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VfB Stuttgart in Bundesliga : Der Riese wacht nicht auf

Derzeit nicht immer ein Rückhalt in der Defensive: Weltmeister Benjamin Pavard vom VfB Stuttgart Bild: dpa

Beim VfB Stuttgart läuft es derzeit alles andere als rund. Trotz aller Fehler und Probleme gibt sich Trainer Korkut weiter charakterfest. Doch die Erwartungen liegen zu weit von der Realität entfernt.

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          Die Begeisterung war groß beim VfB, geradezu riesengroß. Als Aufsteiger belegte der Stuttgarter Bundesligaklub am Ende der vergangenen Saison den siebten Platz, in der sogenannten „Rückrundentabelle“ waren sie hinter dem deutschen Meister FC Bayern München sogar Zweiter. Nach dem schmerzlichen Gang in die Zweitklassigkeit eine Spielzeit zuvor war dies ein Ergebnis, das wie Balsam auf den geschundenen Seelen der Verantwortlichen und Fans wirkte.

          Bundesliga

          Da verwunderte es nicht, dass der ehrgeizige Sport-Vorstand Michael Reschke vor dem Beginn der derzeit laufenden Saison, in der der VfB an diesem Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) auf Werder Bremen trifft, große Ziele formulierte. Wieder im Mittelfeld der Liga etablieren wolle man sich, in nicht allzu ferner Zukunft wieder für internationale Wettbewerbe qualifizieren und irgendwann, ja irgendwann spielt man in der Mercedesstraße auch mal wieder in der Champions League. So der Wunsch, den auch Präsident Wolfgang Dietrich immer wieder benannte.

          „Es ist zu früh, ein Fazit zu ziehen“

          Das Problem? In Stuttgart neigt man offenbar dazu, zu sehr in der mehr oder weniger erfolgreichen Vergangenheit zu schwelgen. Etwa als der Klub in der Fußball-Königsklasse Manchester United 2:1 besiegte und der große FC Barcelona zu Gast war. Oder als in der Europa League beim Auswärtsspiel in Glasgow Celtic-Fans gemeinsam mit dem VfB-Anhang ein stimmungsvolles Fußballfest ausrichteten. 2003 war das, die Europa League hieß damals noch Uefa-Pokal. Die großen Momente in der Champions League datieren entweder vom selben Jahr oder von 2007 und 2010.

          Sie fühlen sich ein bisschen wie ein schlafender Riese in Stuttgart, der nur zu rechten Zeit aufwachen muss. Doch bislang scheint sich niemand für diese Aufgabe gefunden zu haben. Vorstand Reschke ist derzeit damit beschäftigt, Ruhe und Gelassenheit auszustrahlen. Von einer Trainerdiskussion will er nichts wissen: „Es ist noch viel zu früh, irgendein Fazit zu ziehen.“ Tayfun Korkut, der von ihm für Hannes Wolf an den Neckar geholte Coach, zeichne eine Stabilität aus, die er auch auf die Mannschaft übertrage. Kapitän Christian Gentner äußerte sich ähnlich, als er nach der 0:2-Niederlage am vergangenen Mittwoch in Leipzig sagte: „Tayfun Korkut macht mit uns eine sehr gute und ruhige Arbeit.“

          Alles in Ordnung also?

          Alles in Ordnung also beim VfB? Angesichts von lediglich zwei Punkten nach fünf Spielen und dem vorletzten Tabellenplatz klingt das wenig überzeugend. Doch auch der Trainer selbst gibt sich betont charakterfest. Er wolle konzentriert mit seinem Team nach vorne blicken und die gemeinsame Entwicklung weiter vorantreiben. „Wir dürfen nicht von unserem Weg abgehen“, sagte der 44-Jährige am Freitag. Doch dass Fehler begangen worden sind, gerade hinsichtlich des Systems und der taktischen Ausrichtung, liegt auf der Hand.

          Der langsame Gentner etwa muss gelegentlich vom zentralen Mittelfeld auf den linken Flügel, der noch langsamere Mario Gomez muss sich die Mehrzahl seiner Torchancen selbst erlaufen, wohingegen sich der flinke Neuzugang Nicolás González noch nicht so richtig in Szene setzen kann. Und den eigentlich sicheren Innenverteidigern Benjamin Pavard und Timo Baumgartl unterlaufen zuweilen ungewohnte Stellungsfehler, etwa als gegen RB Leipzig der in Stuttgart geborene Nationalangreifer Timo Werner beiden entwischte und völlig frei zum Abschluss kam. Dazu kommt, dass Korkut bei den Spielerwechseln nicht immer das richtige Händchen hatte.

          Eigentlich sind sämtliche Voraussetzungen gegeben beim VfB: Kluge Einkäufe sowie wohlüberlegte und für den Kader verträgliche Abgänge haben das Team schon zu einem frühen Zeitpunkt in der Saisonvorbereitung Gestalt annehmen lassen. Korkut hat an seiner Spielweise im Vergleich zur vergangenen Saison nicht viel geändert. Doch die Feinjustierungen im Defensiv- wie Offensivbereich haben bislang ihre Wirkung verfehlt. Das Umschaltspiel kommt so gut wie nicht zur Geltung, was dazu führt, dass wirkliche Torchancen zu einer Seltenheit geworden sind – und Treffer sowieso. Gerade einmal drei stehen bislang zu Buche. „Wir brauchen eine klare Idee Richtung Tor“, gab Korkut zu, der gegen Werder wohl zumindest wieder auf Daniel Didavi bauen kann. Der Mittelfeldakteur kehrt nach Achillessehnenproblemen in den Kader zurück.

          Bei allen Stuttgarter Schwierigkeiten derzeit bedeutet das freilich nicht, dass sie es nicht schaffen könnten im Ländle mit der Umsetzung ihrer Ziele. Aber wenn die Erwartungen so weit entfernt von der Realität liegen, wird der Riese wohl noch eine ganze Weile weiterschlafen.

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