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Julian Nagelsmann im Gespräch : „Ich hatte nicht viel Zeit, jung zu sein“

Das verrate ich nicht, weil ich dann meine eigene Gegneranalyse betreiben würde. Über allem steht bei mir aber das Zwei-Kontakte-Prinzip, also Annahme und Pass. Das will ich immer sehen, egal, ob der Gegenspieler attackiert oder nicht. Ich habe mir viele Topspiele angesehen, und selbst der FC Barcelona spielt im vorderen Angriffsdrittel ganz wenig direkt, und deren Spieler gehören immerhin zu den besten auf diesem Planeten. Die Spielbeschleunigung durch einen direkten Pass wird oft dadurch kaputt gemacht, dass ein Pass nicht sauber gespielt wird. Die Wahrscheinlichkeit, dass du zehn Direktpässe so perfekt spielst, dass du a) zum Abschluss kommst und b) wirklich schneller bist als mit zwei kontrollierten Kontakten, ist sehr gering. Deshalb verzichten wir darauf. Ich bringe von zehn Angriffen lieber acht zum Abschluss, auch wenn es einen Tick länger dauert, als nur zwei zum Abschluss zu bringen - und es geht rasend schnell.

Wann haben Sie Ihre besten Ideen?

Am Morgen im Badezimmer. Ich male das dann mit Lineal und Bleistift auf einen Schmierzettel. Später schaue ich, ob die Idee mit der Realität übereinstimmt, suche nach Videoszenen, die dazu passen. Und dann ist es häufig so, dass ich es mit meiner Mannschaft probiere.

Kaum ein Trainer experimentiert so viel, verändert so oft die Grundformation. Erklären Sie uns doch mal, wie Sie Ihre Mannschaft aufstellen.

Grundsätzlich denke ich erst einmal über die Besetzung der vorderen Spitzen nach. Da gehe ich vom gegnerischen Ballbesitz aus, suche nach Räumen und frage mich, wie ich die gegnerische Kette binden kann, um kontrolliert in die letzte Linie zu kommen. Anhand dessen suche ich nach einer Grundordnung, mit der wir unsere Prinzipien gut auf den Platz kriegen, um den Gegner gut unter Druck setzen zu können. Defensiv achte ich auf viele Ebenen, so dass der Gegner nicht mit einem Pass zwei unserer Spieler ausspielt und auf unsere Kette zulaufen kann. Deshalb halte ich beispielsweise nichts von einem flachen 4-4-2-System. Offensiv geht es um gute Winkel, um wenig Querbälle im Spiel zu haben.

Zuletzt haben Sie zwei Mal auf eine Dreierkette in der Verteidigung gesetzt, ändern aber auch während des Spiels oft das System. Wie groß ist die Herausforderung dabei?

Es gibt viele Menschen, die vom Fußball sehr viel Ahnung haben, den Gegner vor dem Spiel anhand von Videobildern zerlegen und so einen ordentlichen Plan entwickeln, der in der Theorie gut ist für einen Sieg. Im Spiel zu reagieren ist dann eine Herausforderung - sowohl für den Trainer als auch für die Spieler. Als Coach musst du dir vielleicht schon nach zehn Minuten eingestehen, dass dein Plan nicht funktioniert, und die Spieler müssen blitzschnell umdenken können. Das trainieren wir.

Wie sieht der ideale Spieler für das System Nagelsmann aus?

Das hängt von der Position ab.

Muss er denn intelligent sein?

Grundsätzlich habe ich es schon gern, wenn meine Spieler mitdenken und nicht einfach nur in den Tag reinleben und schauen, was passiert. Ich mag es nicht, wenn Spieler nur trainieren und wieder heimfahren. Wir schreiben deshalb oft schon vor dem Training auf, worum es in der Einheit geht. Mein Traum ist es, dass meine Spieler sich erst über die Ziele Gedanken machen, trainieren und danach überlegen, was sie gelernt haben oder hätten tun müssen, um noch mehr zu lernen.

Merken Sie, dass Ihre Spieler manchmal mental erschöpft sind, richtig gestresst von Ihrem Training?

Ja, oft überfordere ich meine Spieler ganz bewusst. Denn wenn ich ihnen am Tag zehn Dinge mitgebe und sie lernen vier davon, bin ich glücklicher, als wenn ich mich an die Lerntheorie halte, in der maximal fünf Dinge pro Tag das Ziel sind, von denen sie sich dann zwei merken können. Auch ich habe einen Coach für mich, mit dem ich zusammenarbeite, um mich weiterzuentwickeln. Eine Idee von uns war, dass ich pro Woche eine Einheit für die Spieler einbaue, in der kognitiv nichts gefordert wird, in der nur gekickt wird, ohne irgendwelche Vorgaben, ohne Erklären und Nachdenken.

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