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TSG Hoffenheim : Herzflimmern im Kraichgau

Entlassen wegen Herzproblemen: Der Fall des Prince Tagoe wirft Fragen auf Bild: dpa

Die Kündigung des angeblich herzkranken Prince Tagoe wird zu einem verzwickten Fall. Die TSG Hoffenheim sieht sich im Recht. Der neuverpflichtete Spieler fordert die Wiedereinstellung.

          Die Stimmung war naturgemäß gut, als Prince Tagoe der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Der ghanaische Nationalspieler, der 1899 Hoffenheim verstärken sollte, legte sogar den Arm um Manager Jan Schindelmeiser, als er das blaue Trikot mit der Nummer 18 in die Kameras hielt. Anfang Juni war das. Inzwischen, rund zehn Wochen später, hat sich das Bild verdüstert: Anwälte beschäftigen sich mit dem Fall des Fußballprofis, der sich vom Klub aus dem Kraichgau, um das mindeste zu sagen, schlecht behandelt fühlt. Tragen durfte Tagoe das 1899-Trikot nämlich nur ein paarmal, bei den Aufnahmen des Mannschaftsfotos und bei Testspielen – nicht aber in der Bundesliga.

          Und dabei wird es wohl bleiben, denn die Hoffenheimer haben dem 22 Jahre alten Stürmer, der vom saudi-arabischen Klub Al-Ettifaq gekommen war, am 30. Juli fristlos gekündigt: wegen Herzproblemen, die, so die Klub-Verantwortlichen, eine Fortsetzung der Karriere im Profifußball unmöglich machten. Von einer „sehr schwerwiegenden Diagnose“ sprach Manager Schindelmeiser und davon, dass die Juristen des Klubs die Kündigung des Dreijahresvertrags „dringend empfohlen“ hätten.

          Diffuses Licht auf Hoffenheim

          Die Umstände der Kündigung und ihre Folgen sind jedoch einigermaßen verworren – und werfen zumindest ein diffuses Licht auf den Verein. Erstens, weil die angebliche Erkrankung bei der sportmedizinischen Eingangsuntersuchung durch den Hoffenheimer Mannschaftsarzt Pieter Beks, einen Orthopäden, nicht bemerkt worden war. Erst als Tagoe im Trainingslager in Leogang einen schlappen Eindruck machte, wurde, diesmal von Kardiologen, ein zweites Gutachten erstellt, das den Befund der Untauglichkeit für den Leistungssport erbrachte.

          Hoffenheims Manager Schindelmeiser: Warum diese Härte?

          Zweitens, weil die Hoffenheimer anschließend äußerst schnell zur Tat schritten: Noch am Tag der Diagnose wurde Tagoe gekündigt. Und drittens, weil der Klub bei der Pressekonferenz vor dem Saisonauftakt gegen Bayern München nicht den wahren Grund für das Fehlen Tagoes im Kader bekanntgab. „Grippe“ hieß es da, obwohl, rein rechtlich gesehen, Tagoe zu diesem Zeitpunkt bereits vereinslos war. Von der Klub-Homepage ist sein Porträt inzwischen entfernt, die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hat Tagoe die Spielberechtigung entzogen.

          Tagoe und seine Berater schalteten daraufhin den Dortmunder Juristen Markus Buchberger ein, einen Spezialisten für Sportrecht. Der sieht in der Kündigung einen Verstoß sowohl gegen das deutsche Arbeitsrecht als auch gegen die Transferbestimmungen der Fußballverbände. Laut Internationalem Verband (Fifa) liegt die Verantwortung für die Sorgfalt der sportmedizinischen Eingangsuntersuchung bei den Vereinen – spätere Reklamation ausgeschlossen, gewissermaßen.

          Nur wenn der Spieler um eine Beeinträchtigung gewusst, diese aber verschwiegen hätte, wäre das ein triftiger Grund für eine Kündigung gewesen. Buchberger verlangte also – unter Klageandrohung – die Rücknahme der Kündigung, zumal ein zweites medizinisches Gutachten zu einem ganz anderen Ergebnis kam. „Die Empfehlung, keinen Leistungssport zu treiben, kann ich angesichts der aktuellen Befunde nicht aussprechen“, heißt es in der Bewertung des Facharztes. Auch dieses Gutachten liegt der DFL inzwischen vor, so dass man sich, wie Geschäftsführer Holger Hieronymus sagte, ein drittes Gutachten wünscht.

          Tagoe ist enttäuscht

          Auch aus Sicht des Spielers dürfte das nicht die schlechteste Idee sein – schließlich geht es vor allem darum, ob und in welchem Umfang Tagoe weiter seinem Beruf nachgehen kann. In den juristischen Fragen immerhin schien die bisherige Konfrontation am Mittwoch ersten kooperativen Schritten zu weichen. Der Hoffenheimer Anwalt Markus Schütz und sein Kollege Buchberger nahmen Beratungen darüber auf, wie der verzwickte Fall zu lösen sei.

          Tagoe selbst ist vom bisherigen Verhalten der Hoffenheimer enttäuscht, obwohl der Klub sein Gehalt laut Schindelmeiser vorerst weiter zahlt. „Warum hat man mich sofort vor die Tür gesetzt?“, fragte er in einem am Mittwoch veröffentlichten Interview der „Sport-Bild“ und kritisiert dort auch den Hoffenheimer Manager: „Dass Herr Schindelmeiser nun sagt, er wolle nicht juristisch an die Sache herangehen, sondern sich um den Menschen Prince Tagoe kümmern, passt nicht.“

          Dafür, dass das Hoffenheimer Trikot kürzlich von einer Modedesign-Jury zum schönsten der Liga gekürt wurde, wird Tagoe sich kaum noch interessiert haben. Ihm dürfte es eher in hässlicher Erinnerung bleiben. Christian Kamp

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