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Julian Nagelsmann im Gespräch : „Ich hatte nicht viel Zeit, jung zu sein“

Der Hoffenheimer Julian Nagelsmann ist der jüngste Bundesligatrainer Bild: dpa

Der Hoffenheimer Trainer Julian Nagelsmann hat seine besten Ideen morgens im Bad. Ein Gespräch über seine Lust am Experimentieren, warum er selbst einen Coach hat und weshalb er seine Spieler gerne überfordert.

          7 Min.

          Herr Nagelsmann, dürfen Ihre Spieler Sie eigentlich duzen?

          Michael Wittershagen
          Zuständig für den Sport in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Auf jeden Fall. Aber es gibt ein paar Spieler, die ich schon in der Jugend trainiert habe und die „Herr Nagelsmann“ sagen.

          Sie sind 29 Jahre alt, mit 28 wurden Sie Cheftrainer in Hoffenheim. Danach war die Rede vom „Trainer-Bubi“, vom „Trainer-Lehrling“ oder „Trainer-Wunderkind“ - wie hat Ihnen das gefallen?

          Ich kann mit all diesen Assoziationen nicht so viel anfangen. Klar, ich bin sehr jung, aber ich bin kein Lehrling mehr, ein Bubi ist noch unter 18, da liege ich schon deutlich drüber. Ein Wunderkind bin ich auch nicht. Ich habe hart gearbeitet und viel gelernt, um diesen Job zu machen.

          Der Verein hat mehr als einhundert Interviewanfragen bekommen. Menschen aus Asien, den Vereinigten Staaten oder aus England wollen mit Ihnen reden. Wie gehen Sie mit diesem Hype um?

          Wenn jemand so jung als Trainer in die Bundesliga kommt, dann ist das offenbar ein Thema. Ich habe mich damit früh beschäftigt, war gut vorbereitet.

          Hoffenheim war Vorletzter, als Sie den Verein übernommen haben. Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Ansprache?

          Es war in unserer Kabine, nicht in einem normalen Besprechungsraum. Sie ist sehr groß, da ist es schwer, eine optimale Position zu finden, in der dich jeder sehen kann und du eine gute Ausstrahlung entwickeln kannst - zumal noch eine Säule mit einer großen Tafel in der Mitte steht. Ich musste mich also um 270 Grad drehen, um jeden zu sehen, und da ist es nicht so einfach, sofort Wirkung zu erzielen. Ich habe mich am Abend davor auf diese Rede vorbeireitet und ganz bewusst darauf verzichtet, über die Tabellensituation zu sprechen. Die kannte sowieso jeder. Über eine Situation zu sprechen verändert sie auch nicht. Es geht um Inhalte. Also habe ich über die Zukunft gesprochen, darüber, wohin ich mit der Mannschaft möchte.

          Viele sehen im Nagelsmann-Fußball etwas, das mit alten Überzeugungen im Abstiegskampf bricht. Sie lehrten Ihre Spieler zum Beispiel, in möglichst wenige Zweikämpfe zu gehen und den Erfolg in der Offensive zu suchen. Warum?

          In jedem Zweikampf stecken Zufallsparameter, der Ball kann so oder anders wegspringen, ins Aus oder einem Gegner vor die Füße. Der Schiedsrichter kann für oder gegen uns entscheiden. Deshalb habe ich es lieber, dass wir den Ball gewinnen, indem wir gut verschieben, Passoptionen versperren, geschickt Druck ausüben auf den Ballführer und ihn so vielleicht zu einem Fehlpass zwingen. Und nach der Balleroberung spielt das Tempo eine große Rolle, um eine Torchance zu erarbeiten. Da ist es ganz nützlich, wenn ich nicht vorher noch fünf Zweikämpfe führen muss.

          Einst Schüler, heute Kollege: Nagelsmann war Jugendspieler unter Thomas Tuchel
          Einst Schüler, heute Kollege: Nagelsmann war Jugendspieler unter Thomas Tuchel : Bild: dpa

          Wie viel Zeit bleibt einem da?

          Dreizehn Sekunden haben wir gegen Schalke von der Balleroberung bis zum Tor gebraucht, gegen Ingolstadt auch. Das ist ein guter Wert. Dauert er länger, hat sich der Gegner schon wieder so sortiert, dass es deutlich schwerer wird.

          Und diese dreizehn Sekunden kann man trainieren?

          Ja, ich halte allerdings nichts von Automatismen, weil diese davon ausgehen, dass eine Situation immer gleich ist, ansonsten funktioniert der Ablauf ja nicht mehr. Das passt jedoch nicht zur Realität mit 22 Spielern auf dem Platz. Wenn der Gegner dann nur einen halben Meter weiter links steht, dann weiß der Spieler auf einmal nicht mehr, was er machen muss. Ich arbeite deshalb lieber mit Prinzipien, die ich den jeweiligen Situationen überordne. Die meisten davon sind relativ einfach. Sie gelten bei mir immer, in jedem Training, in jedem Spiel, völlig losgelöst vom Gegner oder von der geometrischen Anordnung der Spieler auf dem Feld. Beispielsweise Prinzipien des Konterspiels.

          Welche sind das?

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