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Trotz 2:1 gegen Gladbach : Hamburg geht mit einem Knall

  • -Aktualisiert am

Ein Bild des Abstiegs: Chaoten entladen ihren Frust in einer Böller-Show, der Großteil der Fans im Stadion pfeift auf sie. Bild: dpa

Der Hamburger SV gewinnt zwar das letzte Spiel, aber verliert doch: Der Bundesliga-Dino muss erstmals in die zweite Liga. Böller und Raketen fliegen auf das Feld, das Spiel steht kurz vor dem Abbruch.

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          Bis zur 90.Minute sah es nach einem gemeinsamen Abstieg in Würde aus. Dann drehten rund 250 Chaoten auf der Hamburger Nordtribüne durch und warfen ohrenbetäubend laute Böller und schwarz dampfende Rauchtöpfe aufs Spielfeld. Die Partie des HSV gegen Borussia Mönchengladbach musste 20 Minuten lang unterbrochen werden. Es waren unheimliche Szenen, auch für langjährige Stadionbesucher, als berittene Polizei aufs Feld galoppierte, Polizisten mit Hundestaffeln und Dutzende Ordner das Spielfeld in Dreierreihen sicherten. Die Spieler und Schiedsrichter Felix Brych flüchteten in die Kabinen.

          Bundesliga

          Als sich die Chaoten ausgetobt hatten und ihre Reaktion auf den ersten Bundesligaabstieg des HSV losgeworden waren, kamen Brych und die Spieler zurück. Einmal pfiff der Unparteiische noch an, dann war auch diese letzte Partie der Saison 2017/18 beendet – mit schlimmen Szenen, die ganz sicher ein erhebliches Nachspiel haben werden. Nach dem Eklat von Bremen war das der zweite krasse Fall von Zuschauer-Fehlverhalten unter dem Mantel des HSV.

          Die Norddeutschen steigen als Tabellen-Siebzehnter ab und bekommen zum Schluss dieser Spielzeit die Quittung für ein halbes Jahrzehnt Führungsschwäche, Misswirtschaft und Fluktuation.

          „Wir hätten dieses letzte Spiel lieber vernünftig zu Ende gespielt, denn ich empfinde Stolz für meine Jungs, die mit einer aussichtslosen Situation sehr gut umgegangen sind“, sagte der Hamburger Trainer Christian Titz, „aber ein kleiner Teil hat sich unmöglich verhalten, Das tut mir besonders leid, weil der größte Teil der Zuschauer uns super unterstützt hat.“

          Die „normalen“ Anhänger, die diese Partie zu einem stimmungsvollen Nachmittag hatten werden lassen, pfiffen die vermummten Chaoten gellend aus. Sie gestatteten den Hamburger Profis später sogar eine Ehrenrunde, applaudierten wohlwollend, schickten die tapfer kämpfenden und gar nicht schlecht spielenden Profis anständig und respektvoll in die zweite Liga.

          55 Jahre war der HSV erstklassig, nun war dieses 2:1 gegen Borussia Mönchengladbach zu wenig, um den Relegationsrang noch zu erreichen – auf dem der VfL Wolfsburg einkam. Nach einer Gelb-Roten Karte gegen Bobby Wood in der 71.Minute gelang dem HSV der am Ende wertlose Sieg in Unterzahl. Er kam durch Tore von Aaron Hunt und Lewis Holtby zustande (11./63. Minute). Zwischenzeitlich hatte Josip Drmic ausgeglichen (28. Minute).

          „Wir haben heute an unseren Sieg und an das passende Ergebnis auf dem anderen Platz geglaubt“, sagte Titz, „deswegen bin ich jetzt sehr enttäuscht, dass es anders gekommen ist.“

          Die Rettungsaktion mit ihm als Trainer kam zu spät. Der stolze Klub wird sich auf eine knallharte Spielzeit mit Partien gegen weniger namhafte Gegner einstellen müssen, die alles daransetzen werden, dem HSV ein Bein zu stellen. Als Blaupausen dienen die letztjährigen Wiederaufstiege des VfB Stuttgart und von Hannover 96. Ob es so weit kommt? Seine Erstligatauglichkeit hat der HSV in den vergangenen Jahren mehr und mehr aufs Spiel gesetzt – seine Zweitligatauglichkeit muss er nun nachweisen, unter anderem in zwei Derbys gegen den FCSt. Pauli.

          Bilderstrecke

          Die berühmte Uhr an der Nordtribünen-Ecke, heißt es, werde nicht abgeschaltet. Sie laufe weiter und zeige ab sofort nicht mehr die abgelaufene Zeit der Bundesligazugehörigkeit, sondern die Zeit seit der Vereinsgründung am 29. September 1887.

          Zuletzt hatte es schon gewirkt, als sei der Abstieg zwar fürchterlich, aber nicht das Ende aller Fußballtage. Man müsse eine Identität unabhängig von Spielklasse und Personen entwickeln, hatte Bernhard Peters gefordert, der Direktor Sport des HSV. Auch sollte man die emotionalen Ausschläge tunlichst minimieren, um sportlich und im Außenauftritt wieder bessere Zeiten zu erleben. Das ist natürlich leicht gesagt für einen Verein mit dieser Wucht. Doch zumindest geebnet scheint der Weg in die erstmalige Zweitklassigkeit.

          Titz kam an und wird bleiben

          Seit Christian Titz die Mannschaft trainiert, spielt sie wieder ordentlich Fußball. Die authentische Art des neuen Trainers kommt an in der Stadt und der Fußballszene. Auch deshalb wird der HSV mit Titz auch in der zweiten Liga weitermachen, darauf haben sich Alleinvorstand Frank Wettstein, Aufsichtsrat Bernd Hoffmann und Titz‘ Berater Marcus Noack am Donnerstag geeinigt. Der Sportdirektor fehlt noch, eine ebenfalls sehr wichtige Personalie. Zur grundsätzlichen Beruhigung hatte auch die Erteilung der Lizenz durch die Deutsche Fußball Liga (DFL) beigetragen, die der HSV ohne Auflagen und Bedingungen bekommen hatte – im Kern kam das notwendige Geld aus der Vertragsverlängerung mit dem Vermarkter. Hier und auf anderen Baustellen hat Wettstein gut gearbeitet.

          Trainer Titz wird in der zweiten Liga mit einem Kader arbeiten können, der voraussichtlich immer noch zwischen 25 und 30 Millionen Euro an Gehältern und Prämien verschlingt. Allein aus diesem Posten ergibt sich, dass der Zweitliga-Aufenthalt auf ein Jahr beschränkt sein muss. Wer dann mit der Raute auf der Brust spielt, zeichnet sich erst ab. Dennis Diekmeier, dienstältester Profi, wird nicht dabei sein – sein Vertrag läuft aus, er stand am Samstag nicht im Kader. Auch Lewis Holtby, Aaron Hunt oder Gotoku Sakai aus der Stammelf besitzen endende Vertragspapiere. Bei anderen Profis wie Filip Kostic, Kyriakos Papadopoulos oder Bobby Wood ist fraglich, ob sie Gehaltsabschläge in der zweiten Liga in Kauf nehmen.

          In der kommenden Woche soll Titz seinen neuen Vertrag unterzeichnen. Dann wird es auch schon um den Kader der neuen Saison gehen. Titz sagte: „Es hat einen sehr negativen Geschmack, was heute hier passiert ist. Wir wollten uns würdevoll und vernünftig verabschieden. Ich bin froh, dass das nach der Spielunterbrechung wenigstens gelungen ist.“ Man merkte ihm an, dass er seine Gefühle und Gedanken erst noch sortieren musste.

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