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FC Bayern in Corona-Krise : „Radio Müller“ in der Sendepause

Thomas Müller möchte endlich wieder mit den Kollegen zurück auf den Platz. Bild: dpa

Es gibt kaum jemanden, der vor, nach und vor allem in einem Fußballspiel mehr redet als Thomas Müller. Wegen der Corona-Pause ist das derzeit nicht so leicht. Zu sagen hat der Bayern-Spieler aber dennoch etwas.

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          Sein Entdecker Hermann Gerland nennt ihn gern „Radio Müller“. Es gibt kaum jemanden, der vor, nach und vor allem in einem Fußballspiel mehr redet als Thomas Müller. Sollte die Bundesliga ihren Betrieb im Mai oder später fortsetzen können, wird man ihn wohl im ganzen Stadion hören können, eine ganz neue akustische Vorstellung.

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          Christian Eichler
          Sportkorrespondent in München.

          „Die Geisterspiele werden für mich Neuland“, erzählt der ewige Bayer in einem Video-Chat zwei Tage nach seiner Vertragsverlängerung bis 2023. „Ohne Feedback von außen, ohne Atmosphäre.“ Für diese Situation habe er sich „noch keine wirkliche Strategie zurechtgelegt“. Fürs Erste behilft Müller sich mit der Imagination, „dass es wie beim Abschlusstraining vor einem Champions-League-Spiel sein könnte“ – bei jener Generalprobe, die üblicherweise am Vorabend europäischer Partien im leeren Stadion stattfindet. „Da will man auch das Abschlussspiel gewinnen“, weiß Müller. Und folgert für den Ernstfall Geisterspiel: „Der Ehrgeiz wird nicht leiden.“

          Ob der Heimvorteil im Fußball in leeren Arenen verschwinde, ja ob er in Wirklichkeit auch in vollen Arenen überhaupt existiere, da ist sich Müller nicht ganz sicher. Den Vorteil sieht er auf Seiten der Mannschaft, die die ungewohnte Situation „am schnellsten und besten akzeptiert und die höchste Qualität auf den Platz bringt“. Es klingt durch, dass er damit sein eigenes Team meint: „Ich sehe unsere Mannschaft auch im internationalen Vergleich aktuell sehr gut aufgestellt.“ Es gebe gerade in Europa keine „Übermannschaft“. Der FC Liverpool habe einen starken Lauf gehabt, sei aber aus der Champions League ausgeschieden. Müllers Prognose nach bisher starken Darbietungen im Jahr 2020: „Ich sehe unseren Kader ganz oben mit dabei.“

          Hätte der Serienmeister nach der abermaligen Herbstkrise die Kurve schon früher gekriegt, noch mit dem alten Trainer Niko Kovac – die Wege von Müller und dem FC Bayern, zu dem er laut Präsident Herbert Hainer gehört „wie das Oktoberfest zur Stadt München“, wären nach zwanzig von dreißig Lebensjahren und zwanzig von hundertzwanzig Klubjahren wohl auseinandergegangen. „Die Gefühlslage im Herbst war ziemlich angespannt. Da hatte ich nicht im Sinn, im Frühjahr unbedingt den Vertrag zu verlängern“, offenbart Müller. Nachdem Kovac ihn sechs Spiele nacheinander, trotz englischer Wochen und der dann üblichen Rotation, nicht mehr für die Startelf nominiert hatte, sah er sich „gefühlt komplett außen vor“. Wäre das Team da erfolgreich und seine eigene Rolle unverändert geblieben, „hätte auch wahrscheinlich der FC Bayern damit leben können, sich mit dem Gedanken zu beschäftigen, mich abzugeben“, sagt Müller. Und beendet dieses für jeden Bayern- und Müller-Fan bedrohlich klingende Konjunktiv-Szenario mit einem Fakt, der alles wieder zurechtrückt: „Aber wir waren eben nicht erfolgreich.“

          Mit Hansi Flick, der Kovac ablöste, ist der Erfolg zurückgekommen, spielen die Bayern wieder Bayern-Fußball, spielt Müller wieder die Müller-Rolle. Mit dem breiten, schelmischen Lächeln, das so unverwechselbar ist wie seine Laufwege und Sprüche, fasst der Publikumsliebling es so zusammen: „Ich kann dem Spiel wieder mehr diesen Thomas-Müller-Stempel aufdrücken.“

          Doch all das sind ja schon Beschreibungen der Vergangenheit. Sie endete vor fünf Wochen mit dem Sieg über den FC Augsburg in der wie immer vollen Münchner Arena. Wird das auch in der in frühestens vier Wochen beginnenden, vorerst menschenleeren Zukunft der Bundesliga so bleiben? Da hat der Fußballstar Müller auch nicht mehr Gewissheiten als andere Menschen in dieser Zeit. Durch die Corona-Krise sei man in einer „Ausnahmesituation nicht nur für den Fußball“. Der Gefühlszustand, der daraus resultiert? „So ein bisschen in der Schwebe.“

          Was Müller in diesem Schwebezustand am meisten fehlt, sind nicht die Zuschauer, es sind die Kollegen. Sind die fröhlichen Vertraulichkeiten der Kabine, die internen Späße und Frotzeleien, in denen erwachsene Fußballer sich eine kindliche Lockerheit bewahren. „Am meisten fehlt das Mannschaftsleben, das Kabinenleben“, sagt Müller. „Das, wofür ja auch der Hobbysportler in einen Verein geht.“

          Immerhin, nach drei Wochen Trockenübungen zu Hause, als deren Resultat Müller sich eine „besonders gut trainierte Bauchmuskulatur“ attestiert, ist man nun wieder am Ball und auf dem Rasen an der Säbener Straße, allerdings nur im Training in Kleingruppen, die einander aus der vorgeschriebenen Distanz grüßen. „Der richtige Kabinenflachs fehlt noch ein bisschen“, bemängelt die Stimmungskanone vom Dienst. Zumindest das ist wohl nur eine Frage der Zeit: bis Radio Müller wieder auf Sendung geht.

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