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Schalke 04 : Tönnies macht den Weg frei

  • -Aktualisiert am

Die Kohle ist verglüht: Clemens Tönnies gibt sein Amt bei Schalke 04 auf. Bild: dpa

Clemens Tönnies beugt sich dem Druck: Der Rücktritt als Aufsichtsratsvorsitzender des FC Schalke 04 und der Rückzug aus dem Verein waren überfällig. Für Schalke ist nun ein Neubeginn möglich. Der Nachfolger steht bereits fest.

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          Mit einem selbst für Insider ziemlich unerwarteten Schritt hat Clemens Tönnies am Dienstagnachmittag für die nächste und vielleicht schwerwiegendste Erschütterung inmitten dieser bewegten Wochen beim FC Schalke 04 gesorgt. Um 15.41 Uhr teilte der Bundesligaverein mit, dass der 64 Jahre alte Unternehmer sein Amt als Aufsichtsratsvorsitzender mit sofortiger Wirkung niederlegt. Dabei galt Tönnies eigentlich immer als großer Macher, als Mann, der nicht aufgibt, und auch als Freund der Macht, die er bis zuletzt verteidigt. Nun aber wurde am Abend sein bisheriger Stellvertreter Jens Buchta einstimmig zum Nachfolger bestimmt. Der 57 Jahre alte Rechtsanwalt gehört dem Gremium bereits seit 2006 an. Am Mittwoch will der Klub über die Neuausrichtung informieren.

          Die oftmals erbitterten Auseinandersetzungen mit seinem Neffen Robert um Einfluss im gemeinsamen Fleischkonzern sind ein beeindruckendes Zeugnis seines Machtbewusstseins, und auch auf Schalke gab es in Tönnies’ 26 Jahren als Chef im obersten Kontrollgremium mehrere Versuche von Revolutionären, den mächtigen Klubchef zu stürzen. Sie alle sind krachend gescheitert, auch weil Tönnies ein geschickter Taktierer ist.

          Es fing im vergangenen Sommer an

          Nun war die Situation aber wohl zu verworren, weil der Druck aus ganz unterschiedlichen Richtungen kam. „Wir wissen, wie schwer ihm diese Entscheidung gefallen ist, daher gebührt ihm unser höchster Respekt“, teilten die Vorstände Alexander Jobst und Jochen Schneider in einer gemeinsamen Erklärung mit, Tönnies hängt an diesem Klub. Allerdings wäre es nicht verwunderlich, wenn Schneider und Jobst, die beiden wichtigsten Leute im operativen Geschäft des Revierklubs, insgeheim aufatmen. Denn Clemens Tönnies ist in den vergangenen Wochen und Monaten zu einem immer größeren Problem für den Revierklub geworden.

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          Im vergangenen Sommer fabulierte der gelernte Fleischtechniker auf dem Tag des Handwerks über „die Afrikaner“ und deren Fortpflanzung, seither steht er unter dem Verdacht, ein Rassist zu sein. Nun laufen in allen Nachrichtensendungen Beiträge über die gruselige Realität der Billigfleischproduktion, weil sich in dem Fleischbetrieb des Großmetzgers mehr als tausend Menschen mit Corona infizierten und die ganze Nation plötzlich sieht, unter welch unwürdigen Bedingungen dort Menschen aus Osteuropa arbeiten müssen. Tönnies hat dort nach heutigem Kenntnisstand zwar keine Gesetze gebrochen, steht nun aber als Mann in der Öffentlichkeit, der skrupellos auf seinen persönlichen Vorteil schaut.

          Überfälliger Rücktritt

          Für einen Klub wie den FC Schalke 04, der sich als „Kumpel- und Malocherklub“ inszeniert, als Verein der kleinen Leute, ist dieser Mann der denkbar schlechteste Repräsentant überhaupt geworden. Am vergangenen Samstag protestierten rund 1000 Schalker unter dem Motto „Schalke ist kein Schlachthof – gegen die Zerlegung unseres Vereins“ für einen Neuanfang ohne Tönnies. Das muss den Aufsichtsratsvorsitzenden des Klubs getroffen haben. Menschen, die den Milliardär näher kennen, erzählen immer wieder, wie wichtig ihm Anerkennung und Zuneigung seien. So ließ er sich in den Monaten nach seiner rassistischen Äußerung einen Bart wachsen, um nicht mehr so leicht erkannt zu werden. Dass er nun zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate bundesweit in der Kritik steht, muss ihn sehr schmerzen. Diese menschliche Seite des großen Absturzes ist den Kritikern aber nun egal.

          Als überfällig bezeichnete Sebastian Hartmann, der SPD-Chef von Nordrhein-Westfalen, den Rücktritt. „Arbeiterverein, Solidarität und Tradition – dazu passte Clemens Tönnies mit seinem Geschäftsgebaren und den unsäglichen und menschenverachtenden Arbeitsbedingungen in seinen Schlachtbetrieben nicht“, sagte der 42 Jahre alte Politiker. „Der Schritt von Clemens Tönnies, zurückzutreten, war lange überfällig.“ Im Klub selbst sind die Töne versöhnlicher, denn die Tönnies-Jahre waren auch voller schöner Momente. „Clemens Tönnies hat ganz entscheidenden Anteil daran, dass sich der FC Schalke 04 in den vergangenen 26 Jahren als eines der sportlichen und wirtschaftlichen Schwergewichte in der Bundesliga etabliert hat“, erklärten Schneider und Jobst. Dieser Dank ist sicher aufrichtig, und doch ist klar, dass der gestürzte Klubchef eine Last für die Zukunft gewesen wäre.

          Der finanziell angeschlagene Bundesligaverein sieht eine Chance zum Neubeginn nämlich in einer Ausgliederung der Profi-Abteilung und dem Verkauf von Klubanteilen, die unter vielen Mitgliedern als Tabu gelten. Auch weil etliche Schalker fürchteten, Tönnies könne über den Erwerb solche Anteile noch mächtiger werden, ist der Rücktritt wichtig für die Zukunft des Klubs als modernes Fußballunternehmen. Denkbar ist sogar, dass das Bankenkonsortium, das dem FC Schalke knapp 40 Millionen Euro leihen soll, die Auszahlung des Kredites an einen Rückzug von Tönnies geknüpft hat. Oder das Land NRW seine Bürgschaft für einen Großteil der Summe. Dieses Geschäft hatte in den Stunden vor dem Tönnies-Rücktritt für Aufsehen gesorgt, denn das frische Geld ist essentiell für den Neubeginn auf Schalke. Auf vielen Online-Portalen erschienen Schlagzeilen mit dem bekannten Empörungsunterton über die „Staatshilfe“ für den Bundesligaverein: Jetzt bekommen die Millionäre aus dem Fußball auch noch Steuergelder!

          Druck der Straße: Die Fans machten zuletzt mobil.

          Interessant ist nun tatsächlich, an welche Bedingungen dieses Fangnetz geknüpft wird. Borussia Mönchengladbach durfte nach der Aufnahme seines staatlich abgesicherten Kredites für den Stadionbau im operativen Geschäft nur bis zu einem ganz bestimmten Betrag Schulden machen. Auf Schalke könnten die Gerüchte über die Gehaltsobergrenze von 2,5 Millionen Euro mit der Bürgschaft zusammenhängen oder eben der Wechsel an der Spitze des Aufsichtsrates. Am Mittwoch werden die Verantwortlichen auf einer Pressekonferenz genauer Auskunft geben.

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