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VfB Stuttgart : In schwerster Not kommt Bruno Labbadia

  • -Aktualisiert am

„Der Einstieg ist sicher schwierig, aber wir haben keine Zeit mehr”: Bruno Labbadia Bild: dpa

Der VfB Stuttgart trennt sich von Jens Keller und verpflichtet mit Bruno Labbadia den dritten Trainer der Saison. Zu Dienstbeginn spult er das Kommunikationsprogramm aller „Feuerwehrmänner“ ab. Das Startprogramm ist schwierig.

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          Es sah fast aus als sei da einer in geheimer Mission unterwegs. Bruno Labbadias erster Auftritt aber passte zur heiklen Lage des VfB Stuttgart. Der neue Trainer betrat den Pressekonferenzraum in der Mercedes-Benz-Arena durch den Hintereingang und nicht wie sonst üblich nach einem kleinen Spaziergang für alle sichtbar von vorne. Die Stuttgarter hatten in der Einladung zur Präsentation des Mannes, der den Klub vor dem zweiten Abstieg der Vereinsgeschichte bewahren soll, darum gebeten, Ort und Zeitpunkt nicht vorab zu veröffentlichen. Wenn man beim abstiegsbedrohten Klub Fanproteste befürchtet hatte, blieben die aus.

          Der 44 Jahre alte Labbadia machte dann keinen Hehl mehr aus der prekären Situation und spulte das Kommunikationsprogramm aller „Feuerwehrmänner“ ab. „Es ist nicht mehr fünf vor zwölf“, sagte er, „wir sind darüber hinaus. Jede Sekunde zählt, jeder einzelne Tag zählt.“ Der ehemalige Stürmer unterschrieb einen Vertrag über zweieinhalb Jahre, der nur für die erste Liga gilt. Das bedeutet, scheitert die Mission, ist auch Labbadias Amtszeit im kommenden Sommer beendet.

          Es gibt sicher günstigere Momente, einen in die Krise geratenen Klub zu übernehmen als diesen. Nach dem Übungsspiel gegen Odense in der Europa League am Donnerstag muss sich Labbadia mit Gegnern wie Bayern München (Samstag und Mittwoch in der Liga und im DFB-Pokal) sowie zum Rückrundenstart mit Mainz und Titelfavorit Dortmund auseinandersetzen. „Der Einstieg ist sicher schwierig, aber wir haben keine Zeit mehr“, sagte Labbadia und kündigte einen Sofortplan bis zur Winterpause an.

          „Jede Sekunde zählt, jeder einzelne Tag zählt”: Beim VfB Stuttgart ist er schon der dritte Trainer in dieser Saison
          „Jede Sekunde zählt, jeder einzelne Tag zählt”: Beim VfB Stuttgart ist er schon der dritte Trainer in dieser Saison : Bild: dapd

          „Ich habe große Lust auf diese Aufgabe“

          Wie schwierig die Aufgabe am Neckar zu sein scheint und wie groß die innerbetrieblichen Schwierigkeiten der Stuttgarter sind, verdeutlicht die kurze Amtszeit seines Vorgängers Jens Keller, der nach knapp 60 Tagen und nur neun Punkten aus neun Spielen wieder gehen musste, obwohl der ehemalige Assistent erst Mitte Oktober den Schweizer Christian Gross beerbt hatte. Keller wurde am Samstag beurlaubt, soll aber weiter in der Spielbeobachtung eingesetzt werden. Labbadia ist der dritte Trainer innerhalb eines Jahres oder der fünfte in zwei Jahren, den sich die Stuttgarter leisten. „Wir machen vielleicht die schwierigste Phase der letzten Jahre durch“, sagte Präsident Erwin Staudt. „Wir wollten in dieser Situation einen Neustart mit neuen Gesichtern und neuen Methoden.“ Mit Keller beurlaubte der VfB weitere langjährige Betreuer.

          Ausschweifend und geduldig lange beantwortete Labbadia Fragen und mühte sich, seinen angekratzten Ruf aufzupolieren. Nach kurzen Gastspielen in Leverkusen und Hamburg galt Disziplinfreund Labbadia nicht mehr überall als Teamplayer, sondern wurde als eigenwillig und wenig zugänglich beschrieben. In dem halben Jahr ohne Job, der HSV hatte ihn im April 2010 entlassen, „hatte ich viel Zeit zu reflektieren“, beschrieb Labbadia seine persönliche Konsolidierungsphase.

          „Ich hatte das erste Mal Gelegenheit, gute und schlechte Dinge zu ergründen.“ Nach seinem rasanten Aufstieg als Trainer durch die „vierte, dritte, zweite bis in die erste Liga“ empfinde er jetzt wieder „große Lust auf diese Aufgabe“. Ihm sei wichtig, „Fehler, die man einmal gemacht hat“ nicht zu wiederholen. Der Job in Stuttgart ist für den Fußballlehrer Labbadia eine Chance, sich neu zu beweisen.

          Fast apokalyptische Angst in Stuttgart

          Man zeige durch den Zweieinhalbjahresvertrag, wie groß das Vertrauen in den neuen Coach sei, warb Fredi Bobic für seine Variante. Der Manager hatte Labbadia gegen Kandidaten des Aufsichtsrates wie Hans Meyer und Christoph Daum durchgesetzt. Bobic ist selbst erst vier Monate im Amt.

          Jetzt verordnete er den Stuttgartern neue personelle Strukturen auf sportlicher Ebene, an denen er sich später messen lassen muss. Die Verpflichtung Labbadias sei Teil eines langfristig angelegten Konzeptes, sagte er. Bobics optimistischer Blick in die Zukunft sollte einen weiteren Zweck erfüllen. Er wollte etwas gegen die fast apokalyptische Angst der Stuttgarter tun, bei einem Abstieg das zu einer reinen Fußballarena umgebaute Stadion in der zweiten Liga einzuweihen.

          „Einiges ist nicht so gelaufen wie gewünscht“

          Am Sonntagnachmittag leitete Labbadia sein erstes Training. „Wir müssen vor allem auch an der mentalen Einstellung arbeiten“, sagte der zweimalige Nationalspieler. Gleichzeitig kündigte er eine lange Durststrecke an. „Wir müssen auf dem Trainingsplatz und in den Köpfen arbeiten“, hob der neue VfB-Coach hervor. Das werde bis zum letzten Spieltag dauern. Dass es einiges zu tun gibt, steht für Labbadia außer Frage.

          Ob alle Stuttgarter den Ernst der Lage verinnerlicht haben, zieht Labbadia offenbar in Zweifel. Man müsse in erster Linie an der Geschlossenheit arbeiten. Die Tabelle lüge nicht, sagte der Neue, „einiges ist nicht so gelaufen wie gewünscht“. Das soll sich nun ändern. „Wir“, sagte Bobic, „sind überzeugt, dass es passt und schauen nach vorne.“

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