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HSV-Trainer Gisdol : Der neue starke Mann in Hamburg

  • -Aktualisiert am

Zieht die Fäden beim HSV: Trainer Markus Gisdol Bild: dpa

Dietmar Beiersdorfer übernimmt in Hamburg nicht die Rolle des Sportchefs und verlässt den Verein. Trotz des Wirbels im Klub hat HSV-Trainer Markus Gisdol immer die Ruhe behalten. Nun beginnen seine Maßnahmen zu wirken.

          3 Min.

          Fünf Wochen hat Markus Gisdol gebraucht, um sich beim Hamburger SV zurechtzufinden. Von Ende September bis Anfang November verlor der HSV Spiel um Spiel; nur einen Punkt holte die Mannschaft mit dem neuen Trainer. Gisdol schien weg zu sein, bevor er richtig da war. Doch dann machte er sich ans Werk. Nach schonungsloser Analyse band er ein ganzes Maßnahmenpaket zusammen – dazu gehörte auch die Brandrede nach dem 2:5 gegen Borussia Dortmund, als er die überzogene Erwartungshaltung im Verein geißelte und klarstellte, dass es in dieser Saison einzig und allein um den Klassenverbleib gehe.

          Gisdol machte sich ans Werk, verband Kleinteiliges (Deutschunterricht für ausländische Profis im Stadion, längere Pflege nach den Spielen) mit großrahmigen Veränderungen: neuer Spielführer, Stars in die zweite Reihe. So wurde Gotoku Sakai plötzlich zum Käptn’ – er macht das sehr gut. So fanden sich Pierre-Michel Lasogga und Emir Spahic auf der Bank wieder; Lasogga zählte in den ersten fünf Gisdol-Partien zur Startelf. Alen Halilovic, vor der Saison mit großen Erwartungen vom FC Barcelona verpflichtet, spielt unter Gisdol gar keine Rolle mehr.

          Eingriffe, die fruchten

          Seine Veränderungen und Versetzungen erinnerten an Hoffenheim 2013, als Gisdol in aussichtsloser Lage am Saisonende hart durchgriff, namhafte Spieler wie Tim Wiese, Matthieu Delpierre, Tobias Weis und Eren Derdiyok in die sogenannte Trainingstruppe 2 versetzte, um wieder konzentriert arbeiten zu gönnen. Die Eingriffe fruchteten; Hoffenheim blieb über die Relegation in der Bundesliga.

          In Hamburg machte Gisdol den bisher im Mittelfeld eingesetzten Michael Gregoritsch zum Mittelstürmer, fand trotz vieler Verletzungen eine Stammelf, die durch Filip Kostic links und Nicolai Müller rechts zu Tempo und Torgefahr kam. Und mögen die vier Defensiven Johan Djourou und Gideon Jung sowie davor Sakai und Matthias Ostrzolek keine Ideallösung sein, so standen sie in den vergangenen sechs Partien doch zumindest für ein Mindestmaß an Stabilität.

          Aus in Hamburg: Dietmar Beiersdorfer packt beim HSV seine Sachen
          Aus in Hamburg: Dietmar Beiersdorfer packt beim HSV seine Sachen : Bild: dpa

          Das Wichtigste aber war, dass Markus Gisdol trotz aller HSV-typischen Nebengeräusche wieder eine ordentliche Stimmung in die Mannschaft gepflanzt hat. „Wir haben einen neuen Geist“, sagte jüngst Nicolai Müller, der beste Spieler unter Gisdol, „wir halten super zusammen, und jeder nimmt an, was der Trainer sagt.“ Natürlich haben Gisdol die Ergebnisse beim Zusammenschweißen der Truppe geholfen, denn viel weniger als die gesammelten elf Punkte aus den vergangenen sechs Spielen hätte seine Mannschaft nicht holen dürfen, um Gisdols Verbleib in Hamburg nicht zu gefährden – mit immer noch kümmerlichen 13 Punkten aus 16 Spielen ist das rettende Ufer zumindest in Sicht.

          Wie steinig der Weg bis hierhin war, verdeutlichte ein geschafft aussehender Trainer am Dienstagabend nach dem verdienten 2:1-Sieg gegen den FC Schalke 04. „Mit Blick zurück kann ich sagen, dass die Situation sehr schwer zu drehen war, weil alle extrem betrübt waren und es hoffnungslos erschien“, sagte Gisdol: „Jetzt haben wir uns eine Ausgangssituation verschafft, die vor ein paar Wochen undenkbar war.“ Gezehrt hätten die intensiven Monate allemal, sagte Gisdol: „Die drei Monate waren schon extrem. Ich bin froh, dass jetzt Pause ist.“ Am Morgen nach dem Spiel fuhr Gisdol ins heimische Bad Überkingen. Er weiß, dass die jüngsten Erfolge seine Position beim HSV erheblich gestärkt haben.

          Einige Wünsche hat er beim neuen Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen hinterlassen. Geht es nach Gisdol, dann sollte Dietmar Beiersdorfer Sportchef bleiben. Am Donnerstag allerdings vermeldete der Klub, dass Beiersdorfer den HSV zum Jahresende verlassen muss. Der Verein muss sich also einen neuen Sportchef suchen. „Wir haben uns in den vergangenen Tagen mehrfach über die Zukunft unterhalten. Letztlich hat Dietmar mir signalisiert, dass er sich die Rolle als Sportdirektor aktuell nicht vorstellen kann. Das akzeptiere und respektiere ich“, wird Bruchhagen auf der HSV-Homepage zitiert. Verstärkungen für die Winterpause hatte Gisdol noch gemeinsam mit Beiersdorfer gefunden. Fünf Defensivspieler sollen dank der Millionen des Investors Klaus-Michael Kühne kommen. Einer von ihnen könnte der Kölner Mergim Mavraj sein.

          Gisdol hat sich ferngehalten vom chaotischen Alltag in der Vereinsführung. Er hat ihn hier und da in Hamburger Medien mal vorsichtig oder süffisant beschrieben, auch, um die Komplexität der eigenen Aufgabe hervorzuheben. Zwischen die Fronten ist er dabei nicht geraten. Und auch bei den Umbauten in der Mannschaft ist Gisdol keinem allzu hart auf den Fuß getreten. Der Geist stimmt in der Mannschaft, die Punktausbeute der vergangenen Spiele könnte Basis einer Aufholjagd sein. Seinen Geschäftsbereich hat Gisdol in Schuss. Wie es um die HSV Fußball AG bestellt ist, steht auf einem anderen Blatt.

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