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Trainer Horst Hrubesch : Die letzte Patrone des Hamburger SV

  • -Aktualisiert am

„Ich will mithelfen, den Mist, den wir verbockt haben, wieder geradezurücken“: Horst Hrubesch Bild: dpa

Der HSV sieht seine Felle in der zweiten Bundesliga davonschwimmen und schickt Trainer Daniel Thioune weg. Nun soll Vereinsikone Horst Hrubesch retten, was vielleicht nicht mehr zu retten ist.

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          Eines sollte auf keinen Fall passieren: dass die Mannschaft die Saison austrudeln lässt. Das betonte Jonas Boldt einige Male, als er am Montagmittag erklärte, warum die HSV Fußball AG ihren wichtigsten Trainer entlassen hat. Diese Gefahr hatte Boldt Äußerungen Daniel Thiounes entnommen, und auch der Eindruck, den Thioune Ende vergangener Woche erweckte, war der eines gebrochenen Mannes. Auslöser war das 1:1 gegen den Karlsruher SC. Am vergangenen Donnerstag hatte Cheftrainer Thioune gegen den KSC „all-in“ gehen wollen, wie er sagte. Heraus kam ein kümmerlicher Punkt am Ende einer bitteren englischen Woche mit einer Niederlage und zwei Remis.

          2. Bundesliga

          „Die Distanz zwischen ihm und der Mannschaft war zu groß geworden“, sagte Sportvorstand Boldt, „der Trainer wollte alles riskieren, und dann kam das dabei raus. Danach war er angeknockt.“ Boldt traute Thioune nicht mehr zu, die Saison ambitioniert zu Ende zu bringen und in der Serie 2021/22 weiterzumachen: „Die Dynamik hat sich in Richtung Abschenken entwickelt. Ein unbelasteter Start in die neue Saison wäre gar nicht mehr möglich.“

          Für die letzten drei Saisonspiele steht nun Horst Hrubesch als Cheftrainer bereit. Die 70 Jahre alte HSV-Legende arbeitet eigentlich als Nachwuchschef. Doch gegen Nürnberg, in Osnabrück und gegen Braunschweig soll er nun anpacken, um doch noch den Aufstieg zu schaffen – womöglich via Relegation. „Ich will mithelfen, den Mist, den wir verbockt haben, wieder geradezurücken“, wird Hrubesch auf der Vereinsseite zitiert. Es steht fest, dass er nach Saisonende auf seinen Posten zurückkehrt. Im Visier des HSV soll sich Steffen Baumgart als Thiounes Nachfolger befinden; um ihn bemüht sich auch Liga-Rivale Hannover 96.

          Alarmglocken beim HSV

          In der Videokonferenz zur Mittagszeit nahm sich Boldt Zeit, seine Gedankengänge zur Entlassung des Cheftrainers zu verdeutlichen. „Es ist in den letzten Wochen einiges zusammengekommen. Die Beziehung zwischen Trainer und Spieler hat gewackelt. Es entstand eine Dynamik, auch beim Trainer. Die vielen Misserfolge gingen nicht spurlos an ihm vorbei. Wir mussten wieder erkennen, dass ein Saisonfinale beim HSV etwas mit den Menschen macht. Durch die enttäuschenden Spiele der letzten Wochen ist bei Daniel die klare Führung auf der Strecke geblieben. Man hat es ihm angemerkt.“

          Im April war Thiounes Mannschaft sieglos geblieben. Schon davor hatten die Alarmglocken geschrillt: Anfang Februar wurde eine 3:1-Führung in Aue verspielt. Dann folgte ein 0:0 gegen dezimierte Fürther. Eine Woche später lag der HSV nach 50 Minuten 0:3 beim Tabellenletzten in Würzburg zurück. Der Vorsprung aus der überzeugenden Hinrunde mit 36 Punkten war verspielt, und viele fragen sich heute, ob das Würzburg-Spiel nicht der richtige Zeitpunkt für einen Trainerwechsel gewesen wäre.

          Auch Boldt bekam diesen Vorwurf zu hören, bezogen auf ein späteres Spiel, das 1:2 in Sandhausen vor zehn Tagen. Er antwortete: „Wir sind nicht panisch und hektisch geworden, sondern wollten zeigen, dass wir etwas entwickeln und Täler durchschreiten können.“ Doch so wie die Bindung zwischen Mannschaft und Trainer litt, fehlte am Ende auch der Klebstoff zwischen Vorstand und Coach. Was nun fehlt, sind mehr als nur drei Spiele für Hrubesch, um die Saison aus Hamburger Sicht zu retten.

          Thioune, 46, war im Sommer 2020 für 500.000 Euro Ablöse vom VfL Osnabrück gekommen. Boldt sah in ihm einen entwicklungsfähigen Coach, der Spieler weiterbringen kann. Mithin einen anderen Typen als den jungen Hannes Wolf in der Saison 2019/20 oder den erfahrenen Dieter Hecking ein Jahr später. Mit den hinzugeholten Simon Terodde, Sven Ulreich, Toni Leistner und Moritz Heyer verfügte der HSV über den teuersten Kader der zweiten Liga.

          Hrubesch am Montag beim ersten Trainer als Interimscoach des HSV.
          Hrubesch am Montag beim ersten Trainer als Interimscoach des HSV. : Bild: dpa

          Zwei Dinge wollte Thioune einbauen: Resistenz und taktische Variabilität. „Der Gegner soll nicht schon vorher wissen, wie der HSV spielt“, sagte er. Er wollte die frustrierende Vergangenheit hinter sich und dem Verein lassen. Er sei für sie schließlich nicht verantwortlich, sagte Thioune. Außer einer Delle im November 2020 lief es bis Ende Januar 2021 hervorragend für die Mannschaft – und die Fußball-AG, die von Boldt in seinen zwei Jahren teamorientiert und leistungsfähig geführt wird. Sie ist insgesamt besser durch die Pandemie gekommen als befürchtet.

          „Wir sind in der Hinrunde für Widerstandskraft und Flexibilität gefeiert worden“, sagte Boldt nun, „in den letzten Wochen, angefangen in Hannover, gab es dann vielleicht ein Zuviel an Flexibilität.“ Thioune setzte Spieler auf fremden Positionen ein, obwohl der Kader nahezu komplett war. Das mag am Selbstvertrauen des Teams genagt haben – deutlich sichtbaren Frust über Misserfolge gab es bei Einzelnen schon länger.

          Der HSV lässt einen empathischen und sympathischen Trainer gehen, der lange Zeit mutig agierte, während seine Vorgänger ängstlich (Wolf) oder ratlos (Hecking) wirkten. Nun übernimmt einer, der in anderen Kategorien denkt. „Horst soll er selbst sein“, formulierte Boldt die Stellenbeschreibung, „er soll klar und locker die Richtung vorgeben. Er wird nicht zu viel nachdenken, sondern einfach machen.“

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