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Thurks Wechseltheater : Der letzte Abschied

  • -Aktualisiert am

Die Zeit der Zweisamkeit ist vorbei: Klopp und Thurk werden sich wohl aus dem Weg gehen Bild: AP

Der Wechsel des Angreifers Michael Thurk vom FSV Mainz 05 zum Erzrivalen Eintracht Frankfurt kann nur noch an der Ablösesumme scheitern. Sein alter Klub versteht die Welt nicht mehr, legt dem Querulant aber auch keine Steine in den Weg.

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          Was ist los in Mainz? Auch das Testspiel gegen den Regionalligaverein Sportfreunde Siegen ging am Samstag 0:1 verloren. Das ginge noch, aber nun hat auch das Theater um Stürmer Michael Thurk einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Aufführung changiert zwischen Drama und Komödie, zwischen traurig und lächerlich. Am Wochenende kündigte der Mainzer Manager Christian Heidel an, den aufsässigen Stürmer trotz eines gültigen Vertrages ziehen zu lassen:

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Michael hat uns gesagt, daß er unbedingt wegwill. Da dies nicht in unsere Auffassung von Harmonie und Miteinander paßt, werden wir ihn wohl ziehen lassen.

          Eigenartige Vorgeschichte

          Hört sich an wie ein normaler Vorgang im Geschäftsleben Fußball-Bundesliga, hat aber eine eigenartige Vorgeschichte. Mitte vergangener Wochen nämlich waren die Unstimmigkeiten zwischen Thurk und dem Verein nach einem einstündigen Krisengespräch im Trainingslager in Bad Gögging nach offizieller Verlautbarung ausgeräumt worden. Thurk, dreißig Jahre alt, hatte sich zuvor von den Mainzer Funktionären "belogen" gefühlt, da diese ihn angeblich nicht über vermeintliche Anfragen von Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt unterrichtet hätten. Man habe ihn an der Nase herumgeführt, klagte Thurk, um nach dem Gespräch mit Heidel wieder zurückzurudern und die Sache für erledigt zu erklären. Doch die Ruhe trog, der Ärger kochte weiter, und am Wochenende gab Heidel die bevorstehende Trennung bekannt - vorausgesetzt, die Kasse stimmt.

          Im Gespräch ist eine Ablösesumme in Höhe von 1,5 bis zwei Millionen Euro. Die Richtung, in die es Thurk zieht, ist pikant: ausgerechnet zum Mainzer Nachbarn und Lieblingsrivalen Eintracht Frankfurt, dessen Trainer Friedhelm Funkel den Stein ins Rollen brachte, als er Thurk vor Wochen anrief, um seine Bereitschaft zu einem Wechsel zu erfragen. Das war damals nicht die feine hessische Art gewesen, und nun, da in Mainz große Aufregung herrscht, sagt der Frankfurter Trainer, man habe es überhaupt nicht eilig mit einer Verpflichtung von Thurk, man "lasse alles auf sich zukommen" und habe auch noch andere Optionen. Zufrieden mit der Mainzer Entscheidung, den Stürmer ziehen zu lassen, war Thurks Manager Klaus Gerster. "Der Verein hat dem Wunsch des Spielers entsprochen."

          Was ist mit dem Publikumsliebling nur los?

          In Mainz fragen sie sich, was mal wieder in den Publikumsliebling gefahren ist. Schon einmal hatte er, wenn auch unter anderen Umständen, mit einem Abschied für Wirbel am Bruchweg gesorgt. Als sein Vertrag 2004 nicht frühzeitig verlängert worden war, schoß er die Mainzer noch zum Aufstieg, um dann nach Cottbus zu wechseln, wo er einen Vertrag unterzeichnet hatte. Es war ein rundum mißglückter Ausflug, nach einem halben Jahr kehrte er zurück, wobei er von den 200.000 Euro Transfersumme 50.000 Euro aus eigener Tasche bezahlte. Den Betrag haben ihm die Mainzer später als Extrabonus überwiesen - für herausragende Leistungen.

          Am Bruchweg kam er nach seiner Rückkehr unter Trainer Jürgen Klopp wieder auf die Beine, in der vergangenen Saison schoß er zwölf Tore und bereitete sieben Treffer vor, die Zuschauer lagen ihm zu Füßen, der Mann mit der Nummer 27 auf dem Trikot bekam vor jedem Spiel den meisten Beifall. "Michael hat gesagt, daß sich jetzt mehrere Vereine bei uns melden würden. Ich bin mal gespannt", sagte Manager Heidel. "Der Wechsel muß auf jeden Fall im Laufe dieser Woche über die Bühne gehen, schließlich müssen wir für Ersatz sorgen." Thurk gibt sich derweil ganz cool, ganz abgeklärt, ganz Profi. Keine Spur mehr von Mainzer Fußball-Romantik:

          Ja, es gab Probleme mit dem Verein. Der Hauptgrund ist aber, daß ich mit dreißig Jahren noch mal etwas Neues machen will. Ich bin Mainz nichts schuldig, habe viele Tore geschossen und dazu beigetragen, daß wir die Klasse gehalten haben.

          Fußball im „Ninja“-Stil

          Michael Thurk fährt gern Motorrad, ein giftgrünes Modell mit dem martialischen Namen "Ninja". Seine Lieblingsstrecke ist die Autobahn zwischen Frankfurt und Darmstadt, sie ist vierspurig ausgebaut und erlaubt extreme Geschwindigkeiten, wenn nicht gerade wie jetzt wegen hitzebedingter Straßenschäden ein Tempolimit gilt. Der Ninja-Stil ist auch seine Art, Fußball zu spielen: Thurk dreht immer am Gashahn, er kämpft, er grätscht, er ist ein Meister des Forecheckings, wie geschaffen für die aggressive Taktik, mit der Klopp in Mainz Fußball spielen läßt. Thurk ist nicht zu zähmen, nicht im Spiel und nicht im richtigen Leben.

          Der Straßenfußballer aus dem Frankfurter Gallusviertel weiß, wieviel er Klopp und Mainz zu verdanken hat, und trotzdem stößt er alle ein zweites Mal vor den Kopf. Warum? Will er mehr Geld? Will er eine spielstärkere Mannschaft? Will er in den Uefa-Cup? Wie aber kommt er auf die Idee, in Frankfurt oder anderswo eine ähnliche Rolle spielen zu können wie in Mainz? Wagen wir die Prognose: Er wird wieder scheitern, nichts spricht dafür, daß er in einem anderen System als dem der Mainzer ähnliche Erfolge feiern könnte. Und nicht viel spricht dafür, daß die Mainzer ihrem sprunghaften Angreifer noch irgendeine Form von Verständnis entgegenbringen. FSV-Präsident Harald Strutz nimmt den Fall persönlich:

          Ich bin enttäuscht von Michael Thurk. Ich bin enttäuscht darüber, daß er so schnell vergessen hat, was wir für ihn getan haben. Ich hätte das, ehrlich gesagt, nicht für möglich gehalten. Ich finde, daß er bei allen sportlichen Verdiensten nicht das Recht hat, uns derart hart anzugehen. Und ich kann nicht nachvollziehen, warum er sich seinen Namen bei den Fans kaputtmacht.

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