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Tuchels Visionen : Eine Zukunft ohne perfekten Rasen

Bayern-Bewunderer und Lernender: Thomas Tuchel gibt seine Visionen preis Bild: AP

Gedanken eines Grüblers: Thomas Tuchel verneigt sich vor den Bayern und ihrer Freude an der Leistung. Für die Talentförderung fordert er weniger Komfort und mehr Begleitung als zu viel Reglementierung.

          4 Min.

          Thomas Tuchel hatte eine kurze Nacht hinter sich. Die erste Niederlage nach 13 Spielen lag keine 24 Stunden zurück, als er auf dem „World Summit“ der qatarischen Super-Talentschmiede „Aspire Academy“ sprach. Am Tag nach der Abreibung präsentierte sich vor Fachpublikum aus aller Welt ein Trainer, wie es nicht viele gibt in der Bundesliga. Ein Lehrender und Lernender, ein Grübler und Getriebener, vollgepumpt mit Energie und beseelt von Empowerment. In seinen Ausführungen wurde aber auch die wichtigste Überzeugung erkennbar, die Tuchel als Trainer leitet: Widerstände überwinden - äußere wie innere.

          Michael Horeni
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Diese Haltung führt zu erstaunlichen Konsequenzen. Tuchel sieht im FC Bayern mittlerweile das Vorbild im Streben nach dem ursprünglichen Leistungsgedanken. Und zwar weltweit. Noch vor Barcelona und Real Madrid. Und die deutsche Nachwuchsausbildung würde Tuchel aufgrund seiner neuen Erfahrungen am liebsten auch gleich umkrempeln. Die optimale Leistung von Profis und die optimale Entwicklung von Talenten - um nichts weniger geht es dem BVB-Trainer bei seiner Arbeit.

          Freude an der Leistung

          Aber der Reihe nach. Selten, vermutlich noch nie, hat man eine solche Hommage an den FC Bayern von einem Dortmunder Trainer gehört wie von Tuchel am Tag nach dem 1:5. Zunächst müsse man anerkennen, dass die Bayern in den letzten drei Jahren 59 Punkte mehr geholt hätten als der BVB. Das sei fast eine komplette Saison. „Die Bayern sind dabei, erst im letzten Jahr unter Jupp Heynckes, dann mit Matthias Sammer und insbesondere Pep Guardiola eine Haltung gegenüber Leistung zu entwickeln, der wir alle hinterher sind. Sie sind dabei, mit großem Selbstvertrauen und großer Selbstverständlichkeit alle Prinzipien des Spiels zu spielen“, sagte Tuchel.

          Was er schon in der Ära von Guardiola beim FC Barcelona bewundert habe, verwirkliche nun auch der FC Bayern unter dessen Führung. „In Barcelona hatte man das Gefühl, dass sie sich gelöst haben davon, gegen wen sie spielen, in welchem Stadion sie spielen und zu welcher Uhrzeit sie spielen. Sie haben nur für sich selbst gespielt. Für das höchste Prinzip: Leistung zu bringen und Freude zu haben.“

          Beim Spiel des FC Barcelona hatte Tuchel immer das Gefühl, dass da eigentlich eine Amateurmannschaft spiele, voll innerer Begeisterung, die auch mit der Straßenbahn zum Fußball fahre, obwohl sie natürlich nur die teuersten Autos in der Garage habe. „Und diese Bescheidenheit - sprich: den Hunger, die Fokussierung auf Leistung - nehme ich nach ihren schweren Jahren gegen Dortmund und dem verlorenen Finale der Champions League auch bei den Bayern wahr. Es ist ganz egal, ob sie in Mainz spielen, in Darmstadt oder zu Hause gegen Dortmund. Sie haben immer Hunger. Und sie wirken immer bescheiden in ihrem Verhältnis zu ihrem Talent. Sie sehen das als Verpflichtung. Das ist der Ursprung von Leistungssport“, schwärmte Bayern-Versteher Tuchel. „Wir wollen in Dortmund auch diese Atmosphere of Greatness zwischen uns erschaffen. Wir möchten auch diesen Klebstoff, der alles zusammenhält. Dass das Gefühl der Unbesiegbarkeit entsteht. Dass man sich frei macht von den Umständen. Dass man als Mannschaft aufgeht im Handeln. Aber man sieht: Wir haben einen Rückstand.“

          Neue Wege in der Jugendarbeit

          Tuchel wollte eigentlich schon in München die Bayern mit ihren eigenen Mitteln schlagen. „Die Umkehrung ihrer eigenen Stärke wäre es, ihnen den Ball wegzunehmen. Das ist es, was sie am wenigsten mögen. Dafür braucht es aber Gewohnheit, Überzeugung und viel Mut. Hast du den Mut, über ihre größte Stärke anzugreifen - dann brauchst du eine ausgezeichnete Balance auf dem Feld“, sagte Tuchel. Nun müsse das eben in der Zukunft geschehen. Von Resignation keine Spur, wohl aber von höchster Anerkennung vor dem Spiel der Bayern. „Obwohl ich gedacht habe, ich wüsste schon vieles, lerne ich jetzt sehr vieles neu über Balance“, so Tuchel. „Die Bayern haben eine neue Stufe erreicht. Sie können, ähnlich wie im Basketball, die Positionen sehr fließend besetzen durch unterschiedliche Spieler. Philipp Lahm kann rechter Verteidiger, ,Achter‘ und fast schon eine halbe ,Zehn‘ spielen - und das Ganze auch wieder rückwärts. Und das in einem Spiel, in einem einzigen Spielzug - ohne die Balance zu verlieren“, sagte Tuchel ehrlich begeistert.

          Und erklärte den Fußball des FC Bayern und seinen Geist jedenfalls weit besser, als es Guardiola, zumindest öffentlich, jemals getan hat. „Ich lerne gerade viel. Und finde es großartig“, sagte Tuchel. „Ich werde nicht aufhören, das zu probieren und nachzustellen.“

          In der Jugendarbeit plädiert Tuchel für radikal neue Wege. Kurz gesagt: Abschied von der Rundumversorgung. Zurück zu den Wurzeln. Zehn Jahre lang war Tuchel Jugendtrainer, in Stuttgart, Augsburg und Mainz. Und immer sollte alles besser sein. Er sagte: „Wir brauchen noch bessere Rasenplätze. Wir brauchen eine eigene Kabine. Wir brauchen eine Rasenheizung, alle Möglichkeiten der Analyse. Aber heute würde ich sagen: Ein halber Platz. Ein Fernseher. Ein Videorekorder. Das ist genug.“ Und der Rasen müsse auch nicht immer gemäht sein, nicht in Topzustand. „Denn man soll Schwierigkeiten überwinden, sich frei machen von den Rahmenbedingungen“, so Tuchel. Es sei zwar großartig, dass überall in der Liga hervorragende Bedingungen für den Nachwuchs existierten, auch der Erfolg der Nationalelf basiere auf den Zentren. „Aber trotzdem beinhaltet diese ganze Komfortzone mit ihrer ganzen Ausstattung, dass am Ende etwas fehlen kann: nämlich Widerstände überwinden.“

          Rasenpflege nicht übertreiben: Bei der Jugend will Tuchel weniger Fürsorge fürs Spielfeld als hier bei seinen Profis in Saloniki
          Rasenpflege nicht übertreiben: Bei der Jugend will Tuchel weniger Fürsorge fürs Spielfeld als hier bei seinen Profis in Saloniki : Bild: dpa

          Für ihn stelle sich zunehmend die Frage: „Wer kann noch Leistungen bringen, obwohl die Kabine nicht klimatisiert ist? Wer kann noch Leistung bringen, obwohl die Wäsche nicht gewaschen wird? Wer kann noch Leistung bringen, obwohl es keinen Fahrservice gibt?“ Mit anderen Worten: Sich durchbeißen und auf eigene Stärke vertrauen. Und auch die Rolle der Trainer relativieren. So erinnert sich Tuchel an die Sätze des Leiters der Nachwuchsakademie des FC Barcelona an die dortigen Trainer, als der junge Iniesta in die Akademie aufgenommen wurde. Er lautete: „Versucht nicht, ihn zu verbessern. Kümmert euch nur um ihn.“ Was Tuchel damit sagen will: „Vielleicht tragen diejenigen, die nachher etwas Besonderes werden, das Besondere schon in sich. Dass es also eher darum geht, sie dazu zu bringen, dass sie sich selbst den Weg freikämpfen - und ihnen nicht den Weg freizuräumen.“ Ein Ansatz, der die Nachwuchsarbeit in Deutschland auf den Kopf stellen würde.

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