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Zweite Fußball-Bundesliga : Der Darmstädter „Derwisch“ Manu

  • -Aktualisiert am

Kaum zu halten: Wirbelwind Braydon Manu Bild: Huebner

Wenn Braydon Manu über den Platz wandelt, dann nur in Höchstgeschwindigkeit. Der Kontrollverlust gehört dazu. Er schwankt zwischen Genie und Wahnsinn. Seine Begeisterung packt nicht nur Mitspieler.

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          Gelinde gesagt, könnte man ihn und seine Spielweise unkonventionell nennen. Die Bezeichnung Hallodri passt auch, oder gleich „Derwisch“. Trainer Torsten Lieberknecht nannte ihn so, weil er, wenn er über den Platz jagt und wirbelt, sich irgendwie immer in Höchstgeschwindigkeit befindet. In Braydon Manus Spiel ist der (zeitweise) Kontrollverlust immer mit eingepreist. Die Grenze zwischen leichtfüßig und Bruder Leichtfuß sind bei ihm fließend. In der fulminanten ersten Halbzeit im Heimspiel gegen St. Pauli (4:0) musste mitunter Sturmspitze Luca Pfeiffer die rechte Außenseite beackern, weil der dort aufgestellte Manu mal wieder Ausflüge kreuz und quer über die gesamte Wiese unternahm. Einen Spieler wie Manu muss man aushalten können als Mannschaft, als Kollektiv.

          2. Bundesliga

          Die zweitplatzierten „Lilien“ in ihrer aktuellen Topform vor dem Match bei Erzgebirge Aue an diesem Samstag (13.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur 2. Bundesliga und bei Sky) können es. Und profitieren von den mitunter wirren Wegen, die Manu mit und ohne Ball am Fuß einschlägt. „Das ist halt der Braydon“, sagt Lieberknecht fast väterlich. Drei Spiele in Folge hat der Pfälzer seinen 1,70 Meter kleinen Dynamiker in die Startelf beordert und Manu hat zu den drei Darmstädter Siegen zwei gekonnte Torvorbereitungen gegen Nürnberg (2:0) und auf Schalke (4:2) sowie einen Treffer gegen St. Pauli beigesteuert.

          Falsche Entscheidungen

          Die Lust und Begeisterung, dieses Mitreißende, was von Manus von anarchischen Momenten durchsetztem Spiel ausgeht, hat auch die „Lilien“-Fans gepackt. Im letzten Heimspiel wurde der in Norddeutschland geborene Ghanaer mit Sprechchören gefeiert – es wirkte wie die Geburt eines neuen Publikumslieblings. Dabei ist Manu längst kein Neuling in Darmstadt mehr. Nur haben ihm seine ihm eigene Wibbeligkeit und taktische Undiszipliniertheiten seit Sommer 2019 kaum Spielanteile bei den Darmstädter Cheftrainern verschafft. Bei seinen wenigen Kurzeinsätzen wirkte Manu manchmal wie blockiert, reihte auf dem Platz falsche Entscheidung an falsche Entscheidung. Und wenn er Kontersituationen auf hanebüchene Art verschluderte, wirkte er oft nicht zweitligareif. In der vergangenen Rückrunde hat der SVD ihn eine Liga tiefer zum Halleschen FC verliehen, von wo er einst nach Südhessen wechselte.

          Ein halbes Jahr dort Stammspieler zu sein, hat ihm gut getan. In Darmstadt war es Lieberknecht, der Manu erstmals so richtig von der Leine ließ. Begünstigt davon, dass der Fußballlehrer das „Überraschungspaket“ (Manu über Manu) in einst gemeinsamer Braunschweiger Zeit kennenlernte und ins Profitraining hochzog. „Er lässt mich so sein, wie ich bin. Das ist wahrscheinlich der Schlüssel bei mir“, sagt Manu, der unlängst erstmals zur ghanaischen Nationalmannschaft eingeladen wurde und dessen Vertrag in Darmstadt am Saisonende ausläuft.

          „Mentalität, Zweikampfhärte und Aggressivität“

          Zu Fußball nach Schema oder Fußball mit Schablone passt der 24-Jährige nicht. Nun ist Zweitligafußball beileibe keine Wunschkonzert und das temporäre Scheitern ist in Manus Spiel quasi angelegt. Aber Manu hat sich in kurzer Zeit gewandelt zu einem Spieler, vor dem gegnerische Trainer intern warnen dürften. Gewarnt hat auch Lieberknecht. Und zwar vor der Erwartung, dass es mit glänzenden Darmstädter Siegen in Serie immer so weitergehen wird – auch im kalten Erzgebirgestadion ohne Zuschauer, weil Sachsen mit enorm hohen Inzidenzwerten zu kämpfen hat. „Selbst ein rotziges 1:0 wäre mir recht, um zu zeigen, dass wir auch solche Spiele mit wahnsinniger Mentalität, Zweikampfhärte und Aggressivität in petto haben und annehmen“, sagte Lieberknecht.

          Manu war beim SVD noch nie ein Mann für 90 Minuten – und das dürfte auch in Aue so sein, weil er sich gegen St. Pauli eine schmerzhafte Prellung zugezogen hatte. Wenn Lieberknecht über ihn spricht, muss er schmunzeln. Es amüsierte ihn, wie Manu, als er gegen St. Pauli entkräftet und angeschlagen auf dem Rasen lag, der Trainerbank mit allen Fingern signalisierte, dass er noch genau zehn Minuten spielen könne. „Braydon bringt ein unglaubliches Herz mit. Manchmal ist es zwar nicht das, was der Trainer vorgibt. Aber manchmal hilft es dann auch“, sagte Lieberknecht lachend.

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