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„Toni“ Sailer im Gespräch : „Wir haben die Musketier-Mentalität“

  • -Aktualisiert am

Ein Mann, ein Bart: Wenn „Toni“ Sailer auf dem Platz steht, ist es meist eine haarige Angelegenheit Bild: Arthur Schönbein

Eine Mischung aus Abenteuerfilm und Science-Fiction mit einer ordentlichen Prise Romantik: Im F.A.S.-Interview spricht Angreifer Marco „Toni“ Sailer über das Darmstädter Fußball-Märchen, die letzten zwei Spiele – und das mögliche ganz große Glück.

          4 Min.

          Marco „Toni“ Sailer, 29 Jahre alt, Stürmer, ist Publikumsliebling beim SV Darmstadt 98, dem Verein, der im Begriff ist, ein wahres Fußball-Märchen zu schreiben. Zwei Spieltage vor Ende der Saison liegt der Aufsteiger auf Platz zwei der zweiten Liga. Der Sprung in die Bundesliga, der nicht weniger wäre als eine Sensation, ist zum Greifen nah. Gewinnen die Darmstädter an diesem Sonntag in Fürth, und kommt Kaiserslautern gleichzeitig in Aue nicht über ein Remis hinaus, wären die Darmstädter schon am Ziel.

          Es soll Menschen geben, auch in Ihrer engsten Verwandtschaft, die am längsten Bart der Liga herummäkeln.

          Meine Mutter findet ihn nicht so cool. Ich habe ihn in der vorigen Saison schon mal wachsen lassen und musste ihn dann zu Weihnachten abnehmen, sonst wäre ich Heiligabend der Kirche verwiesen worden, hat meine Mutter gesagt. Andere meinen, ich hätte mal ein hübsches Gesicht gehabt, das jetzt verunstaltet ist. Viele sagen aber auch, dass er cool ist und den „Lilien“ Glück bringt.

          Wie ist es zu begreifen, was gerade beim SV 98 passiert?

          Es ist alles so unglaublich, so unwirklich, was da passiert. Wir steigen überraschend in die zweite Liga auf, kämpfen gegen den Abstieg, sind plötzlich oben dabei und zwei Spieltage vor Schluss immer noch mittendrin, nur halt in der Verlosung um das ganz große Glück - das ist unfassbar. Ich bin immer noch im Modus: Geil, wir spielen zweite Liga, da habe ich Bock drauf.

          Wie konnte es so weit kommen, dass die „Lilien“ diese Aufsteigergeschichte schreiben?

          Das Entscheidende war zu sehen: Hey, wir müssen nach dem Aufstieg ja gar nichts an unserer Spielweise ändern, es funktioniert ja auch in der zweiten Liga.

          Und dann?

          Über unsere Power, Kraft und Ausdauer braucht man nicht reden. Die sieht man jedes Wochenende - das sind Grundvoraussetzungen für unser Spiel. Dazu unsere Standardsituationen als Waffe. Und auch ein bisschen Glück. Braunschweig schlagen wir durch ein Tor in der 92. Minute. In Nürnberg hätten wir zur Pause 0:3 zurückliegen können, spielen aber 1:1. Auch für ein 0:0 auf dem Betzenberg brauchst du Glück.

          Gemeinsam sind sie stark: Die Darmstädter nach dem Sieg in Karlsruhe
          Gemeinsam sind sie stark: Die Darmstädter nach dem Sieg in Karlsruhe : Bild: dpa

          Und irgendwann hat sich dann eine Haltung breitgemacht: Uns kann keiner was?

          Ja, aber natürlich sagen wir vor jedem Spiel: Jungs, passt auf, die sind gut und können vermutlich auch besser Fußball spielen als wir! Beispiel Karlsruhe am vergangenen Montag: Da habe ich gedacht: „Kinder, Kinder, heute wird es richtig schwer, vor dem Ding müssen wir zittern.“ Dann geht das Spiel los und man merkt, dass wir voll da sind, dass wir Zugriff haben. Und dann denkt man: Wir sind so stabil, wir sind so aggressiv, wer will uns denn heute schlagen? Die Mischung aus diesem Selbstvertrauen und großem Respekt führt dazu, dass wir wach sind und kaum Fehler machen. Wir haben nach den Spielen, unabhängig vom Ergebnis, immer das Gefühl, dass wieder fast alles funktioniert hat. Dieses Gefühl hatte ich in meiner Karriere zuvor nie und hier jede Woche.

          Inwieweit ist das alles das Werk von Trainer Dirk Schuster?

          Er hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Er hat die Mannschaft zusammengestellt. Er hat festgelegt, welche Art Fußball wir spielen. Er lässt das spielen, was wir können, er ist mit seinem Trainerteam verantwortlich dafür, dass dieser Haufen Verrückter da gerade in Darmstadt zusammen auf dem Fußballplatz steht. Er gibt die Richtung vor und kann sich zu hundert Prozent auf uns Spieler verlassen. Dazu läuft er mit uns im Wald rum, als ob er Mitte 20 wäre. Er lässt uns viele Freiheiten, schwingt aber ab und zu auch mal den Hammer in der rechten Hand.

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