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Fußball-Bundesliga : Fundamentaler Irrtum

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Die eigene Nase, oder der eigene Kopf? Für Trainer Alexander Zorniger geht es so erst einmal nicht weiter. Bild: dpa

Erfolglos und beratungsresistent: Nach nicht einmal fünf Monaten scheitert Alexander Zorniger in Stuttgart und auch an sich selbst. Die Trennung war am Ende alternativlos.

          Spiele gegen den FC Augsburg sind für Trainer des VfB Stuttgart gefährlich. Am 26. August 2013 wurde Bruno Labbadia nach einer 1:2-Niederlage beim FCA entlassen, am 24. November 2014 ging Armin Veh nach einem 0:1 gegen die bayerischen Schwaben, und am Dienstagvormittag war das Experiment mit dem Bundesliga-Neuling Alexander Zorniger vorbei, drei Tage nach dem Offenbarungseid bei der 0:4-Heimniederlage gegen die Augsburger. „Es gab nicht mehr die Überzeugung, dass der gemeinsame Weg erfolgreich bestritten werden kann“, sagte Sportvorstand Robin Dutt nach einem abschließenden Gespräch mit dem Trainer, der die Schwaben nach turbulenten Jahren in der Abstiegszone wieder zurück nach oben führen sollte.

          Zorniger, der im Mai einen Vertrag bis zum 30. Juni 2018 unterschrieb, bekam nur über dreizehn Spieltage die Gelegenheit, seinen Fußball mit den Schlüsselelementen Pressing, Gegenpressing, schnelles Umschalten, aggressives Verteidigen zu lehren. Dessen Ergebnis war am Ende niederschmetternd für die Reformer im Klub, angeführt von Dutt und VfB-Präsident Bernd Wahler. Sie hatten auf diesen Übungsleiter, der sich mit einem großen Ego präsentierte, gesetzt - und mussten erschrocken mitansehen, wie die Stuttgarter als derzeit Tabellensechzehnte wie schon in den vergangenen beiden Jahren aufs Neue in die Abstiegszone rutschten.

          Der Schaden, den das Projekt Zorniger, begleitet von Hohn und Spott auf den Rängen, am Samstag nahm, war schließlich irreparabel. Mit dem gescheiterten Cheftrainer, den man womöglich nicht mehr in der Bundesliga sehen wird, musste auch sein kompletter Stab gehen. Übergangsweise wird Jürgen Kramny, seit Jahren ein bewährter Trainer der VfB-Drittligamannschaft, die Profis zu stabilisieren versuchen. Zunächst in Dortmund, wo der VfB am Sonntag bei einer vermeintlichen Mission Impossible den Tabellenzweiten der Bundesliga fordern soll.

          Zorniger, der seine Konzeption für „alternativlos“ hielt, scheiterte nach ein paar verheißungsvollen Spielen zu Saisonbeginn nicht nur sportlich, sondern auch an sich selbst. Als Bundesliga-Novize machte er sich mit seiner meist schroffen Art kaum neue Freunde. Einen Plan B hatte er nicht. Und so verließ auch seine großen Förderer Dutt und Wahler allmählich ihr Gottvertrauen in diesen beratungsresistenten Coach, dem die Vormänner die Neugestaltung der kompletten Vereinsfußballdoktrin anvertraut hatten. Bis zum Montagabend, als die Gremien stundenlang getagt hatten, war noch keine Entscheidung gefallen. Tags darauf erleichterte der Trainer selbst den Kluboberen ihren finalen Entschluss, als er seine eigenen Zweifel am Erfolg seiner Vorstellungen offenbarte. Danach war für den Verein der Zeitpunkt gekommen, das Experiment mit diesem Fundamentalisten sofort zu beenden.

          Ob binnen kurzem ein neuer Cheftrainer als eigentlicher Nachfolger Zornigers gefunden wird, bleibt offen. Dutt, aus Schaden etwas klüger geworden, sagte denn auch sicherheitshalber, „Kramny ist eine Interimslösung ohne Zeitbegrenzung“. Ob er ein neuer André Schubert werden kann, der bei Borussia Mönchengladbach auch als Fachmann des Übergangs nach dem Abschied von Lucien Favre begann, und nun einen Cheftrainervertrag bis 2017 besitzt? Wahrscheinlicher ist, dass ein moderaterer Trainer mit ähnlichen Ideen wie Zorniger den VfB demnächst anleiten wird. Etwa einer wie Markus Gisdol, der nach guten Jahren vor kurzem beim benachbarten Ligakonkurrenten TSG 1899 Hoffenheim gehen musste. Dort soll inzwischen Huub Stevens, der die Stuttgarter als Nothelfer 2014 und in diesem Jahr vor dem Abstieg bewahrte, das Schlimmste verhindern.

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          Dutt, jahrelang Fußballlehrer und in seinem neuen Job noch ähnlich unerfahren wie der am Dienstag gescheiterte Trainer seines Vertrauens, hatte sein Los ziemlich eng mit dem von Zorniger verknüpft. Einem Trainer, der mit RB Leipzig den Aufstieg in die zweite Liga schaffte und dort im vorigen Frühjahr zurücktrat, auch weil die Dissonanzen mit Ralf Rangnick, dem Fußball-Projektleiter im Red-Bull-Konzern, zu groß geworden waren. Stevens’ sperriger Nachfolger beim VfB verstand es letztlich nicht, die Spieler von sich und seiner Arbeit zu überzeugen. Sozialkompetenz war nicht das beste Fach des Einserabsolventen an der Trainerakademie. Da auch das Konzept dieses Trainers letztlich zu ambitioniert und fordernd war, um auf Anhieb angenommen zu werden, höhlten die vielen VfB-Niederlagen bis hin zur Selbstaufgabe gegen Augsburg die Autorität des manchmal arg poltrig und grob anmutenden Zorniger immer weiter aus.

          Der VfB Stuttgart, der sich zuvor schon vorzeitig von seinen Trainern Bruno Labbadia und Thomas Schneider trennte, ist vermutlich gut beraten, seinen Fortschrittsglauben künftig gewissenhafter mit den eigenen Möglichkeiten abzugleichen. Im Ländle, wo die Erinnerung an bessere Zeiten die Sehnsucht nach einem Neustart beflügelt, ist fürs erste eine beharrliche Politik der kleinen Schritte voran in gesicherte Gefilde gefragt. Nicht nur dafür war Zorniger, der seine Bundesligareife nicht nachweisen konnte, eine Fehlbesetzung.

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