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Trainer Martin Schmidt : Der Mainzer Menschenfreund

Mainz-Trainer Schmidt hält beim Fußball die Einflussnahme von außen für überschätzt Bild: dpa

Stets höflich und bescheiden: Trainer Martin Schmidt hat Mainz 05 in die höheren Gefilde der Fußball-Bundesliga geführt. Nun traf der Schweizer auf seinen Förderer – und forciert freundlich den Abnabelungsprozess.

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          Eigentlich ist es nur ein Handschlag. Aber diese alltägliche Geste taugt sehr gut, um eine scharfe Trennlinie zwischen Martin Schmidt und Thomas Tuchel zu ziehen – zwei Fußballtrainern, die einst in Mainz sehr eng zusammengearbeitet haben und an diesem Sonntag (17.30 Uhr / Live auf Sky und im Bundesliga-Ticker auf FAZ.NET) im Dortmunder Stadion bei der Begegnung von Tuchels Borussia und Schmidts Team von Mainz 05 aufeinandertreffen.

          Daniel Meuren
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für Tuchel markiert der Handschlag die feinen Unterschiede. Zu Mainzer Zeiten erwies er damit seinen Spielern jeden Tag aufs Neue beim Betreten des Trainingsplatzes seinen Respekt. Den Mitarbeitern des Klubs schüttelte er auch die Hand, aber dann war die Grenze der Distinktion erreicht: Journalisten oder Fans gönnte er grundsätzlich nur einen kurzen Gruß. Martin Schmidt ist anders: Er ist so höflich, dass er sogar beim Verlassen eines Fernsehstudios sich bei fast jedem Zuschauer und Mitarbeiter des Senders persönlich verabschiedet.

          Der nächste couragierte Auftritt?

          Entsprechend prägt der Trainer nach etwas mehr als einem Jahr im Amt des Chefcoachs schon sein Team. Mainz 05 ist eine Mannschaft der Anständigen, was nicht bedeuten soll, dass das Team auf dem Feld brav zu Werke geht oder dass die Spieler nicht mit professioneller Härte ihre Ziele verfolgen. Das beweist der Platz in der Spitzengruppe der Bundesliga, das belegen die Siege zuletzt gegen Schalke, Mönchengladbach, Leverkusen und vor allem bei Bayern München. Und in Dortmund möchten die bezüglich der Finanzkraft weiter kleinen Mainzer das mit einem nächsten couragierten Auftritt beweisen.

          Aber Mainz 05 sticht heraus im Bundesliga-Alltag. Manager Christian Heidel führt als ein wichtiges Einstellungskriterium von Spielern stets die Sozialkompetenz an. Mainzer Spieler sind durchweg gegenüber Fans auffallend höflich, sie sind stets pünktlich und zuverlässig. Und so ist es auch kein Zufall, dass ein Akteur wie Stefan Bell die Erinnerung des Betreuerteams an die rheinland-pfälzische Landtagswahl locker erwidern konnte. Da die Spieler an diesem Sonntag wegen des Auswärtsspiels in Dortmund nicht in Mainz sind, wurden sie an die Möglichkeit der Briefwahl erinnert. Bell konterte den Hinweis, indem er auf seine bereits vor Wochen eingereichten Briefwahlunterlagen verwies.

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          Einen großen Anteil daran hat auch Schmidt, der Werte vorlebt. „Er ist wirklich ein sehr kommunikativer Typ. Er spricht gerne mit Menschen, nicht nur mit uns Spielern, auch mit allen im Umfeld. Er ist ein Menschenfreund“, sagt Kapitän Julian Baumgartlinger. „Zugleich bedeutet das aber nicht, dass er der nette Martin ist. Wenn es mal nicht so läuft in einem Training, dann ist er natürlich sauer und lässt uns das auf dem Platz spüren. Aber auch dann hat er nach dem Training ein Lachen im Gesicht. Da spürt die Mannschaft ein sehr großes Vertrauen.“

          Auch deshalb führte der 48 Jahre alte Trainer seine Mannschaft zu Beginn der Wintervorbereitung in seine Schweizer Heimat, hinauf in die Bergwelt des Wallis oberhalb seines Heimatortes Naters. Das bedeutet ihm viel. Auf der Belalp hat er als Jugendlicher mit seinem Großvater wochenlang im Sommer Kühe gehütet. Dort oben wagte er sich in jedes Abenteuer, das mit Geschwindigkeit und Mut zu tun hatte. Er wurde Speed-Skiläufer und versuchte sich an Geschwindigkeits-Weltrekorden. Er raste mit dem Mountainbike die Berge hinab, bei einem jährlichen Rennen im nahen Saas-Fee sogar auf Schnee aus 3800 Metern hinab bis ins Tal, mit weit mehr als 100 Kilometern pro Stunde und Körperkontakt zu den Konkurrenten auf den anderen Rädern.

          Bei dem Extremausflug mit Mainz 05 in den Schnee, der zur Förderung des Teamgeistes angesetzt war, gab er nicht nur seine Persönlichkeit in Grenzsituationen preis, sondern auch ganz Privates: Er stellte dem Team seine Schweizer Familie vor, was man nicht macht ohne ein unerschütterliches Urvertrauen in die Integrität seiner Spieler. „Ich nehme mir nicht vor, höflich oder vertrauensvoll zu sein, weil es mir nützen könnte, sondern weil ich so bin“, sagt Schmidt. „Ich glaube, du kannst Menschen nur führen, verbal etwas auslösen und Menschenfänger sein, wenn du die Menschen liebst.“

          Anfangs wurde er vielleicht auch wegen seiner Höflichkeit gerne einmal unterschätzt. Er hatte dank einer abwechslungsreichen Vita zwischen Extremsport und Ausflügen als Kfz-Mechaniker in die Deutsche Tourenwagen-Meisterschaft oder einem eigenen Textil-Unternehmen zudem den Ruf als Quereinsteiger. Dabei wurde unterschlagen, dass der Fußball stets die wichtigste Rolle spielte, erst als ambitionierter Amateurfußballer samt Zweitligaaufstieg mit dem Heimatklub FC Naters. Und später als Trainer, der es über den FC Raron und den Nachwuchs des FC Thun zu Mainz 05 schaffte. Thomas Tuchel hatte ihn einst, als er noch A-Junioren-Trainer war, bei einem Jugendturnier kennen gelernt und später nach Rheinhessen gelockt für die U23.

          Stets höflich und bescheiden: Martin Schmidt ist beliebt bei Mainz 05
          Stets höflich und bescheiden: Martin Schmidt ist beliebt bei Mainz 05 : Bild: dpa

          In dieser Rolle ist Schmidt gereift zu jenem Trainer, der nun seit dem überraschenden 2:1-Sieg seines Teams in München als der Bayern-Bezwinger gefeiert wird – auch wenn er seinen Anteil bescheidener einordnet. „Fußball ist ein Player-Game, die Spieler entscheiden auf dem Feld. Während des Spiels ist mein Anteil als Trainer minimal“, sagt Schmidt. Dennoch steht er natürlich 90 Minuten lang an der Seitenlinie, um seinen minimalen Einfluss in die Waagschale zu werfen. Aber er ist dabei nie der tobsüchtige Vertreter seines Fachs. Schiedsrichter attackiert er nicht aus Respekt vor der Schwere ihrer Aufgabe. „Mit Anpfiff ist es allein Verdienst der Spieler, was herauskommt. Mein Job ist in der Woche auf dem Trainingsplatz erledigt“, sagt er.

          Da bereitet Schmidt seine Spieler auf jenen Stil vor, der mittlerweile unverwechselbar ist in der Bundesliga. Mainz 05 definiert sich über Laufwerte wie die Zahl an Sprints oder eine extrem hohe Kilometerleistung. Kürzlich setzte das Team beim Sieg in München mit mehr als 65 Mannschafts-Kilometern in der ersten Halbzeit eine neue Bestmarke seit Erfassung dieser Daten. Als Tuchel noch Trainer in Mainz war, liefen die Spieler auch schon viel. Und Schmidt saß, wenn er nicht gerade ein Spiel mit seiner U23 zu bestreiten hatte, immer auf der Pressetribüne. Er beobachtete scharf, wie Tuchels Matchplan im Spiel funktionierte. Er war dann meist beeindruckt von der Herangehensweise, er bezeichnete Tuchel bewundernd als „Jahrzehnt-Genie“, aber gelegentlich schien er die Skepsis des Publikums zu verstehen, wenn das Team des Taktikfanatikers Tuchel mal wieder im Kopf blockiert schien durch eine allzu komplizierte Spielidee. Dann bremste sich Mainz 05 in seinem Spieltrieb – was Tuchel nach Begegnungen durchaus auch eingestand.

          „So eng ist unser Verhältnis nicht“

          Martin Schmidt nähert sich dem Spiel vordergründig etwas simpler, was der Attraktivität der mutigen, auf Umschaltaktionen ausgerichteten Mainzer Auftritte vor allem in der Rückserie aber keineswegs schadet. Sein Punkteschnitt pro Spiel ist nach 38 Partien mit bislang 1,53 sogar etwas besser als einst in Tuchels Erfolgsära (1,41). „Es gibt Trainer, die steuern eher durch Motivation, andere über die Taktik und ich hauptsächlich über Athletik und Laufstärke“, sagt Schmidt und setzt sich schon damit deutlich ab von Tuchel. Vor dem Wiedersehen ist es ihm offensichtlich ein Anliegen, beim zweiten Aufeinandertreffen mit dem zumindest zu Mainzer Zeiten freundschaftlich verbundenen Tuchel den Abnabelungsprozess zu unterstreichen. „So eng ist unser Verhältnis nicht. Wir haben lange keinen Kontakt gehabt. Aber ich habe auch zu anderen Bundesligatrainern keinen Kontakt, ich habe nicht mal Nummern gespeichert“, sagt Schmidt.

          Die Beziehung bekam einst einen Knacks, als Schmidt vor Tuchels letzter Saison in Rheinhessen das Angebot ablehnte, zum Assistenztrainer aufzusteigen. Schmidt wollte sein eigener Chef bei der U23 bleiben, die er anschließend überraschend in die dritte Liga führte, wo sie mittlerweile die beste Reserve aller deutschen Profiklubs ist. Tuchel mag die Entscheidung damals als Affront empfunden haben. Die Hände werden die beiden Trainer an diesem Sonntag einander dennoch reichen.

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