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Fußball-Bundesliga : Das Stuttgarter Glück mit der letzten Chance

  • -Aktualisiert am

Bundesligareif: Thommy umkreist von Stuttgarter Größen Bild: dpa

Das Selbstverständnis des VfB Stuttgart, mit „jungen Wilden“ zu reüssieren, ist Geschichte. Der erst verschmähte Trainer Korkut punktet derzeit mit einst abgestempelten Profis.

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          Tayfun Korkut machte bei seiner Vorstellung als neuer VfB-Trainer Ende Januar keinen souveränen Eindruck. Er wirkte äußerst zurückhaltend, vorsichtig in seiner Wortwahl, fahrig, beinahe nervös. Die Umstände seiner Verpflichtung waren ungewöhnlich. Er galt nicht als Wunschkandidat von Sportvorstand Michael Reschke. Dennoch brach Korkut seinen Aufenthalt in der Türkei ab, reiste nach der ersten Kontaktaufnahme nach Stuttgart und nahm nach „intensiven Gesprächen“, wie er selbst sagt, die Aufgabe an. Er kenne den Verein gut, sagte er damals, deshalb habe er nicht lange überlegen müssen. Die Fans protestierten. Kein neuer Trainer wurde derart kritisch vom VfB-Umfeld aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt standen die Stuttgarter mit 20 Punkten auf dem 14. Tabellenplatz. Die Schwaben sahen sich auf dem direkten Weg zurück in die zweite Liga.

          Sechs Wochen später steht der Nachfolger von Hannes Wolf wieder Rede und Antwort. Korkut, ganz in Schwarz, sitzt in der obligatorischen Pressekonferenz vor dem Spiel gegen RB Leipzig an diesem Sonntag (15.30 Uhr / Live bei Sky und im Bundesliga-Liveticker bei FAZ.NET). Fragen prasseln auf ihn nieder. Die Antworten sitzen. Korkut lächelt mitunter. Unter seiner Regie gelangen dem Team vier Siege in fünf Spielen. Der VfB hat sich auf den neunten Rang vorgearbeitet. Zu den Abstiegskandidaten um Köln, Hamburg, Mainz, Wolfsburg, Bremen und Freiburg gehört der Verein vom Cannstatter Wasen eigentlich nicht mehr. Auch die Fans scheinen besänftigt. Nach dem 3:2-Erfolg in Köln am vergangenen Wochenende sangen einige von ihnen auf der Tribüne: „Mit Korkut in die Champions League.“ Ganz so weit werden es die Stuttgarter Profis in dieser Saison wohl nicht schaffen. Aber der Aufschwung ist nicht von der Hand zu weisen. Und er ist direkt verknüpft mit Korkut. Der 43-Jährige widerlegt derzeit seine Kritiker im wohl wichtigsten Moment seiner Karriere. In Hannover hatte er sich nur etwas mehr als ein Jahr halten können, in Kaiserslautern schmiss er nach rund sechs Monaten hin und in Leverkusen war nach knapp vier Monaten Schluss. Korkuts Zukunft schien besiegelt. Bis Stuttgart winkte. Der VfB ist seine letzte Chance, als Bundesligatrainer Fuß zu fassen. Bislang nutzt er sie.

          Erik Thommy, im Winter vom FC Augsburg zum VfB gekommen, befindet sich in einer ähnlichen Situation. Er konnte sich nicht durchsetzen bei den bayerischen Schwaben, war zwischenzeitlich an Kaiserslautern und Jahn Regensburg ausgeliehen, musste in der zweiten und dritten Liga Erfahrungen sammeln. Gegenüber dieser Zeitung beschreibt der 23 Jahre alte Mittelfeldspieler diese Erfahrungen als wertvoll, seine Entwicklung als Profi sei „wie gewünscht“ verlaufen. In Stuttgart bietet sich nun die vielleicht letzte Gelegenheit, seine Bundesligatauglichkeit zu beweisen. Unter der Anleitung von Korkut hat sich Thommy in den vergangenen Wochen zu einem der besten Spieler des Kaders entwickelt. Kaum einer verkörpert den neuen Erfolg der Stuttgarter mehr als der technisch versierte Thommy, der noch von Korkuts Vorgänger Wolf für eine halbe Million Euro verpflichtet worden war. „Mit einem neuen Trainer fängt vieles wieder bei null an. Jeder kann sich durch Trainingsleistungen in den Vordergrund spielen. Diese Situation habe ich angenommen und Einsatzzeiten bekommen“, sagt der gebürtige Ulmer: „Es ist für mich der logische nächste Schritt meiner Entwicklung.“

          Korkut und Thommy: im Geiste vereint. Damit sind sie nicht allein. Gegenwärtig stehen im Kader der Stuttgarter mehrere Spieler, deren Karrieren sich dem Ende zuneigten. Mario Gómez, Andreas Beck, Holger Badstuber, Dennis Aogo: Sie alle überzeugten zuletzt durch Konstanz und mit ihrer Erfahrung, wenngleich sie nicht immer über 90 Minuten ihr Niveau halten können. Korkut vertraut ihnen, setzt sie als Stützen seiner taktischen Grundordnung ein. Das Selbstverständnis des VfB, mit „jungen Wilden“ zu reüssieren beim Comeback in der Bundesliga, ist Geschichte.

          Im Moment punktet ein Ensemble mit Sinn für die letzte Chance. Badstuber, inzwischen 28 Jahre alt, will sich nach seinen schweren Verletzungen im Stuttgarter Schaufenster noch einmal empfehlen für höhere Aufgaben. Thommy steht mit 23 Jahren trotz der Karrierekurven die Fußball-Welt aus seiner Sicht noch offen. Zumindest weiß er mit Korkut einen Förderer hinter sich, der gerne an seinen Spielern festhält. Falls das Vertrauen des Coaches weiterhin zu Vorlagen und Toren führt, werden Korkut und Thommy nach der Saison gerne Bilanz ziehen über ihre gemeinsame Zeit beim VfB, über die große Kunst, unter Druck die letzte Chance zu nutzen. Sie werden lächeln.

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