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Ultras : Gewalttäter und Sozialarbeiter

Viele gute Seiten - manche schlechte: Ultras wie beim 1. FC Nürnberg spalten Bild: dpa

Aus offiziellen Kreisen hat man bisher wenig Konkretes über Ultras gehört - sie sind eine geschlossene Gesellschaft, die Vereine und Verbände überfordert.

          6 Min.

          Die jüngsten Schlagzeilen sind düster, mal wieder. Beim Montagsspiel der Zweiten Bundesliga zwischen Dynamo Dresden und Eintracht Frankfurt gab es peinliche und strafwürdige Rufe wie „Judenschweine“ hier und geschmacklose Transparente wie „Bomben auf Dresden“ dort. Die für den vergangenen Samstag geplante Begegnung der dritten Fußball-Liga zwischen Preußen Münster und Arminia Bielefeld ist aus Sicherheitsgründen verschoben worden.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die Polizei war vollauf damit beschäftigt, Benedikt XVI. zu schützen, und da sollte den Beamten neben dem Papst-Einsatz nicht auch noch ein Risikospiel zugemutet werden. Die Innenministerkonferenz hatte die Verlegung beantragt. Zum Risikospiel wurde die Begegnung dritter Klasse, nachdem zwei Wochen zuvor Osnabrücker Ultras ein Duplikat der Münsteraner Ultra-Fahne in ihrem Block präsentiert hatten; ein Aufruhr brach los. 29 Menschen wurden verletzt, einige schwer. Im Fan-Block ging ein Sprengkörper hoch. „Wenn er nicht am Boden, sondern in Kopfhöhe explodiert wäre, hätte es wahrscheinlich Tote gegeben“, sagte der Leiter der Osnabrücker Polizei.

          Einen Monat zuvor hatten Kölner Ultras mit einer „Ekel-Attacke“ (“Bild“) für Abscheu gesorgt. Sie bewarfen Schalker Anhänger mit Bechern, die sie mit Fäkalien gefüllt hatten. Am Sonntag wiederum beleidigten Schalker Ultras ihren ehemaligen Torhüter Manuel Neuer, früher als Jugendlicher selbst ein Ultra. Sein Vergehen: Er ist im Sommer zum FC Bayern gewechselt. Die Münchner Ultras wiederum wünschten Neuer zum Teufel. Bei einem geheimen Treffen mit dem Torhüter und Vereinsvertretern forderten sie zu Saisonbeginn, dass Neuer niemals Fangesänge mit dem Megafon anstimmen und das Bayern-Emblem küssen werde.

          Die hässliche Seite der Ultras: Szene vom Spiel der Frankfurter Eintracht in Dresden

          Noch Fragen zu den Ultras? Der Kriminologe Jannis Linkelmann und der Politologe Martin Thein hatten noch Fragen. Sie wollten wissen, wer diese Leute eigentlich sind, wie eine Ultra-Gruppe funktioniert und was sie im Kern zusammenhält. Sie machten sich auf, diese geschlossene Gesellschaft zu erforschen. In diesem Monat ist ihr Buch erschienen, die überarbeitete Fassung einer Masterarbeit an der Juristischen Fakultät der Bochumer Ruhr-Universität. Der Titel lautet: „Alles für den Club! Eine Feldstudie zu den Ultras Nürnberg 1994“.

          Zur Ansicht kommt dabei am Nürnberger Beispiel das vielschichtige Bild einer Jugendkultur, die immer weiter an Attraktivität gewinnt, in der Gewalt eine Rolle spielt, aber längst nicht die wichtigste. Die Ultras haben sich zu einem bedeutenden Teil der deutschen Jugendkultur entwickelt, sie haben sich längst von den Interessen der Vereine gelöst und verfolgen ihre eigenen Ziele. „Ultras sind eine Sozialisierungsinstanz. Aber wenn Ultras in den Medien auftauchen, dann immer nur durch Schwierigkeiten. Aber das wird ihnen nicht gerecht, sie werden in ihrer Gesamtheit gar nicht wahrgenommen“, sagt der Politologe. „Die Ultras bezeichnen sich selbst auch immer wieder als Sozialarbeiter. Auch wenn das manche im Fußball nicht gerne hören: Bis zu einem gewissen Punkt unterstreiche ich das“, sagt der Kriminologe.

          Gedenken an KZ-Opfer

          Gewalttäter und Sozialarbeiter - das ist eine Mischung, von der man bisher aus offiziellen Fußballkreisen noch nichts gehört hat, wenn von Ultras die Rede ist. Im deutschen Fußball kennt man Ultras vor allem als die neuen Herren der Kurve, von Vereinen und Verbänden werden sie wegen der Gewalttaten und dem Einsatz von Pyrotechnik als Bedrohung wahrgenommen, darauf folgen Stadionverbote.

          Die Ultras Nürnberg aber kümmern sich im Alltag ihrer Gruppe immer wieder um Leute, die mit ihrem Leben nicht klarkommen, bei denen es in den Familien nicht stimmt, die keinen Job haben, die von Hartz IV leben oder im Knast waren. Im vergangenen Jahr sammelten sie auch Geld für ein Kinderhospiz. Aber diese Aktionen gehen meistens genauso unter wie etwa das Turnier, das die Ultras der Schickeria München in Gedenken an Kurt Landauer seit Jahren organisieren, dem jüdischen Präsidenten des Klubs, der nach der Machtergreifung sein Amt abgeben musste und später ins KZ Dachau kam.

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