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Abstieg in der Relegation : Die dunkelste Stunde des VfB Stuttgart

  • -Aktualisiert am

Autsch! Der Abstieg schmerzte die Stuttgarter noch mehr als die Verletzen im Rückspiel in Berlin. Bild: Reuters

Nach einer desolaten Saison muss der VfB in die zweite Bundesliga. Den Stuttgartern droht nach dem Abstieg in der Relegation in Berlin aber noch ein schlimmeres Schicksal als nur die sportliche Zweitklassigkeit.

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          Die Abschiedsfeuer brannten schon vor dem Spiel. Die Abschiedsfeuer brannten auch in der Halbzeit und danach, bis zum Schlusspfiff. Die Abschiedsfeuer wiesen dem VfB Stuttgart im Rückspiel der Bundesliga-Relegation bei Union Berlin den Weg in die Zweitklassigkeit. Mit dem 0:0 am Montagabend stieg der Klub aus der Hauptstadt erstmals überhaupt in das gesamtdeutsche Fußball-Oberhaus auf. Sie profitierten dabei von der Auswärtstorregel, nachdem das Hinspiel in Stuttgart am Donnerstag 2:2 ausgegangen war. Der VfB hingegen steigt nach 1975 und 2016 zum dritten Mal in die zweite Bundesliga ab.

          Bundesliga

          Die Anhänger der Schwaben hatten es zuvor geschafft, für das zweite Duell mit dem Zweitliga-Dritten reichlich verbotene Pyrotechnik ins  „Stadion An der Alten Försterei“ zu schmuggeln. Doch spätestens, als einige von ihnen nach dem Schlusspfiff dichten, schwarzen Rauch aufsteigen ließen, der nur langsam über die rot-weißen Jubelstürme der Berliner auf dem Spielfeld davonwogte, dürfte wohl auch dem letzten mitgereisten Anhänger des VfB Stuttgart bewusst geworden sein, dass sie sich und ihrer Mannschaft keinen Gefallen getan hatten mit der Zündelei. Stattdessen wurde das als Ausdruck der Stärke gedachte Signal so zum Abschiedsgeleit aus der Bundesliga.

          „Das ist der Tiefpunkt für uns. Dass es jetzt so endet, ist brutal“, sagte der sichtlich ergriffene Stuttgarter Interimstrainer Nico Willig nach der Partie. „Wir haben in den letzten fünf Wochen nur ein Spiel verloren, heute aber auch eines zu wenig gewonnen.“ Und Sportvorstand Thomas Hitzlsperger, der nach Spielende ebenso um Fassung bemüht war, meinte: „Wir sind nach Berlin gekommen, um zu gewinnen. Unsere Qualität hätte eigentlich ausreichen müssen, um in der Bundesliga zu bleiben. Wir waren aber nicht in der Lage, fußballerische Lösungen zu finden.“

          Tatsächlich erwies sich dies als das größte Manko des VfB in dieser Relegationsserie. Der Bundesligaklub strahlte in keiner der beiden Begegnungen die erwartete fußballerische Dominanz aus, war dem Außenseiter aus der niedrigeren Klasse sogar in mehreren Belangen unterlegen, in der Defensivarbeit etwa, ebenso wie in der kreativen Spielgestaltung und im Zweikampfverhalten. „Unter dem Strich war das einfach zu wenig“, sagte Torhüter Ron-Robert Zieler. „Wir hatten 36 Spieltage Zeit. Die Möglichkeiten waren da.“

          Eine dieser Möglichkeiten war der Freistoß von Dennis Aogo in der neunten Minute. Der Stuttgarter Außenverteidiger zirkelte den Ball dabei an der dicht gestellten Mauer vorbei ins Tor von Union-Schlussmann Rafal Gikiewicz. Der wichtige Treffer für den Klassenverbleib schien erzielt, das ganze Team lag sich jubelnd in den Armen. Doch aus Gründen, die wohl nur er selbst kennt, hatte sich der junge VfB-Angreifer Nicolás González kurz vor der Ausführung des Freistoßes einige Schritte auf Gikiewicz zubewegt und den 31 Jahre alten Polen dabei irritiert.

          Videoassistent Guido Winkmann meldete sich bei Schiedsrichter Christian Dingert, der nach Ansicht der Bilder auf Abseits von González entschied und den Treffer aberkannte. „Das wäre ein super Moment gewesen, in Führung zu gehen. Aber wir dürfen die Schuld nicht beim Schiedsrichter oder woanders suchen“, nahm Kapitän Christian Gentner, der wie Zieler Fragen nach seiner Zukunft auswich, später den in dieser Situation völlig kopflosen González in Schutz. „Wir haben insgesamt einfach zu wenig geleistet in dieser Saison, um in der Liga zu bleiben.“

          Die Anhänger der Stuttgarter nebelten das Stadion ein. Bilderstrecke

          Der Fehler von González wurde zum Sinnbild des vergeblichen Stuttgarter Kampfes gegen den Abstieg. „Das haben wir uns selber eingebrockt“, hatte Zieler bereits am Donnerstag nach dem Hinspiel gesagt. Und er behielt damit recht: Die Schwaben müssen nun abermals den bitteren Gang nach unten antreten und werden – das ist das Ergebnis ihrer desolaten Saison – in der kommenden Spielzeit nicht mehr gegen den FC Bayern, Borussia Dortmund oder Eintracht Frankfurt in der Liga antreten. Stattdessen warten Gegner wie Erzgebirge Aue, SV Sandhausen oder Darmstadt 98. „Ich wünsche mir einfach, dass der VfB wiederkommt“, sagte Willig, der wie zuvor vereinbart nun wieder die U 19 des Klubs übernehmen wird, unter Tränen bei der Pressekonferenz.

          Ob den Stuttgartern mit dem neuen Trainer Tim Walter, dessen Vertrag auch für die zweite Liga gilt, tatsächlich der direkte Wiederaufstieg gelingt wie 2016, als sie angetrieben von einem großen Zusammenhalt im Verein und dessen Umfeld am Ende sogar Zweitliga-Meister wurden, erscheint derzeit mehr als fraglich. Zu zerrissen sind die Führungsgremien, zu desolat die sportliche Entwicklung der vergangenen Jahre, zu gering der Rückhalt für die verantwortlichen Personen. Der Schaden für den Klub könnte perspektivisch immens sein. Von der Begeisterung aus früheren Tagen jedenfalls ist nicht viel übriggeblieben. Das zeigten nicht zuletzt die rot leuchtenden Abschiedsfeuer im Gästeblock der „Alten Försterei“. Und der dichte, schwarze Rauch, der in den dunklen Berliner Nachthimmel davonzog.

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