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Julian Nagelsmann im Gespräch : „Ich hatte nicht viel Zeit, jung zu sein“

Wer ist Ihr Trainer?

Das bleibt mein Geheimnis, wir treffen uns von Zeit zu Zeit. Es ist niemand aus dem Fußball. Es gibt dabei immer einen theoretischen Inhalt über Lerntheorie, Motivation, über Teamführung, in dem er mir dann von den neuesten Entwicklungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen erzählt. Es sind immer Themen, die mich gerade beschäftigen, bei denen ich mich verbessern möchte.

Was hat Sie zuletzt beschäftigt?

Die optimale Spielbesprechung zwischen Donnerstag und Samstag. Wie kann ich das von der Lerntheorie her optimal gestalten mit Video, Schautafel, Training, so dass es die Spieler gut umsetzen können und sich länger als einige Minuten an den Plan erinnern.

In der vergangenen Woche haben Sie beim Training eine Kamera-Drohne aufsteigen lassen. Welche Rolle spielt die Videoanalyse?

Eine ganz entscheidende. Spieler lernen mehr und schneller, wenn ich ihnen die Inhalte visualisiere. Erlebt, gesehen und wieder erlebt - in dieser Kombination bleibt am meisten haften im Gehirn, deshalb arbeiten wir so. Wir probieren hier einfach alles aus und schauen am Ende, ob uns das etwas bringt oder nicht.

Wie wichtig ist die Taktik heute für den Erfolg?

Sie macht 35, vielleicht 40 Prozent aus. Der Rest ist vor allem Teamführung. Wenn du ein Topfachmann bist, aber ein Sozialidiot, dann wirst du schon gewisse Erfolge haben - aber nicht über lange Zeit und nicht mit jedem Team. Und wenn du ein Superteamführer bist und fachlich eine Vollpfeife, dann wird es auch nicht für viel reichen. Aber wenn du ein guter Teamführer bist und fachlich was draufhast, dann wirst schon erfolgreich sein.

Ist Hoffenheim für einen jungen Trainer ein ideales Fußball-Biotop?

Wenn man alles bewertet, diese wunderbare Infrastruktur, die Medienlandschaft, die sicher unaufgeregter ist als in größeren Städten, die Klubstruktur, in der es sehr viele junge Leute gibt wie in einem Start-up-Unternehmen, dann ist das schon ein sehr guter Verein, in dem man sehr gut reifen kann.

Als Sie zwanzig Jahre alt waren, ist erst Ihr Vater gestorben, kurz danach mussten Sie Ihre Fußballkarriere wegen eines Knorpelschadens beenden. Mussten Sie schneller erwachsen werden als andere?

Insgesamt musste ich sicher schneller erwachsen werden als viele andere. Ich hatte nicht so viel Zeit, jung und unbeschwert sein zu können. Wegen des Fußballs bin früh von Zu Hause ausgezogen, von da an musste ich für mich selbst sorgen: Kochen, Einkaufen, Dinge, all das, was man normal mit neunzehn oder zwanzig macht, habe ich schon mit fünfzehn erledigen müssen. Dazu kam der Tod meines Vaters, danach habe ich meine Familie unterstützt und Aufgaben erledigt, die für mein Alter eher untypisch waren: das Haus verkaufen, ein neues Haus suchen für meine Mutter. Das alles führt dazu, den Blick auf das Wesentliche zu lenken, zu erkennen, dass es Bedeutenderes im Leben gibt als Fußball. Diese Erfahrungen waren sehr hart für mich und meine Familie, aber sie haben mich reifen und bewusster mit dem Leben umgehen lassen.

Hilft Ihnen diese Erfahrung heute noch?

Wir sollten uns im Fußball nicht allzu wichtig nehmen. Auch wenn man abends die Nachrichten einschaltet, merkt man schnell, dass man als Bundesligatrainer doch eher eine unbedeutende Rolle spielt. Der Fußball hat für das Weltgeschehen keine allzu hohe Relevanz. Diese Einordnung nimmt mir zum Beispiel die Angst vor einer Entlassung. Ich weiß, dass ich trotzdem ein glücklicher Mensch sein kann. Ich brauche den Bundesliga-Zirkus nicht für mein Lebensglück, ich könnte auch wieder als Jugendtrainer arbeiten und wäre zufrieden.

Trotzdem haben Sie sicher Ziele. Was soll denn das noch kommen in Ihrer Karriere?

Ich will zunächst in Hoffenheim erfolgreich sein. Ich hänge sehr an dem Verein, ich habe ihm viel zu verdanken und wünsche mir sehr, dass wir eine positive Stimmung im Gesamtverein etablieren. Natürlich will ich gern mal einen Titel gewinnen und als Trainer einen Pokal in der Hand halten. Wer will das nicht? Das war damals (2014 deutscher Meister mit Hoffenheims U19, Anm. d. Red.) schon unfassbar emotional, beim 3:0 habe ich Tränen in den Augen gehabt. Da möchte ich mir gar nicht ausmalen, wie das wäre, wenn es mal irgendwann 2:0 für uns in einem größeren Finale steht. Das ist ein Traum. Aber auch da ist es so: Wenn ich keinen Pokal gewinne, geht bei mir auch nicht die Luft raus.

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