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Last-Minute-Sieg gegen den HSV : Stuttgarter Hupkonzert

  • -Aktualisiert am

Nicht nur Stuttgarts Torwart Gregor Kobel freute sich arg über den Sieg des VfB in letzter Minute. Bild: EPA

Die wilde Fahrt im Topspiel der zweiten Bundesliga gegen den HSV endet spektakulär: Nach einem 0:2 besiegt Stuttgart den HSV noch durch ein Tor in der Nachspielzeit. Sogar von außen dringen danach Reaktionen ins Stadion vor.

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          Erst in der Halbzeit wurden die Profis des VfB Stuttgart laut, deutlich und fordernd. „In der Kabine hat es gefetzt“, beschrieb Aushilfskapitän Pascal Stenzel das betriebsinterne Reizklima am Donnerstagabend, als die Schwaben auf den 0:2-Pausenrückstand gegen den Hamburger SV aggressiv und kämpferisch wie nicht einmal während der ersten 45 Minuten auf dem Platz reagierten. Allen voran Pellegrino Matarazzo, der temperamentvolle amerikanische Trainer italienischer Herkunft.

          2. Bundesliga

          Der 42 Jahre alte Fußballlehrer aus New Jersey, der tags zuvor seine vertragliche Bindung an den schwäbischen Traditionsklub um ein Jahr bis zum 30. Juni 2022 verlängert hatte und damit für den ersten Stuttgarter Coup in dieser Woche sorgte, stellte seine Mannschaft nun um und neu ein. Aus der halbherzig mit Leben gefüllten 4-2-3-1-Grundordnung machte er ein stürmisches 4-3-3-System und, wichtiger noch: Aus passiven Spielern formte er auf die Schnelle ein leidenschaftliches Kollektiv, das endlich gegen sein vermeintliches Los aufbegehrte.

          Ganz anders als in der ersten Hälfte, als der vom HSV jederzeit beherrschte VfB nach den Treffern durch Joel Pohjanpalos Kopfball (16. Minute) und Aaron Hunts Elfmeter nach Stenzels Handspiel zum 0:2 (45.+2) fast schon geschlagen schien. Was bei der folgenden, so Stenzel, „Achterbahnfahrt“ gegenüber der Stuttgarter Volksfestmeile Cannstatter Wasen folgte, war ein spektakuläres schwäbisches Comeback, das angesichts schwindender Erstliga-Aufstiegsperspektiven zwingend nötig war.

          Castro als Joker

          Türöffner für die wilde Fahrt war der gerade mal 1,78 Meter lange japanische Mittelfeldvorarbeiter Wataru Endo, der in der 47. Minute nach Stenzels Freistoßheber höher als alle Hamburger sprang und sein erstes Saisontor per wuchtigem Kopfball zum 1:2 erzielte. Der Argentinier Nicolas Gonzalez nutzte seine Strafstoßgelegenheit nach dem Minimalfoul von Torhüter Heuer Fernandes am Stuttgarter Mangala zum Ausgleich (60.) und initiierte, als HSV-Kapitän Hunt so leichtfertig war, den einen Punkt mit einem Ballverlust aufs Spiel zu setzen, den letzten VfB-Konter in diesem Zweitliga-Spitzenspiel, den der eingewechselte Gonzalo Castro gedankenschnell zum 3:2-Siegtreffer für die Comeback-Schwaben nutzte (90.+2). Außer sich vor Freude riss sich der Rheinländer mit spanischen Familienwurzeln das Trikot vom Leib und schleuderte es vor der leeren Cannstatter Kurve auf den Rasen. Es war der Schlusspunkt eines Duells zweier Teams mit Bundesliga-Ambitionen, die nur als Teilzeitarbeiter überzeugten – der von Rang zwei auf Platz drei gesackte Hamburger SV im ersten und der nun zwei Punkte vor die Norddeutschen auf Aufstiegsrang zwei gerückte VfB Stuttgart im zweiten Durchgang.

          HSV-Trainer Dieter Hecking ärgerte sich „maßlos“ über die verpasste Gelegenheit, den Konkurrenten zumindest um einen Punkt hinter sich gelassen zu haben. „Du musst clever sein und den Punkt mitnehmen“, sagte er. Seine Spieler, so passiv wie die Kollegen vom VfB in der ersten Halbzeit in den zweiten Spielabschnitt gestartet und erst nach dem 2:2 wieder auf Ballhöhe, verfehlten den Mindestlohn ob eines Leichtsinnsfehlers Sekunden vor dem Abpfiff. Der VfB Stuttgart dagegen meldete sich nach zwei Niederlagen in Wiesbaden (1:2) und Kiel (2:3) zurück im Aufstiegskampf, den nach wie vor Tabellenführer Arminia Bielefeld mit deutlichem Vorsprung vor Stuttgart und Hamburg dominiert.

          Zwiespältiger Eindruck beiderseits

          Not macht erfinderisch und auch mutig, wenn eine Mannschaft unter höchstem Druck ihre Qualitäten abrufen kann. Diesen kreativen Kraftakt hat der VfB, als es galt, ansehnlich und effektiv zugleich bewältigt. Der 32 Jahre alte Siegtorschütze und frühere Nationalspieler Castro, in den vorangegangenen Spielen nicht mehr in der Startelf, kanalisierte seinen Frust nach seiner Einwechslung (82.) traumhaft produktiv. „Nach den Niederlagen zuvor und der katastrophalen ersten Halbzeit ist dieser Sieg sehr wichtig für den Kopf“, sagte er.

          Ob den Stuttgartern das Unternehmen direkter Aufstieg allerdings gelingt, ist ob der zwiespältigen Eindrücke, die der VfB wie der HSV in diesem Spiel zweier früherer Meisterklubs hinterließen, die offene Frage. Der HSV, aber auch der 1. FC Heidenheim und vielleicht sogar noch Darmstadt 98 sind die Stuttgart-Jäger.

          Wie verwundbar die Schwaben sind, hat am Donnerstag jeder gesehen. Aber auch, zu was der VfB in der Lage ist, wenn er seine Möglichkeiten ausschöpft. Trainer Matarazzo hat das Erlebnis vom Donnerstagabend ausgekostet wie kein Stuttgarter Spiel zuvor. Er nahm aus dem Thriller gegen den HSV ein „Gefühl“ mit, „das dich ein ganzes Leben lang begleitet“. Das Comeback des VfB Stuttgart hallte auch bei den Fans nach. Aus den Autos, die am menschenleeren Stadion vorbeifuhren, ertönte ein kleines Hupkonzert.

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