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Verletzungssorgen in Stuttgart : Der VfB auf einem schmalen Grat

Von Verletzungen gebeutelt: VfB-Stürmer Saša Kalajdžic Bild: Imago

Der lange Ausfall des Stürmers Saša Kalajdžic trifft den Bundesligaverein VfB Stuttgart hart. Sportdirektor Sven Mislintat ist auf der Suche nach Verstärkung – die hat der Kader auch dringend nötig.

          3 Min.

          Es gab einen Moment, da stand das Kartenhaus fast perfekt. Sven Mislintat, der Sportdirektor des VfB Stuttgart, hatte es wieder behutsam zusammengesetzt. Wichtige Stützen wurden erhalten, andere, zuweilen in die Jahre gekommene, durch frischere ersetzt und die Spitze ragte ziemlich hoch in den Himmel, genau genommen exakt zwei Meter.

          Bundesliga
          Jan Ehrhardt
          Sportredakteur.

          Auch in seinem zweiten Bundesligajahr nach dem Wiederaufstieg aus der Zweitklassigkeit 2020 hatte der Klub einen Kader beisammen, der das Potential besaß, in Deutschlands höchster Fußballklasse wie in der vergangenen Saison zumindest im Mittelfeld mitzuspielen, vielleicht sogar etwas weiter nach oben zu schauen – nach Jahren der stetigen Degeneration als Verein und Mannschaft keine Selbstverständlichkeit.

          Das hatte nicht zuletzt mit Saša Kalajdžic zu tun, Stuttgarts groß gewachsenem Stürmer (genau genommen exakt zwei Meter). Der Österreicher hatte sich nach einer schweren Verletzung erst in der zurückliegenden Spielzeit auf höchstem Niveau beweisen können, nachdem er 2019 aus der österreichischen Bundesliga zum VfB gewechselt war. 17 Tore in 36 Pflichtspielen sowie eine stets kraftvolle Präsenz auf dem Feld brachten ihn zur Europameisterschaft im Sommer – und auch auf die Beobachtungslisten mehrerer internationaler Spitzenvereine mit höherer Qualität, besseren finanziellen Möglichkeiten und verlockenderen Perspektiven als in Baden-Württembergs Landeshauptstadt.

          Alle Offerten abgeblockt

          Doch genau da kam Mislintat ins Spiel, der oberste Kaderplaner der Stuttgarter, der im Gespräch mit der F.A.Z. klarstellte, Kalajdžic nur dann ziehen zu lassen, wenn Angebote auf den Tisch kämen, die „uns wirklich Schmerzen bereiteten, sie abzulehnen in der derzeitigen finanziellen Konsolidierung“. Solche Angebote hat es dem Vernehmen nach tatsächlich gegeben, der Sportdirektor blockte dennoch alle Offerten ab. Kalajdžic, einst für 2,5 Millionen Euro geholt und nun etwa 22 Millionen Euro wert, sollte in Stuttgart bleiben und als Spitze des Kader-Kartenhauses dazu beitragen, den Verein wieder in der Bundesliga zu etablieren.

          Eine solche Beharrlichkeit legte Mislintat nicht bei allen Personalien an den Tag. Torhüter Gregor Kobel, wichtiger Rückhalt in der vergangen Saison, wechselte für 15 Millionen Euro zu Borussia Dortmund, Flügelspieler Nicolás González für 23,5 Millionen zum AC Florenz in die italienische Serie A und Kapitän Gonzalo Castro bekam keinen neuen Vertrag.

          Viel zu tun: Sven Mislintat
          Viel zu tun: Sven Mislintat : Bild: dpa

          Doch darüber hinaus hielt der frühere Chefscout des BVB den Stuttgarter Spielerkern, der in der vergangenen Saison oft mit jugendlich-frischem Offensivfußball zu beeindrucken wusste, weitestgehend zusammen – und investierte weiter in die Zukunft: Mit dem 17 Jahre alten Ömer Beyaz von Fenerbahce Istanbul überzeugte Mislintat ein weiteres umworbenes Talent von einem Engagement beim VfB, von der AS Monaco stieß zuletzt noch der 19 Jahre alte Enzo Millot zum Team. Und auf der Torhüterposition fanden die Stuttgarter in Juniorennationalspieler Florian Müller einen annähernd adäquaten Ersatz für Kobel. So weit so gut.

          Das Kartenhaus des VfB ist nun dennoch kräftig ins Wanken geraten. Nach dem 5:1 im Auftaktspiel gegen Aufsteiger Greuther Fürth, das Kalajdžic wegen einer Corona-Infektion noch verpasst hatte, verletzte sich der 24 Jahre alte Nationalspieler bei seinem ersten Auftritt in der folgenden Woche beim 0:4 gegen RB Leipzig abermals schwer: Schulter ausgekugelt, verletzter Bänderapparat, OP notwendig, Ausfall bis mindestens Jahresende.

          Fragiles Konstrukt VfB

          Kalajdžic reihte sich damit ein in eine ohnehin schon lange Ausfallliste, die das fragile Konstrukt VfB seit dem Frühjahr immer wieder kräftig erschüttern hat lassen. Erst riss sich Silas Katompa Mvumpa das Kreuzband, später fielen in Nikolas Nartey, Tanguy Coulibaly, der an diesem Samstag gegen den SC Freiburg (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga sowie bei Sky) immerhin sein Comeback geben könnte, Naouirou Ahamada, Atakan Karazor, Orel Mangala, Momo Cissé, Lilian Egloff, Chris Führich, und zuletzt dem 17-Jährigen Mohamed Sankoh, der mit einer schlimmen Knieverletzung bis zu zwölf Monate pausieren muss, zahlreiche weitere Profis aus.

          Noch kann Trainer Pellegrino Matarazzo die entstandenen Lücken stopfen, die von Kalajdžic etwa durch Hamadi Al Ghaddioui, der ein ähnlicher Spielertyp mit aber doch geringerer Spielstärke ist. Kämen in Stuttgart in absehbarer Zeit weitere Ausfälle hinzu, wäre Mislintats Kartenhaus wohl akut einsturzgefährdet.

          Mit seinem hohen Anteil an Talent bei doch verhältnismäßig geringer qualitativer Tiefe bewegt sich der VfB auf einem schmalen Grat. Der Sportdirektor schaut sich deshalb wieder auf dem Transfermarkt um. Ein Stürmer könnte kommen, einer, der an die Stärke von Kalajdžic heranreicht. Bei dessen Qualität, und das stellt auch Mislintat klar, muss da „aber alles passen“.

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