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TSG Hoffenheim : Die angekratzte Autorität des Julian Nagelsmann

  • -Aktualisiert am

Verabschiedet sich aus Hoffenheim: Julian Nagelsmann wird zur neuen Saison Trainer in Leipzig. Bild: AP

Das vielleicht größte deutsche Trainertalent bekommt vor seinem Abschied aus Hoffenheim das Lahme-Enten-Syndrom zu spüren. Doch Julian Nagelsmann ist das alles wohl herzlich egal – aus gutem Grund.

          Er ist ein Schnelldenker, ein Schnellredner und ein Schnellentscheider. Auch deshalb hat er schon zwei Monate vor Beginn dieser Saison bekanntgegeben, dass er zur Spielzeit 2019/20 bei RB Leipzig als neuer Cheftrainer anheuern werde. Eine Ausstiegsklausel in seinem Vertrag hat Julian Nagelsmann den Abschied von der TSG 1899 Hoffenheim ermöglicht.

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          Er dürfte dem 31 Jahre alten und damit immer noch jüngsten Fußballlehrer der Bundesliga nach neun Jahren im Kraichgau – davon rund fünfeinhalb als Jugendtrainer – an diesem Samstag nicht mehr allzu schwer fallen. Schließlich hat der frühreife Oberbayer in den vergangenen Wochen zu spüren bekommen, dass auch seine natürliche Autorität in Hoffenheim gelitten hat, je näher sein letzter Arbeitstag rückte. Andrej Kramaric, Nagelsmanns bester Stürmer, hatte seinen Chef nach dem verspielten Sieg beim 2:2 in Mönchengladbach harsch kritisiert, als er sagte: „Wir wechseln zu oft das System während des Spiels. Wir sind nicht bereit dafür. Wir sind keine Roboter, sondern Menschen.“

          Von seiner Arbeit felsenfest überzeugt

          Als wenn Nagelsmann das nicht wüsste, hat doch gerade er, der 1,90 Meter lange Blonde, auf die größtmögliche Nähe zu seinen Spielern viel Wert gelegt. „Ich bin definitiv eher der Kumpeltyp“, hat er vor einigen Wochen bei einer Heidelberger Veranstaltung der örtlichen „Rhein-Neckar-Zeitung“ unter dem Motto „Nagelsmann – ganz nah“, hervorgehoben. „Ich versuche, eine ganz enge Beziehung zu meinen Spielern zu haben“, sagt der in vielem noch recht jugendlich wirkende Trainer über den Umgang mit seinen Profis.

          Er lässt auch deshalb Nähe zu, weil er von sich, seiner natürlichen Autorität und seiner unangreifbaren Arbeit felsenfest überzeugt ist. „Ich weiß, dass ich inhaltlich überzeugen und Spieler besser machen kann.“ Der fachlich überaus anspruchsvolle, innovative Coach hat im Kraichgau zuletzt das klassische Lahme-Enten-Syndrom zu spüren bekommen, wenn ein Chef seine letzten Runden dreht und die von ihm angeführte Mannschaft an innerer Spannung verliert. So trudelt seine unter dem Strich erfolgreiche Zeit in Hoffenheim, die am 11. Februar 2016 begann, an diesem Samstag in Mainz (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) aus, wo ein Sieg zum Abschluss der auf Rang acht notierten TSG womöglich doch noch zu einem Platz in der kommenden Europa-League-Saison verhelfen könnte – es wäre die dritte Europacup-Teilnahme des Klubs nacheinander.

          Eigentlich hatte Nagelsmann aber vor ein paar Wochen noch auf einen letzten großen Coup gehofft: die abermalige Hoffenheimer Qualifikation für die Champions League. Ein Ziel, das sein Team nach zuletzt zwei Niederlagen und einem Unentschieden aus den Augen verlor. Wieder einmal offenbarte die TSG 1899 ihre Labilität, wenn es darauf ankommt, große Prüfungen im Einzelfall zu bestehen. Nagelsmann führte 1899 Hoffenheim im vorigen Jahr erstmals in die Adelsklasse des europäischen Vereinsfußballs – und gewann dort anschließend kein einziges Spiel. Auch in der Bundesliga ließen die Nordbadener beste Chancen auf viel mehr Siege aus, als sie 26 mögliche Punkte nach einer 1:0-Führung verspielten und dazu bei 26 Aluminiumtreffern auch noch Pech hatten. „Wenn wir die Qualität hätten, all diese Spiele über die Zeit zu bringen“, hat Nagelsmann über die nun mit 51 Punkten unbefriedigende Ausbeute gesagt, „könnten Bayern und Dortmund machen, was sie wollen. Dann würden wir Meister werden.“

          Er, den viele für das derzeit größte deutsche Trainertalent halten, ist ein vorerst Unvollendeter, der in seinem jugendlichen Elan, alles Mögliche ungeduldig auszuprobieren, noch nicht die erwachsene Mitte bei dem, was er tut, und dem, was er lässt, gefunden hat. Nagelsmann, Sternkreiszeichen Löwe, traut sich alles zu, verfügt über eine natürliche Autorität und die Fähigkeit, Spieler und Mannschaften voranzubringen. Und so fasst er jetzt schon sein Ziel ins Auge, irgendwann einen internationalen Spitzenklub zu neuen Höhen zu führen. „Die Landessprache zu beherrschen ist aber Grundvoraussetzung, da ich viel über die Sprache komme. Sächsisch kann ich einigermaßen.“

          So leitet Nagelsmann, gesegnet mit Humor und Schlagfertigkeit, zu seinem kommenden Arbeitgeber über, der als stabile Nummer drei der Tabelle schon eine nationale Größe mit Champions-League-Zugang in der nächsten Saison ist. Nagelsmann ist davon überzeugt, dass er und sein mit einem ähnlich starken Ego ausgestatteter Vorgänger und als RB-Sportdirektor Vorgesetzter Ralf Rangnick entgegen Unkenrufen gut zusammenarbeiten werden. „Ihr könnt euch darauf verlassen, dass es mit uns klappt“, rief Nagelsmann seinem Auditorium an jenem bunten Abend zu, an dem das Heidelberger Publikum „ganz nah“ an den scheidenden Hoffenheimer Cheftrainer heranrückte.

          In Hoffenheim werden sie, voran sein väterlicher Freund und Förderer Dietmar Hopp, der Mäzen des groß gewordenen „Dorfklubs“, Nagelsmann vermissen. Der hat, für einen gerade Einunddreißigjährigen eine beachtliche Leistung, den Verein mit seiner Aura, seinen Erfolgen, wozu auch die deutsche A-Jugendmeisterschaft 2014 gehört, und seinem „sieggetriebenen“ Ehrgeiz zu einer jungen Größe in der Bundesliga gemacht. Sie zu stabilisieren wird die Aufgabe von Nagelsmanns 47 Jahre altem niederländischen Nachfolger Alfred Schreuder sein, der seinen Vorgänger bis 2017 als Assistent unterstützte.

          Flapsig hat Nagelsmann über Schreuder, zuletzt Ko-Trainer bei Ajax Amsterdam, gesagt: „Wie er als Cheftrainer tickt, weiß ich nicht, am Ende hat er als Assistent das gemacht, was ich wollte.“ In Schreuders Alter, so sieht es Nagelsmanns jugendliche Lebensplanung vor, will er nicht mehr als Trainer arbeiten. „Nur wenn ich in zehn Jahren noch keinen Titel gewonnen habe, mache ich weiter“, hat er vor ein paar Wochen gesagt. Der junge Mann lebt im Heute und kann morgen jederzeit sein Geschwätz von gestern widerrufen.

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