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TSV 1860 München : Ganz groß geträumt – und sehr hart gelandet

  • -Aktualisiert am

Findet sich der Münchner Löwe bald in der dritten Liga wieder? Bild: Picture-Alliance

In der Relegation gegen Jahn Regensburg kann der TSV 1860 München nur noch ein komplettes Desaster verhindern. Die Fans stehen hinter der Mannschaft. Dafür wächst die Kritik an anderen.

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          Es ist Stefan Schneiders Spruch, der von „Münchens großer Liebe“, und er gehört für den Stadionsprecher des TSV 1860 zu jedem Heimspiel wie das Verlesen der Mannschaftsaufstellung. Schneider hat ihn erfunden, als die „Löwen“ 2004 in der Bundesliga um den Klassenverbleib kämpften. Es sei ein spontaner Einfall gewesen, aber seitdem brüllt er die drei Worte regelmäßig ins Mikrofon. Dieser Spruch, findet er, „verkörpert Sechzig“.

          Aber diese große Liebe wird regelmäßig auf eine harte Probe gestellt, derzeit sogar auf eine besonders harte. Zum zweiten Mal nach 2015 kann der Klassenverbleib in der Zweiten Liga erst über den Umweg Relegation geschafft werden. Aber die Zuneigung ist ungebrochen. Innerhalb kürzester Zeit war das Kartenkontingent für das erste Spiel bei Jahn Regensburg an diesem Freitag (18.00 Uhr / Live in der ARD und im 2. Bundesliga-Ticker bei FAZ.NET) vergriffen, und für das Rückspiel am Dienstag verkaufte 1860 innerhalb kürzester Zeit mehr als 20.000 Tickets.

          Die Fans stehen hinter der Mannschaft, aber nicht unbedingt hinter der Vereinsführung. Die Kritiker, die vor allem aus den Reihen der wieder erstarkten Ultras kommen, machten ihrem Unmut zuletzt bei einem Regionalliga-Spiel der zweiten Mannschaft Luft. Es gab Schmähgesänge gegen den Investor Hasan Ismaik und Proteste gegen Präsident Peter Cassalette. Vor ein paar Monaten noch hatten die Anhänger die Verantwortlichen, allen voran Ismaik, gefeiert. Da war gerade der neue Trainer Vitor Pereira in München aufgetaucht und hatte ein großes Versprechen gegeben. „We go to the top“, sagte er bei seiner Präsentation.

          Dass es aber in dieser Saison wohl nicht mehr klappen würde, dürfte selbst dem größten Optimisten beim Blick auf die Tabelle klar gewesen sein. Als der Portugiese das Team im Januar übernahm, belegte es den 14. Platz und hatte 16 Punkte weniger auf dem Konto als der Zweite Hannover 96. Über den Blick nach oben und damit die große Sehnsucht nach der Bundesliga wurde aber offenbar wieder einmal der nach unten vergessen. Das Team war vor der Saison umgekrempelt worden, bestückt mit Personal, von dem man hoffte, dass es spielerisch auch eine Klasse höher würde mithalten können.

          Der neue Trainer, immerhin Meister mit dem FC Porto und Olympiakos Piräus, schaffte es dann tatsächlich, die Mannschaft spielerisch weiterzuentwickeln, Sechzig schien sich der Abstiegssorgen nach drei Siegen in den ersten vier Spielen entledigen zu können. Aber dann zeigten sich die Defizite der Kaderplanung. Es sind zu wenig Rackerer auf dem Platz, Profis, die es gewohnt sind, gegen den Abstieg zu kämpfen – und die sich für den Verein aufopfern. Am vergangenen Wochenende hat 1860 wieder einmal einen Sieg aus der Hand gegeben. Als „Sinnbild der Saison“ bezeichnete Stefan Aigner die 1:2-Niederlage nach einer 1:0-Führung in Heidenheim.

          Mittelfeldspieler Michael Liendl vergleicht das Duell mit Jahn Regensburg mit einem Pokalfinale. „Da geht es nicht um die Qualität, da geht es um Mentalität.“ Vor zwei Jahren haben sich die „Löwen“ gegen Holstein Kiel zwar durchgesetzt, aber nicht, weil sie besser gewesen waren, sondern weil sie bis zum Schluss an ihre Chance geglaubt und darum gekämpft hatten. Von jenem Team, das 2015 in letzter Minute den entscheidenden Sieg für den Klassenverbleib errungen hatte, sind aber nicht mehr viele Spieler im Verein.

          Daniel Adlung, Maximilian Wittek und Kai Bülow standen damals auf dem Platz, spielen aber jetzt bei Pereira keine große Rolle und haben wohl auch keine Zukunft mehr im Verein. Wenn die sportlichen Ziele verfehlt werden, gerät der Trainer immer in den Fokus, beim TSV 1860 manchmal schneller als woanders. Pereira kann man zugutehalten, dass er mit dem vorhandenen Kader zurechtkommen musste, abgesehen von fünf Neuzugängen, die ihm Ismaik zum Einstand im Winter spendierte.

          Aber bei einem drohenden Abstieg zählt dies eben nicht. Während Ismaik vor dem Spiel in Heidenheim den Druck auf Pereira erhöht hatte, als er via Facebook ausrichten ließ, dass er auch vom Trainerteam „eine Trotzreaktion“ erwarte, hat Präsident Cassalette erst einmal die Diskussionen um Pereira beendet. „Wir stehen geschlossen hinter unserem Trainer“, schrieb er in einer SMS an die Münchner Zeitungsredaktionen. Nicht dazugeschrieben hat der Präsident, dass dies vorerst wohl nur bis Dienstagabend, bis zum Schlusspfiff des Rückspiels gegen Jahn Regensburg, gilt.

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