https://www.faz.net/-gtm-whqp

Urteil zu Fußball-Transfers : „Nur die Spielervermittler reiben sich die Hände“

  • Aktualisiert am

Obenauf: Der Schotte Andy Webster bekam vom Internationalen Sportgerichtshof recht Bild: ASSOCIATED PRESS

Der Internationale Sportgerichtshof hat den Wechsel des Schotten Andy Webster trotz noch bestehenden Vertrages für rechtmäßig erklärt. Nun steht das Transfer-System im Profi-Fußball vor einer grundlegenden Änderung. Der Weltverband Fifa ist empört.

          3 Min.

          Mit Bedauern und Sorge haben Vertreter der führenden deutschen Fußball-Klubs auf ein Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs (CAS) reagiert, das Profis die Möglichkeit zum Vereinswechsel ins Ausland vor Vertragsende erleichtert. „Ich bedauere dieses Urteil sehr, weil damit wieder einmal die Position und die Planungssicherheit der Klubs geschwächt werden“, sagte Bayern Münchens Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge (Siehe auch: Kommentar zum Transfer-Urteil: Pacta sunt servanda? Wild-Wechsel!).

          Nach der in Lausanne getroffenen Entscheidung haben Vereine bei langfristigen Verträgen von mehr als drei Jahren keine Möglichkeit mehr, die Transfersumme von Spielern auszuhandeln. HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer befürchtet daher künftig eine Umverteilung der Geldströme: „Die Ablösesummen werden tendenziell geringer werden und die Gehälter steigen.“

          Profi-Fußball steht vor einer grundlegenden Änderung

          Gut zwölf Jahre nach dem richtungweisenden Bosman-Urteil steht das Transfersystem im Profi-Fußball nach der Entscheidung im Fall des schottischen Spielers Andy Webster vor einer abermaligen grundlegenden Änderung. Die Sportrichter erklärten Websters Wechsel von Heart of Midlothian zu Wigan Athletic im Jahr 2006 trotz bestehenden Vertrages für rechtmäßig und verurteilten den 28-Jährigen nur zur Zahlung der noch ausstehenden Gehaltszahlungen an seinen ehemaligen Klub.

          Als Grundlage für diesen Entscheid zog das Gericht Artikel 17. Abs. 1 des Reglements des Weltverbandes Fifa heran, wonach Profis nach Ablauf einer Schutzzeit von maximal drei Jahren ihren Verein ins Ausland verlassen können.

          Blatter spricht von „Pyrrhussieg für die Spieler“

          Die Fifa reagierte empört auf das CAS-Urteil. „Der Weltverband ist der Ansicht, dass das Urteil zugunsten des Spielers weitreichende und verheerende Folgen für den gesamten Fußball haben wird“, teilte die Fifa in einer schriftlichen Erklärung mit. Präsident Joseph Blatter sprach von einem „Pyrrhussieg für die Spieler“. „Die Hände reiben können sich wohl einzig die Spielervermittler, die ihre Klienten, wie im Fall Webster, gewinnbringend neuen Klubs anbieten können“, heißt es weiter in der Fifa-Erklärung.

          Die Deutsche Fußball Liga DFL schloss sich der Meinung an. „Wir dürfen nicht zulassen, dass künftig Arbeitsverträge einseitig und ohne triftigen Grund aufgelöst werden dürfen. Die Entscheidung ist mit den Grundsätzen des deutschen Arbeitsrechts nicht vereinbar“, sagte DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus. „Wir bleiben daher bei unserem Prinzip: Solange es keine arbeitsrechtliche Klärung gibt, wird die DFL keine internationale Freigabe erteilen.“

          „Da hilft kein Jammern und kein Schimpfen“

          Dagegen begrüßte die Vereinigung der Vertragsfußballspieler VdV die Entscheidung von Lausanne. Damit sei „eine klare Kalkulationsgrundlage festgelegt worden, um die Höhe von Entschädigungszahlungen bei Transfers außerhalb der Schutzzeit ermitteln zu können“. Somit bestehe Rechtssicherheit.

          Zur Besonnenheit mahnte Wolfgang Holzhäuser. „Ich sehe das weniger aufgeregt. Das eigentliche Übel ist der Artikel 17, da hatte der CAS keinen Spielraum. Der Artikel ist einst ohne Beteiligung der Vereine formuliert worden. Und da steht: Wer einen langfristigen Vertrag hat, kann ihn ohne Grund beenden. Nun muss man sich bei den Vertragsgesprächen mit den Spielern auf diesen Sachverhalt einstellen. Da hilft kein Jammern und kein Schimpfen“, sagte der Geschäftsführer von Bayer Leverkusen.

          „Für die großen Klubs dürfte das Urteil nicht von Nachteil an“

          Auch für Eintracht Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen nutzt Urteilsschelte nichts: „Ich halte das Urteil für sehr schlecht und bin absolut dagegen, aber wir müssen uns darauf einstellen. Das europäische Arbeitsrecht sieht den Zugang zum Arbeitsplatz eben als ein hohes Gut an. Für die großen Klubs dürfte das Urteil nicht von Nachteil an.“

          Das sieht Bernd Hoffmann, der Vorstandsvorsitzende des HSV, jedoch anders. „Wenn sich eine solche Rechtsprechung etablieren sollte, wäre es ganz sicher zum großen Schaden der Vereine.“ Auch Sportdirektor Horst Heldt vom VfB Stuttgart gibt kontra: „Das ist nicht gut für die Vereine, den Spielern werden noch mehr Freiheiten eingeräumt. Irgendwann lässt sich das Ganze nicht mehr finanzieren.“

          Der Schotte Webster hatte den Stein ins Rollen gebracht, nachdem er von einer Fifa-Kammer wegen seines Wechsels zur Zahlung von rund 850.000 Euro verurteilt worden war. Dagegen klagte er vor dem CAS. Die Summe reduziert sich nun auf etwa 200.000 Euro. Heart of Midlothian hatte den Transferwert seines Profis mit mehr als fünf Millionen Euro bemessen und ebenfalls Klage beim CAS eingereicht.

          Weitere Themen

          Ein zweiter „Fall Jatta“?

          VfB-Profi Silas Wamangituka : Ein zweiter „Fall Jatta“?

          Einem Medienbericht zufolge soll der Stuttgarter Königstransfer Silas Wamangituka unter falschem Namen spielen und auch bei seinem Alter falsche Angaben gemacht haben. Gegenüber der F.A.Z. hat der VfB Stuttgart nun Stellung bezogen.

          Topmeldungen

          Die neue SPD-Spitze: Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken

          Unterstützung von Ökonomen : Auf einmal Fans der SPD

          Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans, die neuen Vorsitzenden der Sozialdemokraten, haben ihre Freunde ganz links – und unter konservativen Ökonomen. Wie passt das zusammen?

          Klimakonferenz in Madrid : Keinen Schritt weiter

          Mit dem Minimalkonsens der Madrider Klimakonferenz sind die Staaten auf dem Stand von vor einem Jahr geblieben. Vielleicht sollte das Format grundsätzlich überdacht werden.
          Abschied vom Kollegen: Feuerwehrleute am Samstag vor Beginn der Trauerfeier in der Pfarrkirche St. Ägidius in Neusäß

          Gewalttat in Augsburg : Mal wieder junge Männer

          Nach dem Tod eines Feuerwehrmannes auf dem Königsplatz in Augsburg stellen sich viele Fragen: Sind junge Migranten heute gewaltbereiter als früher? Und woran starb das Opfer?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.