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Taktik : Die verkappten Spielmacher

  • -Aktualisiert am

Den Ligapokal hat er bereits: Torsten Frings Bild: AP

„Sechser“ oder „Doppel-Sechs“: Die Liga setzt auf defensive Mittelfeldspieler. Allrounder wie der Bremer Torsten Frings agieren als Abräumer vor der Abwehr und bestimmen den Rhythmus ihrer Teams.

          Für seine Leistungen während der Weltmeisterschaft erhielt Torsten Frings große Anerkennung. Mit der Bewertung "Weltklasse" bedachte das Fachmagazin "Kicker" den gebürtigen Aachener kürzlich in der Rangliste für die Position "Mittelfeld defensiv". In sechs WM-Spielen interpretierte Frings die Position sechs vorbildlich, doch bei Werder Bremen muß der 29 Jahre alte Fußballprofi wieder umdenken.

          Trainer Thomas Schaaf probierte vor Saisonbeginn ein System mit zwei defensiven Mittelfeldspielern aus, kehrte aber zum bewährten Vierer-Mittelfeld, aufgefächert zur Raute, zurück. Dort füllt Frank Baumann wieder die Rolle des "Sechsers" aus. Frings übernimmt im Mittelfeld-Rhombus die rechte Position. "In diesem System haben wir erfolgreich gespielt", sagt Frings und akzeptiert, im Verein anders zu agieren als im Nationalteam.

          Verkappte Spielmacher

          Während der WM rückte die zentrale Position vor der Abwehr in den Blickpunkt. Das Turnier ließ innovative taktische Strategien vermissen. Viele Experten analysierten zwar, daß dem "Sechser" eine höhere Bedeutung als früher zukomme, aber diese Entwicklung sei nicht neu. In Deutschland hat sich das Interesse bisher meist auf die Position des "Zehners" gerichtet, wo Regisseure das Offensivspiel prägten, bevor dichte Abwehrketten die Kreativität in diesen Räumen erstickten. Inzwischen verrichten weiter hinten verkappte Spielmacher ihre Arbeit, die, vor den Abwehrspielern aufgestellt, den Rhythmus ihrer Teams bestimmen. In der Bundesliga stehen dort oft Akteure, die eher selten ins Rampenlicht geraten, aber besondere Wertschätzung genießen.

          Nigel de Jong (Hamburg), Owen Hargreaves (FC Bayern), Fabian Ernst (Schalke), Sebastian Kehl (Dortmund) und Baumann (Bremen) gehören zu dieser "Spezies". In einigen Vereinen werden in der neuen Spielzeit dort neue Gesichter erscheinen. In Stuttgart soll Pavel Pardo, WM-Teilnehmer mit Mexiko, Zvonimir Soldo ersetzen. Nürnberg holte Tomas Galasek, WM-Teilnehmer mit Tschechien, für den Job. Wolfsburg verpflichtete Jonathan Santana wegen der Fähigkeit, ein Spiel von hinten zu lenken. Trainer Klaus Augenthaler wünscht, daß der Argentinier spielt "wie Ballack bei der WM".

          „Wie Ballack bei der WM“

          Nicht Frings, sondern Ballack habe eigentlich die neue Schlüsselposition in der Nationalelf innegehabt, analysierte Ottmar Hitzfeld nach der WM. "Ballack hat eine Nummer sechs gespielt und sich zum Spielgestalter entwickelt", sagte der frühere Meistertrainer. Mit dem Rückzug des Kapitäns aus dem vorderen Mittelfeld sei die Defensive stabilisiert worden. "Ballack sorgte auch dafür, daß Frings eine gute WM spielte", erklärte Hitzfeld. Auch Jürgen Klopp, der bei der WM zum taktischen Aufklärer der Nation aufstieg, entdeckte viele Teams "mit der Doppel-Sechs". In diesen Paaren defensiver Mittelfeldspieler habe einer die Aufgabe besessen, "abzuräumen und das Defensivverhalten zu organisieren", der andere sei "meist mit starken offensiven Qualitäten einer Zehner- oder der Achterposition" ausgestattet gewesen. Neben Ballack/Frings hätten die Paare Gattuso/Pirlo (Italien) und Maniche/Costinha (Portugal) diesen Trend besonders eindrucksvoll unterstrichen, sagte der Mainzer Trainer.

          Auch in der Bundesliga wird die "Doppel-Sechs" praktiziert. In Leverkusen teilen sich Simon Rolfes und Carsten Ramelow die Aufgabe im defensiven Mittelfeld, bei Hannover könnte es auf ein Gespann Hanno Balitsch und Altin Lala hinauslaufen, auch in Gladbach stehen mit Eugen Polanski und Peer Kluge zwei geeignete Profis zur Verfügung. Bei Bielefeld könnten Thorben Marx und Rüdiger Kauf, bei Bochum Thomas Zdebel oder Christoph Dabrowski, in Cottbus Mariusz Kukielka und Tomasz Bandrowski den Dienst vor der Abwehr verrichten - entweder allein oder im Duett. Bei Wolfsburg soll Santana Tom van der Leegte assistieren. In Schalke kann Zlatan Bajramovic anstatt oder gemeinsam mit Ernst antreten.

          Fahndung nach der Ideallösung

          In Mainz setzt Klopp mit Milorad Pekovic auf eine Alleinlösung, wie dies auch Aachen mit Reiner Plaßhenrich bevorzugt. Dies deutet sich auch bei Frankfurt mit Michael Fink an, wobei mit Jermaine Jones, Christoph Preuß und Benjamin Huggel weitere Kandidaten im Kader stehen. Einige Trainer fahnden noch nach der Ideallösung: Bei Hertha BSC spielten in den Tests Sofian Chaled, Pal Dardai oder Andreas Schmidt im defensiven Mittelfeld, in Hamburg freut sich Thomas Doll über "viele Sechser im Kader, die zudem alle variabel einsetzbar sind", und meint neben de Jong Raphael Wicky und Guy Demel.

          Führungsqualitäten müssen die "Sechser" besitzen, die ihre Bezeichnung aus der Nummernverteilung des früher praktizierten "WM"-Systems beziehen. Frings hat sich die leitenden Fähigkeiten erarbeitet. Als kompletter Allrounder, der bei der WM 2002 rechter Außenverteidiger spielte und bei Werder früher auch hinter den Spitzen agierte, stört es ihn nicht, wenn er nächsten Sonntag für Bremen in Hannover eine andere Aufgabe erfüllen muß als vier Tage später in Gelsenkirchen im Länderspiel gegen Schweden.

          Von Gregor Derichs

          Frankfurt. Für seine Leistungen während der Weltmeisterschaft erhielt Torsten Frings große Anerkennung. Mit der Bewertung "Weltklasse" bedachte das Fachmagazin "Kicker" den gebürtigen Aachener kürzlich in der Rangliste für die Position "Mittelfeld defensiv". In sechs WM-Spielen interpretierte Frings die Position sechs vorbildlich, doch bei Werder Bremen muß der 29 Jahre alte Fußballprofi wieder umdenken. Trainer Thomas Schaaf probierte vor Saisonbeginn ein System mit zwei defensiven Mittelfeldspielern aus, kehrte aber zum bewährten Vierer-Mittelfeld, aufgefächert zur Raute, zurück. Dort füllt Frank Baumann wieder die Rolle des "Sechsers" aus. Frings übernimmt im Mittelfeld-Rhombus die rechte Position. "In diesem System haben wir erfolgreich gespielt", sagt Frings und akzeptiert, im Verein anders zu agieren als im Nationalteam.

          Während der WM rückte die zentrale Position vor der Abwehr in den Blickpunkt. Das Turnier ließ innovative taktische Strategien vermissen. Viele Experten analysierten zwar, daß dem "Sechser" eine höhere Bedeutung als früher zukomme, aber diese Entwicklung sei nicht neu. In Deutschland hat sich das Interesse bisher meist auf die Position des "Zehners" gerichtet, wo Regisseure das Offensivspiel prägten, bevor dichte Abwehrketten die Kreativität in diesen Räumen erstickten. Inzwischen verrichten weiter hinten verkappte Spielmacher ihre Arbeit, die, vor den Abwehrspielern aufgestellt, den Rhythmus ihrer Teams bestimmen. In der Bundesliga stehen dort oft Akteure, die eher selten ins Rampenlicht geraten, aber besondere Wertschätzung genießen.

          Nigel de Jong (Hamburg), Owen Hargreaves (FC Bayern), Fabian Ernst (Schalke), Sebastian Kehl (Dortmund) und Baumann (Bremen) gehören zu dieser "Spezies". In einigen Vereinen werden in der neuen Spielzeit dort neue Gesichter erscheinen. In Stuttgart soll Pavel Pardo, WM-Teilnehmer mit Mexiko, Zvonimir Soldo ersetzen. Nürnberg holte Tomas Galasek, WM-Teilnehmer mit Tschechien, für den Job. Wolfsburg verpflichtete Jonathan Santana wegen der Fähigkeit, ein Spiel von hinten zu lenken. Trainer Klaus Augenthaler wünscht, daß der Argentinier spielt "wie Ballack bei der WM".

          Nicht Frings, sondern Ballack habe eigentlich die neue Schlüsselposition in der Nationalelf innegehabt, analysierte Ottmar Hitzfeld nach der WM. "Ballack hat eine Nummer sechs gespielt und sich zum Spielgestalter entwickelt", sagte der frühere Meistertrainer. Mit dem Rückzug des Kapitäns aus dem vorderen Mittelfeld sei die Defensive stabilisiert worden. "Ballack sorgte auch dafür, daß Frings eine gute WM spielte", erklärte Hitzfeld. Auch Jürgen Klopp, der bei der WM zum taktischen Aufklärer der Nation aufstieg, entdeckte viele Teams "mit der Doppel-Sechs". In diesen Paaren defensiver Mittelfeldspieler habe einer die Aufgabe besessen, "abzuräumen und das Defensivverhalten zu organisieren", der andere sei "meist mit starken offensiven Qualitäten einer Zehner- oder der Achterposition" ausgestattet gewesen. Neben Ballack/Frings hätten die Paare Gattuso/Pirlo (Italien) und Maniche/Costinha (Portugal) diesen Trend besonders eindrucksvoll unterstrichen, sagte der Mainzer Trainer.

          Auch in der Bundesliga wird die "Doppel-Sechs" praktiziert. In Leverkusen teilen sich Simon Rolfes und Carsten Ramelow die Aufgabe im defensiven Mittelfeld, bei Hannover könnte es auf ein Gespann Hanno Balitsch und Altin Lala hinauslaufen, auch in Gladbach stehen mit Eugen Polanski und Peer Kluge zwei geeignete Profis zur Verfügung. Bei Bielefeld könnten Thorben Marx und Rüdiger Kauf, bei Bochum Thomas Zdebel oder Christoph Dabrowski, in Cottbus Mariusz Kukielka und Tomasz Bandrowski den Dienst vor der Abwehr verrichten - entweder allein oder im Duett. Bei Wolfsburg soll Santana Tom van der Leegte assistieren. In Schalke kann Zlatan Bajramovic anstatt oder gemeinsam mit Ernst antreten.

          In Mainz setzt Klopp mit Milorad Pekovic auf eine Alleinlösung, wie dies auch Aachen mit Reiner Plaßhenrich bevorzugt. Dies deutet sich auch bei Frankfurt mit Michael Fink an, wobei mit Jermaine Jones, Christoph Preuß und Benjamin Huggel weitere Kandidaten im Kader stehen. Einige Trainer fahnden noch nach der Ideallösung: Bei Hertha BSC spielten in den Tests Sofian Chaled, Pal Dardai oder Andreas Schmidt im defensiven Mittelfeld, in Hamburg freut sich Thomas Doll über "viele Sechser im Kader, die zudem alle variabel einsetzbar sind", und meint neben de Jong Raphael Wicky und Guy Demel.

          Führungsqualitäten müssen die "Sechser" besitzen, die ihre Bezeichnung aus der Nummernverteilung des früher praktizierten "W-M"-Systems beziehen. Frings hat sich die leitenden Fähigkeiten erarbeitet. Als kompletter Allrounder, der bei der WM 2002 rechter Außenverteidiger spielte und bei Werder früher auch hinter den Spitzen agierte, stört es ihn nicht, wenn er nächsten Sonntag für Bremen in Hannover eine andere Aufgabe erfüllen muß als vier Tage später in Gelsenkirchen im Länderspiel gegen Schweden.

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