nach rund zwanzig Minuten hatten sich die Berliner immer besser ins Spiel gekämpft, leidenschaftlich unterstützt von ihren Anhängern. Mit jeder Aktion, mit der sie sich erfolgreich der Stuttgarter Attacken erwehrten, kam die Bundesliga für den Außenseiter ein bisschen näher. Zumindest fühlte es sich für die Union-Fans so an. Kurz vor der Pause wurde Gikiewicz noch einmal von Zuber mit einem schönen Schuss seitlich von der Strafraumgrenze ernsthaft geprüft, aber der Torwart wehrte den Ball zur Ecke ab.

          VfB-Interimstrainer Willig brachte in seinem letzten Spiel mit Gomez für Gonzalez den fünften ehemaligen deutschen Nationalspieler nach der Halbzeit in die Partie. Am Spielverlauf änderte sich wenig. Die Berliner hielten die Schwaben so gut es ging von ihrem Strafraum fern, aber das gelang ihnen nicht durchgängig. Dem VfB ließ sich der Wille nicht absprechen, den einen Treffer zu erzwingen, der ihnen die Rettung versprach. Aber dem Bundesligaklub fehlte ein Plan und Klarheit in ihren Aktionen, um sich spielerisch entscheidend durchzusetzen.

          Den Berlinern war es spätestens nach einer Stunde gelungen, den Schwaben ihr eigenes Spiel aufzuzwingen und sie auf ihr Niveau herabzuziehen: auf ein Kampfspiel, auf einen Schlagabtausch, auf ein Nervenspiel. In der 64. Minute schien ihr Aufstieg plötzlich ganz nah. Bei einem der wenigen Berliner Angriffe hatte sich Abdullahi im Strafraum durchgesetzt, aber sein Schuss aus rund zehn Metern landete am Pfosten.

          Nur eine Minute später konnte der VfB wieder von Glück sprechen, nicht in Rückstand geraten zu sein. Diesmal spitzelte Abdullahi den Ball von der Strafraumgrenze im Fallen an Zieler vorbei, doch der Ball kullerte wieder gegen den Pfosten. Stuttgart hatte die Kontrolle über das Spiel endgültig verloren. Der VfB erlebte nach einer schwarzen Saison noch eine letzte schwarze Nacht – und Union war, als es auch die Nachspielzeit von fünf Minuten überstanden hatte, an seinem Traumziel angelangt. „Es ist surreal, ich fasse es gar nicht“, sagte Union-Präsident Dirk Zingler: „Ich bin seit 40 Jahren im Verein, auf diesen Tag habe ich so lange gewartet.“

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