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Bayerns Hansi Flick : Stand jetzt der Wunschtrainer

Hansi Flick gibt sich gelassen: „Ich bin unabhängig.“ Bild: Reuters

Die Bayern spielen besser, mutiger, offensiver und zugleich defensivstärker als zuvor. Jupp Heynckes traut Hansi Flick schon zu, eine Epoche in München zu prägen. Doch der bleibt gelassen.

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          Zu den kleinen Freuden älterer Herren gehört es, beim Bäcker mit einem freundlichen „junger Mann“ begrüßt zu werden. Ist man jedoch Fußballtrainer, klingt der Hinweis auf Jugendlichkeit schon nicht mehr ganz so schmeichelhaft. Niko Kovac etwa wurde von seinem fünf Jahre jüngeren Sportdirektor Hasan Salihamidzic gegen Kritik bis zum Ende gern mit dem Hinweis verteidigt, er sei noch „ein junger Trainer“. Bei seiner Entlassung in München war Kovac 48 Jahre alt. Auf das Lebensalter konnte sich der Hinweis also kaum beziehen. Eher auf das Dienstalter, darauf, dass Kovac vor den Bayern erst zwei Jahre Erfahrung als Bundesligatrainer in Frankfurt hatte.

          Bundesliga
          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Sein Nachfolger Hans-Dieter Flick ist 54 Jahre alt, nach dieser Logik aber ein jüngerer Trainer als Kovac. Und ein noch viel jüngerer als der 32-jährige Julian Nagelsmann, der mit RB Leipzig an diesem Sonntag (18 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-Bundesliga und bei Sky) im Spitzenspiel der Bundesliga in München antritt. Für Flick wird es das elfte Bundesligaspiel als Cheftrainer sein. Für Nagelsmann das hundertsiebenunddreißigste.

          Trotzdem hat noch niemand Hansi Flick einen jungen Trainer genannt. Das hat damit zu tun, dass er seiner Umgebung ein Gefühl gibt, als sei er schon viel länger da als die drei Monate seit seiner Beförderung vom Assistenten zum Chef; ja als hätte er seit langer Zeit gar nichts anderes gemacht. Das beweist, dass man die Erfahrungen für den Cheftrainerjob nicht unbedingt als Cheftrainer machen muss. Es kann auch Lebenserfahrung sein.

          Gerade in einer Umgebung permanenter Erfolgserwartung wie beim FC Bayern haben die Spieler gelernt, eher einen väterlich gelassenen, einfühlsamen Trainertypen zu schätzen als einen jungen Dynamiker, dem – wie ihnen selbst – der Ehrgeiz aus allen Poren quillt. Schon nach wenigen Wochen mit Flick begannen Spieler, wie Leon Goretzka, dessen „Sozialkompetenz“ zu preisen. Robert Lewandowski verglich gar Flicks Empathie mit der des großen Jupp Heynckes. Dieser wiederum schickte aus dem Ruhestand die dringliche Empfehlung an die Bayern, mit Flick weiterzumachen. Er sei „als Trainer ein Juwel“ und ein Mann, der „eine Epoche“ prägen könne.

          Die große Frage ist, ob Flick nun einfach nur der richtige Mann zur richtigen Zeit ist – also nach der verfahrenen Situation in der Schlussphase seines Vorgängers schlicht durch seine lockere, kommunikative Art krampflösend wirkte und so dem Team wieder den Spaß an sich selbst zurückgab. Oder ob er der Mann für die Zukunft des FC Bayern ist, eine Zukunft, für die Herbert Hainer, der neue Präsident, den Gewinn der Champions League binnen der nächsten drei Jahre als Ziel ausgegeben hat. Und für die der Trainer-Novize Flick also all die Superstars der Branche, einen Klopp, Guardiola oder Zidane übertrumpfen müsste.

          Jupp Heynckes: Flick kann eine Epoche prägen.

          Die Bayern spielen unter Flick besser, mutiger, offensiver und zugleich defensivstärker als zuvor, vor allem durch ein aggressives, hohes Pressing. Doch ist das ein physisch und vor allem mental sehr fordernder Stil, der nur schwer über eine ganze Saison hinweg in jedem Spiel durchzuhalten ist. Klopp brauchte in Liverpool fast vier Jahre, um das zu schaffen und die unglaublichste Siegmaschine der neueren Fußballgeschichte zu bauen (100 von 102 möglichen Punkten aus den letzten 34 Spielen der Premier League). Flick weiß, dass trotz aller Lobeshymnen auf ihn „das bei Bayern München von Woche zu Woche anders sein kann“ und er immer wieder neu liefern muss – nun erst gegen Leipzig, dann in der Champions League gegen Chelsea und, sollte das gelingen, in den K.-o.-Duellen mit Europas besten Teams im Frühjahr.

          Ein Dauerproblem ist die Personallage. Der FC Bayern blieb, anders als Leipzig und Dortmund und anders als von Flick erhofft, im Winter-Transferfenster tatenlos. Nach dem Ausfall von Ivan Perisic kehrt nun wenigstens Kingsley Coman auf die Bank zurück. Flick nimmt auch diese Dinge locker. Am Freitag wechselte er sich im abschließenden Trainingsspiel wegen einer Personallücke selbst als Verteidiger ein. Am Ende stand er im Siegerteam. So blieben ihm die Liegestütze erspart, die die Verlierer machen mussten.

          Flick stützt sich auf zwei seltene Gaben

          So kompliziert die Personalsituation das Arbeiten machen kann, so sehr hat sie es Flick bisher auch erleichtert. Phasen mit knapper Personaldecke sind Ruhephasen für Bayern-Trainer. Die Unruhe entsteht, wenn die volle Kapelle zur Verfügung steht und auf fast jeden, der spielen darf, einer kommt, der dem Trainer grollt. Irgendwann wird Flick sich auch in dieser Moderationsübung beweisen müssen.

          Viele kostspielige Fehler sind im Fußball schon bei genau dieser Frage gemacht worden: ob einer nur der Mann der Stunde ist oder der Mann der Zukunft. Der Stürmer, der ein paar Wochen lang trifft und gleich die Gehaltserhöhung kriegt, der Trainer, der mit einer Siegsträhne startet und prompt zur Dauerlösung wird – ehe dann manchmal ziemlich schnell der Lack ab ist. Und so besinnt man sich, nach Wochen der Hymnen auf den Wohlfühltrainer Flick, nun bei den Bayern doch wieder ein wenig mehr auf das geschäftsmäßig Vernünftige, das in der wichtigsten Personalfrage jedes Fußballvereins eher nach kühlem Kalkül verlangt.

          Hatte Präsident Hainer noch Anfang der Woche beim Besuch eines Fanklubs in Niederbayern wie ein Fan vom „bezaubernden Fußball unter Hansi Flick“ geschwärmt und erklärt: „Wenn er weiter so gewinnt, dann gibt es keine Alternative“, klang der frühere Adidas-Chef wenige Tage später eher geschäftsmäßig und erklärte zur Trainerfrage: „Wenn die Saison zu Ende ist, wird analysiert.“ Angesprochen darauf, ob das nicht ein wenig spät wäre, sagte Flick am Freitag: „Ich bin vollkommen unabhängig. Das gibt mir Gelassenheit.“ Zwei seltene Gaben bei jungen wie alten Trainern.

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