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Tommy Käßemodel : Wie ein Zeugwart plötzlich Profi wurde

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Zeugwart in Aue mit Spielervertrag: Tommy Käßemodel. Bild: Picture-Alliance

Tommy Käßemodel von Erzgebirge Aue gehört im Videospiel „Fifa 18“ zu den schlechtesten Profi-Fußballspielern der Welt. Dahinter steckt eine der skurrilsten Geschichten der zweiten Bundesliga.

          So viel Medieninteresse sind sie im beschaulichen Aue nicht gewöhnt. „Wir bekommen am Tag 25 Interviewanfragen zu dem Thema“, sagt der Pressesprecher von Erzgebirge Aue: „Aber Tommy Käßemodel möchte nicht darüber reden.“ Mit „darüber“ meint er eine der skurrilsten Geschichten der Zweiten Fußball-Bundesliga.

          Eigentlich stehen in Aue andere Akteure im Rampenlicht. Pascal Köpke etwa, der Sohn des Bundestorwarttrainers Andreas Köpke. Oder Martin Männel, seit neun Jahren Torwart der „Veilchen“. Doch seit das Videokonsolenspiel „Fifa 18“ Ende September veröffentlicht wurde, ist im Erzgebirge ein kleiner Hype ausgebrochen. Ein Hype um Tommy Käßemodel. In der Computersimulation wird der Neunundzwanzigjährige als einer der schlechtesten Fußballspieler weltweit geführt. 46 Fähigkeitspunkte von 100 schreiben ihm die Entwickler zu, lediglich eine Handvoll Spieler kommen ebenfalls auf einen derart niedrigen Wert. Beim Attribut Geschwindigkeit kommt Käßemodel, der im zentralen Mittelfeld spielt, gar nur auf 23 Punkte.

          Wie soll er sich auch verbessern, ganz ohne Training und Spielpraxis? Käßemodel ist Aues Mannschaftsbetreuer. Frühstücksbrötchen belegen, Trikots waschen, die Kabine vorbereiten, Trainingstage organisieren. Ginge es in „Fifa 18“ um diese Fähigkeiten, er wäre einer der Top-Akteure.

          Warum also hat Käßemodel im Juli 2016 überhaupt einen Profivertrag bei Aue unterschrieben? „Wir machen nichts Verbotenes“, sagt der Vereinssprecher, „wir halten uns nur an die Statuten.“ In Paragraph 5b („Lokal ausgebildete Spieler“) der „Lizenzordnung Spieler“ legt die Deutsche Fußball Liga (DFL) fest, dass jeder Erst- oder Zweitligaverein mindestens acht Profis unter Vertrag hat, die in Deutschland ausgebildet worden sind. Während das vergleichsweise leicht zu erfüllen ist, birgt eine andere Bedingung mehr Probleme.

          Mindestens vier dieser Profis muss der Verein selbst großgezogen haben. Sie müssen im Alter zwischen 15 und 21 Jahren drei Jahre lang für den Klub spielberechtigt gewesen sein. Verfügt ein Profi-Klub nicht über genügend Local Player, droht eine Vertragsstrafe gemäß des Lizenzvertrags, beispielsweise eine empfindliche Geldstrafe oder gar ein Punktabzug.

          Das Spielerprofil bei Fifa 18.

          Vor diesem Problem stand Erzgebirge Aue im Juli 2016: Es fehlten hoffnungsvolle Talente – mangels eines gut funktionierenden Nachwuchsleistungszentrums. Aues Glück: Betreuer Käßemodel erfüllte die Vorgaben der DFL, spielte jahrelang in der vereinseigenen Jugend, war 2012 sogar Kapitän des U-23-Teams. Als die Zeit vor dem Saisonstart knapp wird, handelten die Auer Verantwortlichen, verpflichteten ihn vom Landesliga-Klub FC Stollberg, für den Käßemodel zuletzt kickte, und statteten ihren Zeugwart mit einem Profivertrag aus.

          „Dass wir so eine Variante wählen, ist äußerst bedauerlich und eigentlich ein Armutszeugnis für uns“, sagte Präsident Helge Leonhardt seinerzeit. Der damalige Trainer Pavel Dotchev schmunzelte, als er darauf angesprochen wird, und sagte: „Wir werden das sicher nicht wiederholen. Aber für diese Saison ging es nicht anders.“

          Im Juli 2017 war Erzgebirge Aue das Problem noch immer nicht los: Tommy Käßemodel wird ein zweites Mal zum Schein-Spieler. Aber man möchte nicht mehr darüber reden, dem Zeugwart und seinem Arbeitgeber ist die Berühmtheit zunehmend unangenehm. Käßemodel streift sich nicht einmal ein Spielertrikot über für das Mannschaftsfoto. Er trägt wie der Rest des Betreuerstabs Weiß.

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