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Tim Wiese : Solo für einen Macho

Was sagt Wiese? Der Torhüter hat in Hoffenheim seine Probleme Bild: dpa

Tim Wiese und die TSG Hoffenheim - das wirkt wie ein großes Missverständnis. Der eigenwillige Keeper mit dem Hang zum Einzelgänger bleibt sich auch vor dem Spiel gegen Schalke 04 (15.30 Uhr) im Misserfolg treu.

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          Am vergangenen Wochenende hat Tim Wiese seinen Schnitt in der Rubrik Gegentore verbessert. Wegen seiner vergleichsweise starken Leistung musste der Torhüter der TSG Hoffenheim in Mainz nur dreimal hinter sich greifen, 0:3 stand es am Ende. Statt zuvor 3,6 lautet der Durchschnittswert nach sechs Partien für seinen neuen Klub nun 3,5. Immerhin. Nach 21 Gegentoren in nur sechs Spielen - inklusive einer 0:4-Erstrundenniederlage im DFB-Pokal beim Regionalligaverein Berliner AK - versteht es sich allerdings von selbst, dass der 30 Jahre alte ehemalige Bremer Schlussmann die marginale Verbesserung nicht als Wende zum Besseren wertet.

          Daniel Meuren

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Stattdessen ist er wütend auf seine Vorderleute, die ihm dank ihrer dilettantischen Abwehrarbeit den Titel „Schießbude der Bundesliga“ eingebracht haben. „Kein Ehrgeiz, keine Power. Wir verstecken uns“, sagte Wiese über die Leistung seiner Mannschaft, mit der er am Samstag am zehnten Spieltag der Fußball-Bundesliga gegen Schalke 04 (15.30 Uhr / Live im FAZ.NET-Ticker) antritt. Das klang wie eine Abrechnung mit seinen Teamkollegen. Und wie das Eingeständnis, nach dem Auslaufen seines Vertrags bei Werder Bremen im Sommer die falsche Entscheidung für seine sportliche Zukunft getroffen zu haben. Beim Tabellenvierzehnten wartet er schließlich noch auf ein Erfolgserlebnis, bislang steht erst ein Punktgewinn zu Buche. Ausgerechnet während einer Verletzungspause hat sein Team die einzigen Saisonsiege errungen - mit Ersatztorwart Koen Casteels.

          Mehr und mehr drängt sich der Eindruck auf, dass die Verbindung zwischen dem seit Ende der Europameisterschaft nicht mehr für die Nationalmannschaft nominierten Schlussmann und dem badischen Provinzverein mit den großen finanziellen Möglichkeiten ein Missverständnis ist. Trainer Markus Babbel wollte mit der Verpflichtung des international erfahrenen Torhüters verkrustete Strukturen in seinem Team aufbrechen und mit dem prominenten Namen seine persönlichen Ambitionen bekräftigen - mit Wiese im Tor nämlich sollte sich die TSG fürs internationale Geschäft qualifizieren.

          Verschnupft: Tim Wiese ist zur Schießbude der Liga geworden

          Zugleich hat Babbel allerdings Wieses Vorgänger Tom Starke verprellt. Der Schlussmann war einer der wenigen Spieler, denen man die Zuneigung zum Verein aus dem Kraichgau abnahm. Gerade in der vergangenen Spielzeit trug Starke entscheidend zum Schulterschluss im Team bei, der zum Klassenverbleib so nötig war. Nach Wieses Verpflichtung flüchtete die bodenständige Integrationsfigur zu Bayern München, wo Starke inzwischen Ersatztorhüter von Manuel Neuer ist.

          Kritik am Kapitän

          Sein Nachfolger in Hoffenheim polarisiert indes seit eh und je. Mit Auftreten zwischen übersteigertem Selbstbewusstsein und Überheblichkeit hat er sich den Ruf eines der letzten Machos neben all den Schwiegermütter-Lieblingen in den++ deutschen Toren redlich verdient. Zudem war er schon zu Bremer Zeiten ein bekennender Einzelgänger mit dem Auftreten eines „lonely cowboy“. Nicht nur die neuen Mitspieler fragen sich deshalb, wie ihr Trainer auf die Idee kam, ausgerechnet Wiese zum Spielführer zu küren. „Markus Babbel wird seinen Grund gehabt haben, mich zum Kapitän zu machen“, sagt Wiese. „Ich habe Erfahrung und einiges erreicht.“

          Startorhüter in der Provinz: Wiese beim Autogrammeschreiben

          Mancher bemängelt freilich, dass der Spielführer während seiner mehrwöchigen Verletzungspause zwei Heimspielen seines Teams fernblieb, was für einen Kapitän nicht angemessen sei. „Es gab eine Absprache mit der sportlichen Leitung und der medizinischen Abteilung“, sagt der Torhüter. „Daran habe ich mich gehalten, um so schnell wie möglich wieder fit zu sein.“ Immerhin war es am vergangenen Wochenende Wiese, der seine Mitspieler vor dem Anpfiff zu einer kurzen Ansprache im Kreis um sich herum versammelte. Die Worte blieben aber ohne Wirkung, denn anschließend trat die TSG so leblos auf, dass die Zukunft von Trainer Babbel womöglich schon an diesem Samstag gegen Schalke auf dem Spiel steht.

          Old School?

          TSG-Manager Andreas Müller empfahl seinem Top-Verdiener derweil, in der Kabine auf die Mitspieler zuzugehen. „Er ist der Manager, die Aussagen stehen ihm zu“, sagt Wiese. „Ich denke, er wollte mich anstacheln, noch mehr Verantwortung zu übernehmen. Das mache ich, auf dem Platz und außerhalb.“

          Als ob die hausgemachten Schwierigkeiten in Hoffenheim nicht schon genug wären, so durfte sich Wiese kürzlich auch noch einige Sätze seines ehemaligen Bremer Vorgesetzten Klaus Allofs anhören. Der bezeichnete dessen Nachfolger Sebastian Mielitz wegen seiner besseren fußballerischen Fähigkeiten als geeigneter für den Bremer Kombinationsfußball. Dadurch entzündete sich wieder die alte Diskussion, ob der bei Torwarttrainer Gerry Ehrmann in Kaiserslautern ausgebildete Schlussmann mit dem Hang zum extrovertierten Auftritt überhaupt ein zeitgemäßer Schlussmann ist. In der Nationalmannschaft bekam er auch wegen dieser Vorbehalte nie wirklich die Chance zur Bewährung. Im August verkündete Bundestrainer Joachim Löw schließlich seinen - zumindest vorläufigen - Verzicht auf die Dienste des sechsmaligen Nationalspielers Wiese, um jüngeren Kollegen Chancen zur Bewährung zu ermöglichen.

          Bester Mann: In Mainz verhinderte Wiese gar noch Schlimmeres als ein 0:3

          Wiese wurde somit indirekt attestiert, dass kein Wert mehr auf einen Schlussmann alter Schule gelegt wird. „Moderner Torwart, Old-School-Torwart, was ist das? Mit diesen Begriffen kann ich nichts anfangen“, sagt Wiese.

          Tatsächlich gibt es für ihn einen Hoffnungsschimmer, der die Geschichte des Torhüters von der traurigen Gestalt um eine erstaunliche Pointe erweitern könnte. Angeblich hat José Mourinho wie schon im Sommer noch immer ein gewisses Interesse, Wiese zu Real Madrid zu holen. Auch der Portugiese ist ja in vielen Dingen „Old School“ und stur genug, notfalls auch die „Schießbude der Bundesliga“ zu verpflichten.

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