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Hoeneß und die offenen Fragen : Wie schmutzig ist der Fußball?

  • -Aktualisiert am

Wo gekickt wird, bleibt etwas hängen: Der Fußball braucht vielleicht eine Compliance-Grundreinigung Bild: Getty Images

Der „Mister Bayern“ geht ins Gefängnis und hinterlässt Spekulationen: Compliance-Experten raten dem FC Bayern derweil, den Fall Hoeneß genau zu untersuchen, um Verdächtigungen zu entkräften.

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          Viel Zeit bleibt Uli Hoeneß nicht mehr, seine Dinge in Freiheit zu regeln. Am Freitag, eine Woche nach der Verurteilung, könnte er per Ladung aufgefordert werden, zu einem bestimmten Termin die Haft anzutreten. Wenn nicht die Staatsanwaltschaft Revision einlegt. Die Vollstreckung sieht für Hoeneß die Haftanstalt in Landsberg vor. Dann wäre der gefallene Grande erst mal ganz weg - fort vom FC Bayern und fern des Fußballs. Doch es bleiben ungeklärte Fragen nach dem spektakulären Prozess, die sich vor allem um bisher nicht nachvollziehbare Geldbewegungen auf dem Nummernkonto in der Schweiz drehen, auf dem sich zeitweise mehr als 150 Millionen Euro befanden. Gibt es ein Geheimnis, das Hoeneß mit hinter die Gefängnismauern nimmt?

          Dass er die Entscheidung des Landgerichts München II nicht vor dem Bundesgerichtshof anficht, nährt Spekulationen. Vielleicht würde bei einem neuen Prozess tiefer gegraben werden. Könnte dabei der FC Bayern zu Schaden kommen? Verdächtig sind Millionensprünge in den Abrechnungen des Schweizer Kontos, die offenbar unabhängig waren von den Börsen-Zockereien. Diese Kontobewegungen gingen rauf und runter, weder eine Steuerfahnderin noch der Vorsitzende Richter fanden dafür eine Erklärung. Dass Hoeneß nicht zur Erhellung beitrug, regt zum Rätseln an. Woher kamen die 150 Millionen Euro, die sich zeitweise auf dem Konto befunden haben? Wohin floss ein Teil des Batzens?

          Beim Prozess war nie die Rede von Schwarzgeldern, Korruption oder Bestechung. Gab es das? Wir wissen es nicht. Hintergründe der Verbindung zwischen Hoeneß und Robert Louis-Dreyfus wurden ausgeklammert. Der ehemalige, inzwischen verstorbene Adidas-Chef hatte dem damaligen Bayern-Manager im Jahr 2001 angeblich für private Börsengeschäfte Geld geliehen, beziehungsweise dafür gebürgt. Kurz danach wurde Adidas Mitgesellschafter der Bayern Fußball-AG.

          Mögliche Straftaten wären verjährt

          Auch ohne Hinweise auf ein Fehlverhalten sehen Compliance-Experten die Klubverantwortlichen nun in der Verantwortung. „Es gab diese Nähe wohl, und die Unterstützung durch die 20 Millionen Mark an Herrn Hoeneß eben auch. Darum muss eine Untersuchung exakt an diesem Punkt ansetzen, um den Verdächtigungen gegen Verein und AG glaubwürdig entgegentreten zu können“, sagt der Konstanzer Wirtschaftsprofessor Stephan Grüninger der F.A.S. Er ist eine Kapazität für Fragen sauberer Unternehmensführung und leitet unter anderem das Forum Compliance & Integrity, in dem Bayern-Sponsoren wie die Telekom, Allianz oder Audi Mitglieder sind.

          Mögliche Straftaten aus der Zeit, etwa Korruption, wären verjährt. Dennoch erkennt Grüninger aus Sicht der Compliance eine wichtige Aufgabe für die Münchner. „Aufsichtsrat und Vorstand sind nach meiner Auffassung gut beraten, wenn sie jetzt für die FC Bayern AG eine Überprüfung vornehmen, um eine Verbindung zwischen den fraglichen Konten und der AG definitiv ausschließen zu können. Nur so kann man sichergehen, Schaden vom Unternehmen abzuwenden. Und nur so kann Spekulationen über mögliche Unregelmäßigkeiten der Nährboden entzogen werden“, sagt Grüninger.

          Leerstelle: Uli Hoeneß Platz auf der Ehrentribüne ist frei und hinterlässt Fragen
          Leerstelle: Uli Hoeneß Platz auf der Ehrentribüne ist frei und hinterlässt Fragen : Bild: dpa

          Auf Anfrage der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung beim FC Bayern von Freitagmorgen, ob eine Aufarbeitung möglicher Zusammenhänge und Risiken im Fall Hoeneß stattfinden wird, kam bislang keine Antwort. Aktiengesellschaften wie die ausgegliederte Fußball-AG haben umfangreiche Publizitätspflichten. Bisher gab es keine Zweifel am seriösen Geschäftsgebaren der Münchner. Die Arbeit des Vorstandes um den Vorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge ist nicht nur wirtschaftlich höchst erfolgreich, sondern bislang auch ohne Auffälligkeiten.

          Im Fall Hoeneß gab aber der Aufsichtsrat der AG, dem Persönlichkeiten wie der VW-Chef Martin Winterkorn, Adidas-Vorstand Herbert Hainer, Telekom-Boss Timotheus Höttges oder der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber angehören, kein gutes Bild ab. Die Firmen Audi, Adidas und Allianz sind mit je 8,33 Prozent an der AG beteiligt. Trotz strikter Compliance-Maßstäbe in den vertretenen Unternehmen durfte Hoeneß bis nach Prozessende als Aufsichtsratsvorsitzender der Fußball-AG bleiben. Die versammelte Elite aus Sport, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in den Führungszirkeln der Bayern büßte damit Glaubwürdigkeit ein. Nicht nur Organisationen wie Transparency International hatten eine viel frühere Demission gefordert.

          Premier-League-Chef sieht Integrität als Herausforderung

          Die Fußballbranche, in der sich der deutsche Rekordmeister seit Jahrzehnten so stark behauptet, verfügt über Schattenseiten, birgt Gefahren der Verführung. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wie auch die Europäische Kommission weisen schon seit Jahren auf Probleme in dem Milliardengeschäft hin: Bestechung, Steuerhinterziehung, Schwarzgeld, Untreue, Geldwäsche, Spielmanipulation, Vertragszockerei mit Profis.

          Der Chef der bedeutendsten Liga der Welt, der Premier League in England, Richard Scudamore, sieht nicht wirtschaftliche Stabilität, sondern Integrität als größte Herausforderung für die Zukunft des Fußballs. Als der Schweizer Anti-Korruptions-Experte Mark Pieth seine Arbeit beim skandalgeschüttelten Internationalen Fußball-Verband aufnahm, wunderte er sich über die Impertinenz der selbstgefälligen Funktionäre, die nichts dabei fanden, sich zu bereichern. Er zog einen Vergleich zur Wirtschaft: „Da kommen beim Unternehmen Staatsanwälte zur Tür herein, und es besteht die Gefahr, bei weiterem Fehlhandeln von der Börse genommen zu werden.“ Diesen Druck gibt es für Verbände und Vereine im Sport selten, weil sie eine staatliche Sonderbehandlung erfahren. Dazu gehören Subventionen mit Steuerzahlergeld.

          Gefahrenbereich für krumme Geschäfte

          Während auf dem Fußballplatz Fairplay erwartet wird, zig Kameras jedes kleine Foul ins Visier nehmen und fast jeder Rempler vor dem Sportgericht landet, werden Begleiterscheinungen des Spiels wie Bestechung oder Korruption schon mal ausgeblendet. Was bei großen Unternehmen längst üblich ist, dass interne Geschäftsprozesse auf Schwachstellen hin penibel kontrolliert werden, findet im Fußball kaum statt. Bayern-Vorstand Rummenigge war im vergangenen Jahr nach einer Dienstreise in Qatar vom Zoll mit zwei neuen Luxusuhren erwischt worden. Er akzeptierte einen Strafbefehl wegen Steuerhinterziehung über eine Viertelmillion Euro und ist seither ebenfalls vorbestraft. Sein Arbeitgeber hat bislang nicht bestätigt, ob eine interne Prüfung stattfand, in welchem Zusammenhang die Geschenke stehen könnten.

          Wenn es bei Spielertransfers um Millionen geht, wird es besonders sensibel. Experten sehen einen Gefahrenbereich für krumme Geschäfte. Die Aufklärungsquote bei Deutschem Fußball-Bund und Deutscher Fußball Liga liegt hier bei null. Der Präsident des FC Barcelona, Sandro Rosell, musste wegen Ungereimtheiten beim Transfer des Brasilianers Neymar gerade zurücktreten. Gegen ihn wird wegen Unterschlagung und gegen den Verein wegen Steuerbetrugs ermittelt. Bei den Bayern gibt es bisher keine Hinweise auf solche Praktiken. Doch zumindest verletzten sie schon die eigenen Gesetze der Fußballbranche. Über einen Geheimvertrag mit Kirch aus dem Jahr 1999 erhielten sie 40 Millionen Mark und hintergingen die Solidargemeinschaft der Bundesliga bei der TV-Zentralvermarktung. Im Jahr 2001 bekam der Nachwuchsstar Sebastian Deisler von den Münchnern ein verbotenes Handgeld über 20 Millionen Mark. Beim Kauf des Peruaners Claudio Pizarro im selben Jahr von Werder Bremen sollen laut „Spiegel“ unglaubliche 53 Millionen Euro zwischen München, Bremen und einer Gesellschaft in der Steueroase Panama geflossen sein. Auch Adidas half beim Deal mit.

          Die neuen Männer in der Führungsriege, der Aufsichtsratsvorsitzende Hainer und der noch zu wählende Präsident Karl Hopfner, werden nicht nur mit dafür sorgen müssen, dass die Bayern auf Erfolgskurs bleiben. Zu ihrer Arbeit wird auch der Erhalt der Glaubwürdigkeit gehören. „Wenn er es nicht schon getan hat, sollten der FC Bayern und die AG beginnen, wie viele andere Unternehmen die Risiken für mögliches Fehlverhalten in seinem Geschäftsmodell - man spricht hier heute von Compliance-Risiken - zu analysieren und das Management dafür zu sensibilisieren“, sagt Grüninger.

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