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Rückkehr des Weltmeisters : Großkreutz muss sich selbst retten

Weltmeister: Kevin Grokreutz am 15. Juli 2014 in Berlin Bild: firo Sportphoto

Der VfB Stuttgart kaufte Kevin Großkreutz, um den Abstieg zu verhindern. Doch nachdem ihn seine große Liebe aus Dortmund fortgeschickt hat, wartet auf den Weltmeister eine viel größere Aufgabe.

          7 Min.

          Es gibt eine Geschichte, die Kevin Großkreutz oft erzählt hat. Sie handelt von der Liebe. Und die Geschichte geht so: Schon als Kind spielte Kevin bei seinem Traumklub, dem BVB, aber in der C-Jugend musste er fort, weil ihn sein Trainer für zu schwach hielt. Mit gebrochenem Herzen schlich der kleine Junge davon, aber in der Fremde kämpfte er sich hoch bis in die zweite Liga. Seine Liebe aber gehörte immer nur der Borussia. Und wenn seine Dortmunder spielten, dann wollte Kevin in der Fankurve dabei sein, auch auswärts, selbst wenn er am nächsten Tag selbst im Profifußball ran musste. Das ging einfach nicht anders.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Einmal hockte er sich mit seinen Kumpels in einen Bus, sie ratterten die Autobahn stundenlang runter nach München, um die Partie beim TSV 1860 zu sehen. Erst tief in der Nacht und hundemüde kamen sie zurück. 1200 Kilometer steckten den Jungs in den Knochen, und am nächsten Tag, als seine Kumpels auspennten und Kevin für Ahlen spielen musste, war er so platt, dass er ganz furchtbar spielte. Sein Trainer tobte und verbot ihm diese Touren, denn er wusste, dass Kevin niemals von allein damit aufgehört hätte. Aber Kevin scherte sich nicht drum und ging immer wieder zum BVB. Das musste einfach sein. Die Liebe ging so tief.

          Die Geschichte einer Abhängigkeit

          Kevin Großkreutz erzählte die Geschichte auf dem Höhepunkt seiner Karriere als große Liebesgeschichte, als sein reines Glück vom Fußball. Die Geschichte kann man aber auch ganz anders lesen. Als die Geschichte einer Abhängigkeit. Einer Abhängigkeit, die einfach nicht enden will.

          In der Winterpause ist Großkreutz aus der Türkei zum Abstiegskandidaten VfB Stuttgart geflüchtet, um seiner Vergangenheit endlich zu entkommen. Es war ein Akt der Verzweiflung. Im September hatte der türkische Klub aus der Champions League noch eineinhalb Millionen Euro für den Weltmeister bezahlt, aber wegen eines Formfehlers durfte Großkreutz keine einzige Minute dort spielen. Die Menschen bei Galatasaray Istanbul waren in dieser Zeit immer nett und höflich zu ihm, sagte Großkreutz. Er lebte in einer wunderbaren Stadt, gehörte zum größten Klub des Landes, die Sonne schien, überall herzliche Leute. Aber Kevin fror. Er fühlte nur die Fremde. Das hielt er nicht aus.

          Großkreutz – jetzt im Trikot des VfB Stuttgart
          Großkreutz – jetzt im Trikot des VfB Stuttgart : Bild: dpa

          Nichts von dem, was er sich nach seinem Abschied aus Dortmund erhofft hatte, wurde Wirklichkeit. Vielmehr weckte sein Weg, der ihn völlig in die Irre führte, allein die Vermutung, als könne Kevin Großkreutz als Profi ohne Borussia Dortmund gar nicht existieren.

          Es war Thomas Tuchel, der kurz nach seinem Amtsantritt keine Verwendung mehr für ihn beim BVB hatte. Für den ewigen Dortmunder Jungen, der sich die Skyline seiner Stadt in die Wade stechen ließ, brach eine Welt zusammen. Die einzige Welt, die er kannte und in der er immer leben wollte. Die Zeche Vereinigte Germania. Die Reinoldikirche. Der Florianturm. Das Theater. Sein Stadion. Alles, was er unter der Haut noch immer mit sich trägt. Aber nun wurde er hinausgestoßen. Das war der Anfang seines Absturzes. Seinen Fans schrieb er zum Abschied auf seinem Instagram-Account, dass er am liebsten „sein ganzes Leben für Schwarz-Gelb gespielt hätte“. Aber da ihm dieses Glück genommen wurde, wollte er wenigstens weiter Fußball spielen. Und er ging daraufhin so weit weg von seinem Lieblingsklub, wie es nur möglich war in Europa. Es musste ja irgendwie weitergehen.

          „Er hat in Dortmund mit jeder Faser seines Körpers gezeigt, dass er für den Verein alles tut. Aber jetzt kann Kevin nicht mehr in Dortmund spielen – und mit 27 kannst du auch nicht in Rente gehen“, sagt Robin Dutt, der Sportdirektor des VfB, über das Dilemma, in das Großkreutz schon im Sommer gezwungen wurde. Mit seiner Rückkehr in die Bundesliga unternimmt er nun bei den Schwaben seinen zweiten Anlauf. Es ist vermutlich seine letzte Chance.

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