https://www.faz.net/-gtm-88csb

Bundesliga-Kommentar : Das Tormonopol der Topklubs

Er trifft und trifft und trifft – für den FC Bayern: Robert Lewandowski. Bild: dpa

Bisher kamen Torschützenkönige der Bundesliga auch von kleinen oder mittleren Klubs wie Frankfurt, Bochum oder Nürnberg. Das könnte sich nun ändern – und einen Trend einleiten.

          Es bleibt das große Rätsel der Menschheit. Jedenfalls jenes Teils der Menschheit, der sich mit Fußball beschäftigt: das Tor. Die scheinbar simple geometrische Aufgabe, eine Kugel durch ein Rechteck zu befördern, wird vielen zur Quadratur des Kreises. Nehmen wir den VfB Stuttgart. Kein Team, außer dem FC Bayern, schießt häufiger aufs Tor. In jedem Heimspiel gibt es mehr als doppelt so viele Torschüsse ab wie der Gegner. Die Heimbilanz nach vier Partien: 91:34 Schüsse, 3:11 Tore, null Punkte.

          Ein Rätsel. Eines, das sich ausbreiten könnte. Es droht die Stuttgartisierung der Bundesliga: eine Spielklasse mit vielen gut trainierten, gut organisierten, lauffreudigen und taktisch alerten Teams - denen nur die Spezialisten für das Inkasso fehlen, fürs Eintreiben der Belohnung.

          Sie sind schon jetzt rar gesät, die coolen „Knipser“, und für die deutschen Klubs bald wohl immer schwerer zu kriegen oder zu halten - gegen Angebote aus England, wohin im Sommer bereits der Mainzer Okazaki und der Leverkusener Son wechselten. Die Klubs der Premier League, die von 2016 an in noch mehr TV-Geld schwimmen werden, haben die schlechtere Ausbildung, die geringere taktische Bandbreite - aber ein Faible für Torjäger und die Mittel, sie sich von überallher zu holen.

          Wohl nur noch zwei, drei Spitzenklubs werden ihre Stürmer weiter verteidigen können. Dortmund hielt Aubameyang gegen Avancen von Arsenal. Bayern erklärte Thomas Müller anlässlich unmoralischer Angebote aus Manchester für „unverkäuflich“. Dieses Gütesiegel dürfte nun auch für Robert Lewandowski gelten, nach seinen weltweit bestaunten fünf Toren in neun Minuten gegen Wolfsburg und weiteren zwei gegen Mainz.

          Spaniens Allzeit-Frage: Messi oder Ronaldo?

          Bisher hat die Bundesliga eine Tradition dafür, dass Torgefahr kein Monopol der Großen ist, dass also Torschützenkönige auch von kleineren bis mittleren Teams kommen konnten: wie der Frankfurter Alexander Meier in der Vorsaison, der Bochumer Theofanis Gekas 2007 oder der Nürnberger Marek Mintal 2005. Bei keinem ihrer vier Meistertitel der letzten sechs Jahre stellten die Bayern auch den besten Schützen.

          Das könnte sich in dieser Saison ändern - und einen Trend einleiten, wie ihn die beiden anderen Top-Ligen schon lange erleben. In England gab es seit 15 Jahren nur Torschützenkönige der fünf Top-Klubs. In Spanien heißt die Frage seit sechs Jahren nur: Messi oder Ronaldo?

          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android
          Neue App Der TAG jetzt auch auf Android

          Das neue Angebot für den klugen Überblick: Die wichtigsten Nachrichten und Kommentare der letzten 24 Stunden – aus der Redaktion der F.A.Z. – bereits über 100.000 mal heruntergeladen.

          Mehr erfahren

          Die Bayern zeigen aktuell die überragende Fähigkeit, die Abwehr eines Gegners mit den Außen Costa und Coman wie früher mit Robben und Ribéry auszuhebeln. In der Mitte warten die Endverwerter Lewandowski und Müller. Ein Spiel wie gemacht für Torjäger. Das hält bisher kein Gegner länger als eine Halbzeit aus. Die Bilanz der Bayern nach sieben Spielen, erste Spielhälfte: 4:3 Tore. Zweite Halbzeit: 19:0.

          Sind bald alle gefährlichen Stürmer in München, vielleicht noch ein paar in Dortmund und Schalke, sonst aber in England? Einen Coup, wie er etwa dem 1. FC Köln im Sommer mit der Verpflichtung von Anthony Modeste (bisher acht Tore in Liga und Pokal) für 4,5 Millionen Euro gelang, wird kaum noch einer landen können.

          Reiche Beute für den FC Ingolstadt

          Da bleibt nur die Hoffnung, dass sich das Tor-Rätsel manchmal von ganz allein löst - wie bei den Gladbachern, die nach dem Absturz auf Platz 18 binnen fünf Tagen genauso viele Tore wie Lewandowski schossen. Oder der listige Plan, das Rätsel einfach an den Gegner weiterzugeben. Vier Tore, elf Punkte, Platz sieben: Der FC Ingolstadt zeigt, wie man auch in Zeiten der Tor-Armut reiche Beute macht.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Wolfsburg bleibt weiter ungeschlagen

          1:1 gegen Hoffenheim : Wolfsburg bleibt weiter ungeschlagen

          Nach einer starken Anfangsphase und früher Führung gibt Hoffenheim das Spiel aus der Hand. Aber auch Wolfsburg kann das Chancenplus nicht verwerten – und verpasst den Sprung auf die Champions-League-Plätze.

          Jürgen Klopp zum Welttrainer gewählt

          Ehrung in Mailand : Jürgen Klopp zum Welttrainer gewählt

          Jürgen Klopp ist endgültig an der Weltspitze angekommen: In Mailand wurde der Coach vom FC Liverpool zum Welttrainer des Jahres gewählt. Und während Lionel Messi einen Rekord aufstellt, geht ter Stegen leer aus.

          Topmeldungen

          UN-Klimagipfel in New York : War das alles, Frau Merkel?

          Mit ihrem Klimapaket enttäuschte die Bundesregierung viele. Auch in New York steht Merkel unter Rechtfertigungsdruck. Sie verweist auf die Bevölkerung – und den Unterschied zwischen Politik und Wissenschaft.

          AKK in Amerika : Im Leer-Jet zum Pentagon

          Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer reist zum ersten Mal nach Washington. Ihr Terminplan überrascht – vor allem, wen sie alles nicht trifft.

          Pendlerpauschale : Habecks Eigentor

          Es sei doch sympathisch, wenn Politiker mal zugeben, dass sie keine Ahnung haben, heißt es. Das stimmt – bei Robert Habeck und der Pendlerpauschale aber ist es fatal.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.