https://www.faz.net/-gtm-9rvlh

TSG Hoffenheim : In der Grauzone

  • -Aktualisiert am

Was bringt die Zukunft: Sebastian Rudy und die TSG Hoffenheim wirken derzeit etwas farblos. Bild: dpa

Eine Hoffenheimer Schwächephase nach üppigen Nagelsmann-Jahren: Der neue Trainer Alfred Schreuder scheint aber vorläufig nichts befürchten zu müssen. Am Samstag ist Bayern München der Gegner.

          2 Min.

          Er hat einen der schwierigsten Jobs in der Fußball-Bundesliga. Nachfolger des charismatischen Julian Nagelsmann bei der TSG 1899 Hoffenheim zu sein ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Denn der niederländische Trainer Alfred Schreuder wird an den Erfolgen seines manchmal genialischen Vorgängers gemessen, der mit der Mannschaft aus dem Kraichgau internationales Neuland betrat, als er 2017 die Europa League und 2018 die Champions League erreichte. Schreuder übernahm den Tabellenneunten der vergangenen Spielzeit von seinem ehemaligen Chef, der nun bei RB Leipzig weiter an Profil gewinnen kann.

          Der Verein, den der 32 Jahre alte Oberbayer nach neun Jahren im Nachwuchsleistungszentrum und als Trainer des Bundesliga-Teams verlassen hat, ist im Sommer reicher und ärmer zugleich geworden. Er nahm durch Spielertransfers der Stammgrößen Nico Schulz (Borussia Dortmund), Karem Demirbay, Nadiem Amiri (beide Bayer Leverkusen) und Joelinton (Newcastle United) knapp 120 Millionen Euro ein und verpflichtete im Gegenzug entwicklungsfähige Spieler für 33 Millionen Euro.

          Ein ökonomisches Plus, verknüpft mit einem sportlichen Minus? Auf den ersten Blick sieht das so aus, da die TSG nach sechs Spieltagen als Tabellenzwölfter mit fünf Pünktchen dasteht und erst vier Tore, die wenigsten in der Liga, geschossen hat. Und das nach den üppigen Nagelsmann-Jahren. Schreuder, zuletzt beim niederländischen Meister Ajax Amsterdam Assistent von Chefausbilder Erik ten Hag, unterschrieb bei der TSG einen bis zum Sommer 2022 laufenden Vertrag. Inzwischen gab es aber schon erste Berichte, nach denen der kahlköpfige Fußballlehrer „wackeln“ soll. „Völliger Quatsch“, dementierten die Hoffenheimer, während Schreuder eine Bitte äußerte: „Wir brauchen Zeit und Geduld.“

          Temporärer Erfolg steigert die Erwartungen

          Beides will ihm der Klub, für den Schreuder zwischen Oktober 2015 und Januar 2018 gute Arbeit leistete, geben. Daran ließ Alexander Rosen, der Direktor Profifußball der TSG, keinen Zweifel. Er stärkte damit die Autorität des leisen Pädagogen, der an diesem Samstag (15:30 Uhr/ live im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und Sky)vor einer besonders harten Prüfung steht: Die Hoffenheimer treten beim Meister und Tabellenführer FC Bayern München an, wo sie noch nie gewonnen haben.

          Temporärer Erfolg steigert die Erwartungen und birgt damit den Keim für künftige Unruhen. Dem sucht Rosen entgegenzuwirken. So verweist er gern auch auf Schwächeperioden während der Nagelsmann-Ära und darauf, dass 1899 Hoffenheim nach den frühen Jahren der Bundesliga-Anschubhilfe in Höhe von kolportierten 350 Millionen Euro durch seinen Mäzen Dietmar Hopp seit Jahren in der Pflicht stehe, sich aus sich selbst und damit auch regelmäßig aus Transfererlösen zu finanzieren. Danach soll der Klub auf diesem Weg alljährlich im Schnitt zwischen fünf und zehn Millionen Euro erwirtschaften. In diesem Jahr wurden daraus bei stetig gestiegenen Ausgaben 86 Millionen Euro.

          Noch scheint Geduld vorhanden: Alfred Schreuder mit Sportdirektor Alexander Rosen.

          Einnahmen, die fürs Erste eine sportliche Schwächung zur Folge hatten, weil nicht nur der Abgang von vier wertvollen Stammspielern zu verkraften war, sondern auch Verletzungen weiterer etablierter Profis dazukamen, darunter die des besten Angreifers Kramaric, der in dieser Saison noch keine Minute gespielt hat, oder dessen Sturmpartners Belfodil kompensiert werden mussten. Kramaric und Belfodil erzielten 33 der 70 Treffer in der vergangenen Spielzeit.

          Bei Licht besehen, bleibt 1899 Hoffenheim ein Ausbildungsverein auf gehobenem Niveau, der unter günstigen Umständen ab und zu auch europäisches Format nachweisen kann. Die meisten überdurchschnittlich begabten Spieler zieht es aber irgendwann zu anderen Vereinen, die ihnen sportlich und monetär mehr bieten können. Im Augenblick sind die Gestalter des Projekts Hoffenheim wieder einmal an dem Punkt, an dem das Alltagsgrau zum Vorschein kommt.

          Anders jedoch als vor ein paar Jahren regieren sie im Zuzenhausener Hauptquartier mit ruhiger Hand. Solange die TSG zum gesunden Mittelstand der Liga zählt, muss Schreuder nichts befürchten. Ob das auch für einen möglichen Abstiegskampf gälte, ist eine andere Frage, die sich unter den führenden Köpfen der TSG momentan noch niemand ernsthaft stellt.

          Vergangenheit und Gegenwart: Alfred Schreuder und Julian Nagelsmann begrüßen einander am Rande des Spiels Wolfsburg gegen Hoffenheim.

          Weitere Themen

          Münchner Skateboarder will zu Olympia Video-Seite öffnen

          Für den Libanon : Münchner Skateboarder will zu Olympia

          Ali Khachab ist Münchner, doch bei den Sommerspielen 2020 in Tokio will er für den Libanon an den Start gehen, die Heimat seiner Vorfahren. Der 28-Jährige ist Skateboarder, und davon gibt es im Libanon nur sehr wenige.

          Topmeldungen

          Hinterlässt eine Lücke: Die abtretende Linken-Fraktionschefin Sahra Wagenknecht

          Linkspartei, wie weiter? : Von Ramelow lernen

          Sahra Wagenknechts Rückzug vom Fraktionsvorsitz legt die Probleme der Linkspartei offen. Trotz des Wahlerfolgs in Thüringen fehlt es ihr weiter an Geschlossenheit – und an profiliertem Personal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.