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Rückzug von Uli Hoeneß : Der Letzte seiner Art

Bald ist es vorbei: Uli Hoeneß zieht sich beim FC Bayern zurück. Bild: dpa

Uli Hoeneß verlässt die große Fußballbühne. Und trotz seines Charakters als Mensch von barocker Machtfülle bleibt eines unbestritten: Für Millionen von Deutschen war er mehr als ein halbes Leben lang Teil ihres Alltags.

          Nun wird es heißen, bei Bayern München beginne die Zeit nach Hoeneß. Dabei gab es schon mehrere Zeiten nach Hoeneß. Die nach dem Spieler Hoeneß, der mit 27 aufhörte und Manager wurde. Die nach dem Manager Hoeneß, der mit 57 aufhörte und Präsident wurde. Und nun die nach dem Präsidenten Hoeneß, der mit 67 aufhört und – ja, was wird? Privatmann? Familienmensch? Strippenzieher? All das war er ja immer auch schon. Vielleicht wird sich so viel also gar nicht ändern im Dasein des FC Bayern und seines künftigen Seniorchefs. Man wird ein paar neue Gesichter in der Führungsetage sehen, Männer, die, wie immer, wenn es wirklich wichtig war, noch Hoeneß ausgesucht hat, Herbert Hainer und Oliver Kahn. Ansonsten wird der Klub wohl weitermachen wie bisher – schon deshalb, weil der Alte, nicht nur vom Aufsichtsrat aus, weiter seinen Einfluss ausüben wird.

          Die Entscheidung, aufzuhören, war eine schwere Geburt, er nannte sie „einen Prozess von circa einem Jahr“. In dieser Zeit der Schwangerschaft war er nicht mehr in der Form, in der man ihn kannte. Oft schoss er über das Ziel hinaus, wie bei den Spielerbeschimpfungen bei der peinlichen Pressekonferenz im Oktober oder der voreiligen Prahlerei mit angeblich schon sicheren Super-Transfers im Februar. Diese späte Formschwäche scheint er mit einem Abschied, der gerade noch zur rechten Zeit kommt, nun zu überwinden. Das Timing passt. Der Rücktritt wird ihm eine Welle der Sympathie sichern und alle Möglichkeiten weiterer Einflussnahme wahren. Aus den vom Aufsichtsratskollegen Edmund Stoiber erwähnten „Zwistigkeiten“ des Altpräsidenten mit Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge, diesem komplizierten Duett an der Vereinsspitze, in dem es latent immer auch um die Deutungshoheit über den FC Bayern ging, scheidet Hoeneß jedenfalls nicht als Verlierer.

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          Viele fanden, er hätte schon gehen sollen, als er in seiner Steueraffäre ein so miserables Krisenmanagement zeigte wie nie, wenn es um den FC Bayern ging. Doch diese schwierige persönliche Situation war letztlich eine vertraute, schwarz-weiß konturierte. Es war die Standardsituation, die die Hoeneß-Bayern seit je charakterisierte: die da draußen, jene, die den Bayern-Boss am liebsten schon verurteilten, bevor der Richter es tat; und die drinnen, die Bayern-Familie, die zu ihm stand. Diese Wagenburg-Welt gab ihm den Kampfgeist, donnernd ein „Das war‘s noch nicht“ hinauszuposaunen und keine zwei Jahre später aus der JVA an die Säbener Straße zurückzukehren.

          Doch als ihn bei der letzten Mitgliederversammlung 2018 eine noch kleine, aber entschlossene Opposition frontal attackierte, erhielt dieses Weltbild einen Riss. Hoeneß, erschüttert durch den Angriff aus einer Richtung, die er nie erwartet hätte, zeigte danach immer weniger Lust, es auch diesmal, ein letztes Mal, mit allen aufzunehmen. Die nächste Versammlung im November wird anders, das ist sicher. Sie werden ihn feiern, es werden Tränen fließen. Und nicht nur für Bayern-Mitglieder und Bayern-Fans, auch für Bayern-Hasser und Bayern-Ignoranten könnte dieser Novemberabend sentimental werden. Denn für Millionen von Deutschen, ob sie wollen oder nicht, war Uli Hoeneß mehr als ein halbes Leben lang Teil ihres Alltags, ihres Denkens, ihrer Welt. Ein Mensch von barocker Macht- und Leibesfülle, der letzte seiner Art, der noch geblieben war vom Inventar und Lebensgefühl der alten Bundesrepublik.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

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